
Hephata bittet ehemalige Heimkinder um Entschuldigung
Schwalmstadt-Treysa. 15 ehemalige Heimkinder haben sich in den vergangenen neun Monaten an die diakonische Einrichtung Hephata gewandt. Sie waren in den 1950er bis 1970er Jahren in Hephata und berichten heute von teils massiver körperlicher, aber auch sexueller Gewalt, die ihnen angetan wurde. Hephata Diakonie und die Diakonische Gemeinschaft bittet diese und andere Heimkinder um Entschuldigung für das, was ihnen angetan wurde. „Gewalt wurde als Mittel zur Erziehung angewandt", schilderte Pfarrerin Barbara Eschen bei einer Pressekonferenz. „Wir wissen, dass wir nichts ungeschehen machen können", sagte sie. Mit der Bitte um Entschuldigung will der Vorstand von Hephata auch die Arbeit des Runden Tisches Heimerziehung unterstützen. Rund 1600 Kinder und Jugendliche waren zwischen 1950 und 1970 in Hephata, schätzt Eschen. Seit November vergangenen Jahres gibt es die Möglichkeit für Heimkinder, Kontakt über die Webseite mit Hephata aufzunehmen. Viele halten noch heute Kontakt zu ehemaligen Mitarbeitern. Einige treffen sich jährlich auf den Hephata-Festtagen im September. Direktor Peter Göbel-Braun ist der Ansprechpartner für die ehemaligen Heimkinder. „Viele leiden unter ,Entwurzelung‘", schildert Göbel-Braun. Als Beispiel schildert er das Schicksal eines Mannes aus Berlin. Dort war er in acht Heimen, bevor er nach Hephata kam. „Es gab kaum Kontakte außerhalb des Heims", erzählt Göbel-Braun. Hier erlebte er körperliche Gewalt. Auch eine Frau, die von 1948 bis 1963 in Hephata war, erzählte Göbel-Braun ihr Leben. Bis heute weiß sie nicht, wer ihr Vater ist. Die Erzieherinnen schlugen sie. Sie und die anderen Kinder wurden zur Strafe in den Kohlenkeller eingesperrt oder von älteren drangsaliert. Auch die Schamgrenzen wurden beispielsweise beim samstäglichen Baden massiv verletzt. „Die Einweisung ins Heim war damals gesellschaftlich gewollt", sagt Göbel-Braun. Aus den Großstädten kamen teilweise ganze Zugabteile von Kindern und Jugendlichen ins Heim aufs Land. Hephata war beispielsweise bis 1990 für Kinder aus Berlin zuständig. „Strafen waren Teil des Systems", schildert der Hephata-Direktor den Zeitgeist. Allerdings wurden dabei auch in Hephata Grenzen überschritten. Für die Betroffenen ist die Aufarbeitung des eigenen Lebens oft ein jahrelanger Prozess. „Viele haben sich den eigenen Familien nicht geöffnet", sagt Göbel-Braun. Hephata will dabei helfen. Sollte es zu einer gesetzlichen Regelung kommen, will sich Hephata auch finanziell engagieren. Wer misshandelt worden sei, möge sich in Hephata melden und berichten, ermutigt Barbara Eschen Betroffene. Internet: www.hephata.de. Karsten Leonhäuser


