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Lauschiges Plätzchen auf trutzigem Turm

02.04.2015 - 0 Kommentare

Der trutzige Turm der evangelischen Kirche zu Crumbach ist seit seiner Sanierung ein vielgenutzter Lebensraum für Turmfalken, Dohlen, Hausrotschwänze und Sperlinge. Jetzt brütet sogar eine Nilgans in einer der Scharten des ehemaligen Wehrturms.

 

Den Treppenaufgang des Turms erreicht man durch eine niedrige Holztür hinter der Orgel. Von dort sind die Nistplätze der bedrohten Tierarten gut einzusehen. Das lauschige Plätzchen der Nilgans liegt auf der mittleren Höhe des Kirchturms, nur durch ein Glasfenster vom Innenraum getrennt. So kann man sich der brütenden Gans bis auf etwa drei Meter nähern, ohne ihr wichtiges Tun zu stören.

 

Küster und Hausmeister Lothar Flamme (42) hatte das Tier bei einem seiner Kontrollgänge als Erster entdeckt: „Die Nilgans brütet sechs große Eier aus", sagt der Mitarbeiter der evangelischen Kirchengemeinde Lohfelden. Seine Sorge, dass die relativ große Gans aus der vorne
schmalen Öffnung ihres Nistplatzes nicht mehr herauskomme, habe sich als unbegründet erwiesen, so der Küster.

 

Dieter Werner, 2. Vorsitzende der Nabu-Ortsgruppe, erklärt, dass die aus Afrika stammenden Nilgänse seit einigen Jahren in der nordhessischen Region heimisch geworden seien. 2013 habe schon einmal eine Nilgans zehn Junge im Kirchturm ausgebrütet, es könnte dasselbe Tier sein, meint der Vogelschützer.

 

Wer sich ein bisschen mehr Zeit nimmt, kann das hübsche Nilgans-Pärchen während einer Pause vom Brutgeschäft auch auf dem Kirchenschiff oder auf dem Dachfirst eines benachbarten Fachwerkhauses bewundern. Es stört die Gänse gar nicht, dass immer wieder Dohlen oder Turmfalken auf dem Weg zu ihren Nistplätzen haarscharf an ihnen vorbeisegeln. Ein besonders eindrucksvolles Bild bietet sich dem Betrachter, wenn mehrere Vögel die vergoldete Turmzier und Wetterfahne auf der Spitze des Kirchturms gemeinsam besetzt halten.

 

Der Naturschutzbund und die evangelische Kirchengemeinde hatten während der Sanierung der unter Denkmalschutz stehenden historischen Kirche dafür gesorgt, dass die Nistmöglichkeit für bedrohte Tierarten erhalten bleibt. „Unser Engagement ist 2007 im Rahmen der bundesweiten Aktion vom Naturschutzbund mit der Verleihung einer Plakette gewürdigt worden", sagt Pfarrer Klaus Dieter Inerle. Nach anfänglicher Skepsis freue er sich heute über das umtriebige Leben im Kirchturm. Es sei kein größeres Problem, den Weg zum Eingang des Gotteshauses hin und wieder vom Kot der Vögel befreien zu müssen, sagt der Lohfeldener Seelsorger, der in Crumbach zurzeit Pfarrer Bernd Henning vertritt.

 

Die bunte Vielfalt der gefiederten Turmbewohner, die inzwischen alle Öffnungen im Mauerwerk für ihre Brutgeschäfte in Beschlag genommen haben und immer wieder ein- und ausfliegen, zieht viele Schaulustige und Hobbyfotografen an.

 

„Wir empfinden das vielfältige Leben im Kirchturm als eine Bereicherung", sagt der Kirchenälteste Wolfgang von Heusinger (86). Während des Gottesdienstes sehe man hinter der neuen Glaskunst an den Kirchenfenstern manchmal einen breiten Schatten hochfliegen. Die umtriebigen Vögel stören die Andacht jedoch überhaupt nicht, so von Heusinger.

 

Text und Fotos:

 

 

 

 

Hans-Peter Wohlgehagen

 

 

 

 

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