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Gemeinsam gegen den Individualismus

21.07.2010 - 0 Kommentare

Germerode. „Es war eine Überraschung für uns, dass wir gerufen wurden", sagt Traudl Priller. Die Mitglieder der evangelischen Communität Koinonia wollten eigentlich nur ein Wochenende in den Seminarräumen des Klosters Germerode auf dem Meißner verbringen. Doch Pfarrer Manfred Gerland kam auf die Idee, den Standort des romanischen Klosters aus dem 11. Jahrhundert mit einer modernen evangelischen Gemeinschaft wieder zu beleben. „Die Besucher der historischen Klos-terkirche sollen nicht nur leere Gemäuer hier vorfinden, sondern auch Menschen im Klos-
ter antreffen können", ergänzt die Schwester.

Deshalb schrieb die Gesellschaft für die Erhaltung des Klosters Germerode einen Architekturwettbewerb aus, an dessen Ende der modernste Entwurf für das neue Konventsgebäude den Zuschlag bekam, ein Würfel aus Beton und Glas.

„Anfangs haben wir selbst unser Befremden angesichts des modernen Entwurfs ausgedrückt, doch letzten Endes ist das Gebäude stimmig", sagt Pastor Dr. Wolfgang Kubik, Mitbegründer der Communität Koinonia. „Es wäre sinnlos, die Romanik kopieren zu wollen. So stellt sich das Gebäude unauffälliger in den Schatten des Klosters." Die vier Geschwister der Kommunität sind mit ihrem Konvent nun Mieter auf dem Klostergelände. Das neue Gebäude wurde am 11. Juli eingeweiht, doch außer den Konventsmitgliedern wuseln noch zahlreiche Bauarbeiter durch die Räume.

Das griechische Wort „Koinonia" bedeutet „Gemeinschaft" oder auch „Teilhabe" und steht für das, was die spirituellen Mitglieder suchen. „Das Wort drückt ein Bedauern über den Individualismus in der Gesellschaft und auch in der Kirche aus", erklärt Wolfgang Kubik. Dagegen steht ihr Zusammenleben.

Die Communität Koinonia wurde 1976 von vier jungen Theologen in Niedersachsen gegründet und unterstellte sich 1990 der Visitation der Landeskirche Hannover. Als eine religiöse Gemeinschaft, in der Ehepaare, Familien und Einzelpersonen in Gütergemeinschaft leben und auch ihren Berufen weiterhin nachgehen, haben sie sich eine gemeinsame Regel gegeben, in deren Zentrum die tägliche Evangelienlesung und das betrachtende Gebet stehen.

„In der Nachfolge Jesu suchen wir einen Lebensstil, der gekennzeichnet ist durch Einfachheit und Konzentration", heißt es in der geistlichen Ordnung. Zu den vier bestehenden Konventen in Herrmannsburg, Göttingen, Heidelberg und Mmabotho in Südafrika, in denen jeweils vier bis acht Geschwister leben, kommt nun Germerode als fünfter Standort.

„Heute in einem Konvent zu leben, bedeutet für uns, sich für ein ganzes Leben in der evangelischen Kirche zu entscheiden", sagt Christine Kubik. Dabei suchen die Geschwister die Spiritualität aber nicht nur für sich allein. Täglich außer dienstags feiern sie öffentliche Andachten um 12 Uhr und um 18 Uhr in der historischen Klosterkirche, an der jeder teilnehmen darf, der dazu Lust hat. Auch warten in dem Neubau drei Gästezimmer auf Besucher, die für eine Weile Abstand von ihrem Alltagsleben brauchen, sich selbst finden und in der Gemeinschaft mitleben wollen.

Das Interesse am Rückzug in ein stilleres Leben – und sei es auf Zeit – ist nach wie vor ungebrochen. Viele Gäste stehen am Beginn ihrer zweiten Lebenshälfte, suchen neue Orientierung, erläutert Wolfgang Kubik. Immer wieder treten auch Novizen der Communität bei, die mit 42 Jahren ein recht junges Durchschnittsalter hat. „Das Wachstum ist zwar nicht unbedingt stürmisch, doch ist es stetig", räumt Traudl Priller ein. Das Leben im Konvent bietet Beschaulichkeit. Nach einer Morgenandacht und dem gemeinsamen Frühstück werden die Aufgaben des Tages besprochen. Berufstätige Mitglieder wie Esther Schröder gehen zur Arbeit. Im Konvent in Germerode gibt es neben der Küche, dem Büro und den Zimmern der Geschwister, einen Andachtsraum, eine Bibliothek und einen gemeinsamen Speise- und Wohnraum.

Ein historischer Mauerrest vor dem großzügig angelegten Eingangsbereich, in dem so alltägliche Dinge wie Wäscheständer stehen, weist auf die unterirdische Existenz der Kellergewölbe des ehemaligen Klos-
ters hin. Über eine enge Treppe in den kühlen Untergrund, kann man die drei gotischen Gewölbe durchqueren, um am anderen Ende eine moderne Treppe zu erklimmen und in den zweiten Neubau, das ebenso würfelförmige Klosterforum zu gelangen.

Hier wird noch lautstark gebaut. Wenn die Handwerker fertig sind, sollen Gruppenräume z. B. für Jugendgruppen in dem Gebäude, das über eine Dachterrasse verfügt, eingerichtet werden.

Kristin Weber

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