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Im Rausch der Farben

23.01.2015 - 0 Kommentare

Sechs Oasen bilden inmitten der südmarokkanischen Steinwüste einen Garten Eden. Sein Herz ist der Drâa, Marokkos längster Fluss, an dessen Ufern mehr als eine Millionen Dattelpalmen stehen. Jahrhundertelang zogen dort Karawanen mit Gold, Salz und Sklaven vorbei nach Schwarzafrika und machten das Drâa-Tal zu einem Sammelbecken der Kulturen, in dem heute Araber, Berber, Juden und Schwarzafrikaner Seite an Seite leben.

 

 

 

Es sind vor allem die Farben und das Licht, die im Süden Marokkos begeistern. Es ist eine Welt aus intensiven Tönen in Weiß, Gelb, Orange, Rot, Beige, Braun und Gold. Wer die Stadt Marrakesh in den Nachmittagsstunden in Richtung Südosten verlässt, erlebt diesen Farbrausch mit besonderer Intensität. Die Natur leuchtet in satten Farben, die nur das Nachmittagslicht so klar wiederzugeben vermag: nackte rote Erde, runde braune Bergkuppen, beige Häuseransammlungen so quadratisch wie Würfel.

 

 

 

 

Mysterium des Lichts

 

 

 

Man tuckert mit dem Jeep in meist nicht allzu hohem Tempo eine sich endlos windende Straße in den Hohen Atlas hinauf. Es ist die einzige Route, die von Marrakesh aus über den 2260 Meter hohen Tizi-n-
Tichka-Pass in das im Süden gelegene 200 Kilometer lange Drâa-Tal führt. Wer den Pass zum Sonnenuntergang erreicht, dem offenbart sich ein reizvolles Naturschauspiel, in dem nur die Macht des Gebirges, die Kraft der Farben und das Mysterium des Lichts spielen.

 

Hat man den höchs-
ten Pass Marokkos hinter sich gelassen, verschwindet auch der Reichtum des Morgenlands im Nichts. Die kurvenreichen Straßen sind der Übergang in eine andere Welt. Eine Welt aus Kasbahs (Festungen), Oasen, Dattelpalmen, Dromedaren, Nomaden – und der legendären marokkanischen Lehmarchitektur. Sanft eingebettet in eine großartige Landschaft.

 

Wenige Kilometer hinter dem Tizi-n-Ticka-Pass führt eine Schotterstraße Richtung Osten. Nach kurzer Wegstrecke erreicht man am Südhang des Hohen Atlas die zinnenbewehrte Kasbah von Telouèt, einst Wohnburg des mächtigen Berberfürsten El Glaoui. In den Abendstunden entfaltet sie einen morbiden Charme, wenn die Sonne als veilchenblaue Kugel hinter den Mauertrümmern verschwindet. Dahinter verbergen sich Zeugnisse opulenten Reichtums: Stuckdekorationen, Fliesenmosaike und gläserne Kuppel.

 

Das alte Wehrdorf Ait Benhaddou, gelegen vor einem Berg aus rotem Sandstein am linken Ufer des Mellah, der im Winter und Frühling ein bisschen Wasser führt, gilt als einer der schönsten Orte des Landes. Das malerische Dorf, das seit 1987 zum Unesco-Weltkulturerbe gehört, besitzt viele eindrucksvolle ockerfarbene Kasbahs, die heute nur noch wenige Familien bewohnen. Der Besuch dort heißt eintauchen in ein anderes Leben: junge Männer holen Wasser am Brunnen, Esel sind mit Lasten bepackt, Frauen backen Brot in igluförmigen Lehmöfen.

 

 

 

 

Gebirge ohne Vegetation

 

 

 

Vorbei an der ehemaligen französischen Garnisonsstadt Ouarzazate führt der Weg durch ein Gebirge ohne Vegetation, bis man den 1160 Meter hohen Tizi-n-Tinififft-Pass erreicht. Von dort eröffnet sich der Blick auf dem einer Mondlandschaft gleichenden Jbel Sarhro. Seine gestaffelten Bergketten erheben sich in der Ferne, schimmern je nach Tageszeit zwischen Braunviolett und Lavendelblau.

 

Am Fuße des Passes liegt das Oasendorf Agdz. Dort beginnt das grüne Band aus sechs Palmenhainen, das sich entlang des Drâas bis nach M’Hamid kurz vor der algerischen Grenze durch eine Wüste aus Geröll, Stein und Sand schlängelt. Klapprige Busse, schrottreife Sammeltaxis, bis über die Dachspitze beladene Laster belagern die einzige Hauptstraße.

 

 

 

 

Reise in die
Vergangenheit

 

 

 

Dahinter ragt der 1500 Meter hohe Jbel Kissane in den Himmel. In der Mittagshitze ertrinkt seine Spitze im Dunst. Unterhalb liegt die trutzige Gestalt der Kasbah Tamnougalt. Wie eine Reise in die Vergangenheit mutet der Alltag dort an: Frauen mit bunten Schleiern, die im Flussbett waschen oder ihre Einkäufe auf dem Kopf nach Hause balancieren. Männer in Blau, die sich vor der Hitze mit einem Turban schützen und in Hauseingängen Tee trinken. Eine Herde Ziegen, die vorbeirast.

 

Nicht weit entfernt biegt eine staubige Piste nach Nekob ab. Am Horizont zeichnet sich schwarz der Jbel Rhart ab, an seinen steilen Felsen schmiegen sich, mit bloßem Auge kaum erkennbar, Nomadenzelte, Dromedare trotten durch die karge Ebene. Nichts spendet Schatten. Man hat einen freien Blick über eine goldbraune Ebene, bis in der flirrenden Sonne Ait Ouazik auftaucht.

 

 

Kehrt man der einsamen Oase den Rücken, gelangt man über den etwa 1400 Meter hohen Tizi-n-Tafifalet-Pass in die Wüs-
tenstadt Zagora, die einst die Karawanen nach Schwarzafrika passierten. Ein alter Wegweiser im rosa getünchten Zentrum erinnert an vergangene Zeiten: „52 Tage nach Timbuktu". Am Abend versinkt die Sonne als glühender Feuerball über den Dächern der Stadt und dem Massiv des Jbel Bani in den Dünen der Sahara.
Helga Kristina Kothe

 

 

 

 

 

• Buch: Südmarokko, Lutz Redecker, Michael Müller Verlag, ISBN 978-3-89953-361-3, Euro 15,90

 

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