Du bist von Gott geliebt!

21.07.2010 - 0 Kommentare

Die Theologin Dorothee Sölle wurde einmal gefragt, wie Gott aussähe – wie-sieht-Gott-aus? Ihre Antwort war verblüffend: „Diese Frage ist bemerkenswert blöde", sagte sie, „ich kenne keinen vernünftigen Erwachsenen, den es interessiert, wie Gott aussieht. Ich stelle mir Gott nicht vor, weder als Vater, noch als Taube, noch als Weltraum oder sonst wie ... Falls meine Kinder mich das fragen würden, dann würde ich ihnen ein Foto zeigen von einem kleinen indischen Mädchen, das Hunger hat. Dann würde ich sagen: So sieht Gott aus! Und am nächsten Tag ein Foto von einem Vietkong-Jungen hinter Stacheldraht. Und sagen: So sieht Gott aus."

Liebe Leser, ich weiß nicht, ob diese Antwort Ihnen weiterhilft bei der Frage nach Gott; mich hat sie zumindest eigentümlich berührt – weil sie nämlich meine eigenen Bilder und Vorstellungen, die ich so von Gott habe, gehörig auf den Kopf stellt, sie sozusagen erdet – vom Schreibtisch weg hinein ins Leben. Gott, der so aussieht wie ein hungerndes indisches Mädchen, ein gefangener Vietkong-Junge oder wie eins der Opfer der Terroranschläge unserer Zeit, kann dann für mich heißen: Gott steht ganz auf unserer Seite und – er leidet auch mit uns und an uns.

Gottes Leidenschaft – darum geht es auch in einem Bibeltext aus dem Buch des Propheten Jesaja. Die Begegnung mit Jesaja führt uns in eine Zeit, in der das Volk Israel vor dem Aus stand. Von der damaligen babylonischen Weltmacht überrannt, lagen Jerusalem und der Tempel in Schutt und Asche. Ein Großteil der Bevölkerung war zwangsdeportiert. Da saßen sie nun in Babel, Frauen, Männer und Kinder, erniedrigt– heimatlos – „gottverlassen". – Dann würde ich sagen: „So sieht Gott aus!"

Bei Jesaja im 54. Kapitel, Verse 7–10, heißt es von ihm:

„Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen, aber mit großer Barmherzigkeit will ich dich sammeln.

Ich habe mein Angesicht im Augenblick des Zorns ein wenig vor dir verborgen, aber mit ewiger Gnade will ich mich deiner erbarmen, spricht der HERR, dein Erlöser.

Ich halte es wie zur Zeit Noahs, als ich schwor, dass die Wasser Noahs nicht mehr über die Erde gehen sollten. So habe ich geschworen, dass ich nicht mehr über dich zürnen und dich nicht mehr schelten will.

Denn es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der HERR, dein Erbarmer."

Ein kurzer Text, der aber so unglaublich viele Gefühle und Bilder freisetzen kann. Bilder, in denen wir uns und Gott vielleicht wieder entdecken können, solche, die wohl tun und trösten – aber vielleicht auch Bilder, die uns kalt lassen, irritieren, sogar ärgern oder schmerzliche Erinnerungen wachrufen:

„Warum hat Gott das zugelassen?"

„Gott hat uns verlassen!"

„Wo war er, als ich ihn so nötig brauchte?"

Jesaja geht dem Schmerz und der Ratlosigkeit, die die Frage nach Gott auslösen kann, nicht aus dem Weg. Der Prophet weiß schließlich, wovon er spricht. Er hat ihn erfahren, den verborgenen Gott. Und Menschen können ihn auch heute noch erleben. So wie es auch noch die zerstörerischen Erfahrungen von „Sintfluten" gibt, die über Menschen einbrechen: Erdbeben, Überflutungen, aber auch die sintflutartigen Katastrophen in unserem Leben: Krankheiten, der Verlust eines geliebten Menschen, Einsamkeit, die uns zermürbt.

Die Unbegreiflichkeit des Leidens weist uns hin auf die Unbegreiflichkeit Gottes. Vielleicht kann die Rede vom verborgenen und zornigen Gott uns helfen, dass wir uns von dem allzu naiven Bild vom „lieben Gott" endlich verabschieden, dass wir Gott Gott sein lassen, ihn in seiner Unbegreiflichkeit anerkennen. Wir sind nicht „im Besitz Gottes". Es gibt im Glauben und in der Suche nach Gott Fragen, mit denen wir nie an ein Ende kommen, mit denen wir leben müssen.

„Gott hat 100 Namen", heißt es. Gleichgültigkeit indes ist keiner dieser Namen. Wer zornig ist, kann nicht gleichgültig sein. Aber Gottes Zorn ist nichts anderes als die andere Seite seiner leidenschaftlichen Liebe. Sein letztes Wort ist ein überwältigendes, unergründbares Erbarmen: „Denn es sollen wohl Berge weichen und Hügel fallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen." Gott schreibt uns unverbrüchlich ins Herz: Du bist geliebt! Jede und jeder von uns kann sich das gesagt sein lassen: Du bist geliebt, angenommen. Trotz deiner Grenzen und Begrenzungen bist du bei Gott liebenswert genug. Bei Gott hast du einen festen Platz, du bist nicht nur in der äußersten Ecke geduldet, sondern in seinem Herzen. Gott ist nicht nur glanzvoll da, sondern auch im Dunkel. Er lässt sich hineinziehen auch in unsere Leidens- und Todesgeschichten.

„Wie sieht Gott aus?" – Dann zeige ich auf das Kreuz und sage: So sieht Gott aus! – Das Kreuz Jesu sagt mir: Gott ist mir auch im Leiden nahe, und er ist den Leidenden nahe. Viele denken: Das Leid ist ein Zeichen der Abwesenheit Gottes. Gott hat mich verlassen. Nein, er lässt uns nicht allein, auch nicht im ungelöstesten und unlösbarsten aller menschlichen Probleme, im Leiden. Gott leidet mit. Der Gott, an den wir glauben, geht an den offenen Wunden nicht vorbei, er trägt sie selbst, und er hat die Kraft, sie zu verwandeln. Am Nullpunkt menschlicher Existenz, dort, wo wir mit unseren Fähigkeiten buchstäblich am Ende sind, da beginnt Gott.

Pfarrer Dr. Jörg Mosig, Haina-Kloster

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