aktuelles

In der Schöpfung sich selbst erkennen

16.07.2010 - 0 Kommentare

Da machte Gott der Herr den Menschen aus Erde vom Acker und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendes Wesen. Und der Herr nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte (1. Mose 2, 7.15).

 

Sie werden aus der Erde geboren und steigen auf zu einem Kranz farbigen Lebens: die Schlange und der Wurm, der Löwe und das Schaf, der Käfer und das Pferd und auch – ein Menschenpaar. Sie halten sich an den Händen, Mann und Frau, und mit ihren Beinen berühren sie die Tiere, und die Tiere wiederum berühren einander auch, und alle zusammen sind sie zu einem dichten Kranz verflochten. Das Bild von Hans-Dieter Credé zum 6. Schöpfungstag scheint ein Wort von Kirchenvater Basilius zu illustrieren: „Die ganze Schöpfung ist ein singender Chor und ein Reigentanz". Alle Geschöpfe tanzen um eine unsichtbare Mitte. Das Wort Kranz kommt ja von Krone; und so zeigt sich uns ein wunderbares Gesamtkunstwerk. Gott offenbart sich in seiner Schöpfung in einmaliger Schönheit und Vielfalt. Jedes Geschöpf ein Edelstein in seinem Diadem. Von Gott gerufen, den Schöpfer zu loben durch sein Dasein und das Leben zu feiern.

Alles Leben eint das gleiche Schicksal, die gleichen Gesetze. Alle Geschöpfe wollen leben, alle sind sterblich und kehren zur Erde zurück. Und alle hoffen auf die endgültige Befreiung von Schmerz und Tod. „Alle Wesen, die in Gottes Ordnung stehen, antworten einander", erkannte Hildegard von Bingen, die große Seherin und Heilerin. In ihren Lebensräumen sind Menschen, Tiere und Pflanzen aufeinander angewiesen. Unser Hund oder unsere Katze sprechen nicht unsere Sprache, und doch reden sie mit uns durch Laute und Zeichen und den Ausdruck in ihren Augen. Gottes Geist, der alle Wesen beseelt, ermöglicht einen ebenso zarten wie intensiven Austausch. Wer diese Kommunikation erlernt, erfährt Liebe und Glück.

Es ist die Gewohnheit, die unsere Sinne abstumpft für die Welt der Wunder. Wir glauben alles zu kennen und haben die Dinge doch nur selten bewusst angeschaut. Achten Sie einmal darauf, wie Ihre Sinne sich öffnen wollen, und wie es sie drängt, das Schöne aufzunehmen, in der schönsten Zeit des Jahres! Viele Wochen hat uns das klare Flöten der Amseln und das zärtliche Gezwitscher der Grasmücken erfreut. Jetzt betreten die Blumen des Hochsommers die Bühne. Gehen Sie nicht achtlos vorbei an den blauen Wegwarten! Nehmen Sie sich Zeit, in diese blauen Augen zu schauen! Spüren Sie in sich die Resonanz? Auch in Ihnen selbst singt ein Vogel und blüht eine blaue Blume. Wenn wir uns bewusst für sie öffnen, wird uns die Schöpfung zum Spiegel. Unsere Seele spiegelt sich in ihr. In allem, was uns begegnet, treffen wir uns selbst an. „Gott braucht Mensch und Schöpfung zur Selbstoffenbarung, der Mensch aber braucht die Schöpfung Gottes zur Selbsterkenntnis" wusste die weise Hildegard.

Die Schöpfung als Ganzes offenbart jedoch gegenwärtig über den Menschen wenig Gutes. Das Jahr 2010 ist zum „Jahr der Artenvielfalt" erklärt worden, weil wir ein nie da gewesenes Artensterben erleben. Wir leben buchstäblich im Zeitalter des Verschwindens, und als Verursacher kann erstmals der Mensch gelten. Wann haben Sie zum letzten Mal eine Lerche gehört? Ein Rebhuhn gesehen oder einen Laubfrosch? Sie verschwinden lautlos, unbemerkt, weil ihre Lebensräume zerstört werden. In Deutschland gilt bereits die Hälfte der 260 Vogelarten als gefährdet. Unser Rohöl vergiftet die Meere und unser Müll erstickt die Städte. Dennoch fürchten hierzulande manche Mitmenschen den „Vogeldreck" und bringen unter ihren Dachtraufen Flatterbänder an, damit keine Schwalben dort nisten. In ordentlichen, aber lebensfernen Gärten wird kein Unkraut mehr geduldet. Aber auch Tiere brauchen ein Zuhause, und sei es ein Haufen Reisig oder ein Busch Brennnesseln in einer Gartenecke.

Der Zustand unserer Welt sagt über den Menschen aus, dass er die Schöpfung Gottes und seine Rolle darin bisher nicht verstanden hat. Das feine Gewebe des Lebens weist immer mehr Lücken auf. Ja, es löst sich auf. Weltweit sind mehr als ein Zehntel aller Pflanzen vom Aussterben bedroht, ein Achtel aller Vogelarten, ein Viertel aller Säugetiere und die Hälfte aller Fische. Die Schöpfung lebt in unseren Herzen und in unseren Seelen, wir leben von und mit ihr, und wenn sie stirbt, dann sterben auch wir. Doch wir können nur schützen, was wir kennen, was wir lieben und respektieren.

Gottes Wille möge geschehen – im Himmel wie auf Erden: das Vaterunser besteht darauf, dass der Mensch in einem kosmischen Zusammenhang steht. Wir könnten hinzufügen: lehre uns, unseren eigenen Willen zurückzunehmen und lass uns zu Liebhabern und Hütern des Lebens werden!

Pfarrerin Erika Eckhardt, Marburg

Kommentar schreiben

Mein Probe-Abo

Schenken Sie sich gratis zwei Wochen lang zum Kennenlernen das Kasseler Sonntagsblatt.

Jetzt anfordern



Geschichten aus Kleindottersdorf

Das neue Buch von Reinhard Heubner

Jetzt bestellen



Leserreisen

Aktuelle Prospekte 2012

Jetzt anfordern