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Die Dillenburger Orgel schweigt für ein Jahr

23.01.2015 - 0 Kommentare

 

Dillenburg. Kaum ist sie da, ist die Orgel weg: „Ich sehe das mit einem weinenden und einem lachenden Auge", sagt Petra Denker. Die neue Propstei-Kirchenmusikerin ist am 1. Advent offiziell in ihren Dienst eingeführt worden. Dass kurz nach ihrer feierlichen Einführung die große Oberlinger-Orgel für die Sanierung des Schieferdaches und des Gebälks aus Sicherheitsgründen abgebaut wurde und mindestens für ein Jahr schweigen wird, bedauert sie sehr. Aber die Dachsanierung der Evangelischen Stadtkirche habe Priorität. Nun ist die Stadtkirche Dillenburg für die Öffentlichkeit gesperrt: Die Gottesdienste finden während der Bauphase im Evangelischen Gemeindehaus Am Zwingel statt.

 

 

 

Damit die große Oberlinger-Orgel im Kirchenraum durch die Arbeiten keinen Schaden nimmt, wurden die Pfeifen von Mitarbeitern der Orgelbaufirma Nicolaus & Förster aus Lich ausgebaut. Viel Wissen und handwerkliches Geschick ist dafür notwendig: 46 Register hat die Orgel, die in den 1990er-Jahren hinter dem wiedergefundenen barocken Orgelprospekt von 1719 der ehemaligen Wang-Orgel errichtet wurde.

 

„Mit Werken von Mendelssohn und Bach habe ich mich persönlich von der Orgel verabschiedet", sagt Kantorin Denker, die sich beim Abbau der Orgel ein Bild vom Innenleben des königlichen Instruments machen konnte. „Manches lässt sich erst jetzt erkennen", sagt sie. So schlage sich zum Beispiel die Luftfeuchtigkeit im Kirchenraum auch im Instrument nieder. Die neue Propsteikantorin ist froh, dass sie in den Wochen vor ihrer Einführung das Instrument noch intensiv spielen und so den Klang kennenlernen konnte. Denn: „Ich muss mir den Klang für den Wiederaufbau einprägen."

 

Die Orgelbauer Thomas Küpper und Eric Schönberner haben die Holzpfeifen fachmännisch in Augenschein genommen: „Sehen Sie hier die grauen Stellen? Das ist Schimmel. Die Pfeifen müssen vor dem Wiedereinbau unbedingt behandelt werden."

 

Die ausgebauten Pfeifen wanderten über einen Lastenaufzug in den Kirchenraum. Im Chorraum über dem Altar wurde ein fünf Meter breiter und sechs Meter hoher Verschlag aufgebaut, in dem die silbernen und hölzernen Klangkörper künftig staubfrei verwahrt werden. „Das ist ein enormer Vorteil", sagen die Orgelbauer, denn jeder Transport berge Gefahren. „Hier im Raum verbleiben sie auch im gewohnten Klima. Denn ein anderes Raumklima kann ebenfalls den Klang beeinflussen".

 

Johannes Beckers und Michael Hoeft sind für die Einlagerung verantwortlich. „Orgelpfeifen bestehen aus Zinn und Blei und sind empfindlich für Erschütterungen oder Staub", sagt Johannes Beckers. Und aufgrund des weichen Materials dürften die Pfeifen auch nur stehend gelagert werden. „Würde man sie legen, könnten sie sich verformen."

 

 

Holger J. Becker-von Wolff

 

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