
Altkanzler Helmut Schmidt geehrt mit Point-Alpha-Preis
Jörg-Uwe Hahn (FDP), hessischer stellvertretender Ministerpräsident, schlendert in graugestreiftem sommerlichem Anzug über den einstigen Grenzpunkt Point Alpha. Hier wachten die Amerikaner an vorderster Front an der deutsch-deutschen Grenze zwischen Rasdorf und Geisa. Christean Wagner, Vorsitzender der CDU-Fraktion im hessischen Landtag, diskutiert mit Mitarbeitern, ob Helmut Schmidt 90 oder 91 Jahre alt ist. „Meine Mutter ist 90 und Helmut Schmidt war immer ein Jahr älter", kläre ich auf. Alles wartet an diesem Tag auf den Altbundeskanzler. Er wird geehrt mit dem Point-Alpha-Preis, immerhin dotiert mit 25.000 Euro. Und Bischof Dr. Martin Hein, Mitglied des Kuratoriums Deutsche Einheit und zuständig für die Preisauswahl, sagt mir dazu: „Helmut Schmidt wird nach Kohl, Gorbatschow und Busch ausgezeichnet als bekennender Europäer, als Architekt des Nato-Doppelbeschlusses und für seine Rolle beim KSZE-Prozess, mit dem weitsichtig tatsächlich mehr Frieden möglich wurde, letztendlich sogar die Wiedervereinigung." Mehr als 1000 Menschen sind zum einstigen Militärstützpunkt und zur jetzigen Gedenkstätte gepilgert, darunter Thüringens Ministerpräsidentin Lieberknecht und der Laudator des Geehrten, der Theologe und SPD-Mitstreiter Richard Schröder. Ein mächtiger Paukenwirbel setzt ein. Das Heeresmusikkorps aus Erfurt begrüßt majestätisch. Helmut Schmidt wird dazu unter großem Beifall von seinen Personenschützern im Rollstuhl in die festlich geschmückte Halle geschoben. Ein schwarzer Kopfhörer umschließt sein silberweißes Haar. Andächtig schenkt er den Begrüßungsworten der Ministerpräsidentin Gehör. Die ganz persönlich: Einst habe sie als Pfarrerin in der DDR gegen die Nachrüstung und den Doppelbeschluss protestiert. Und Frieden und Freiheit für ganz Deutschland schienen unvorstellbar. „Ihre Politik, Herr Bundeskanzler Schmidt, erwies sich trotz aller Proteste vor der Geschichte als weitsichtig und klug." Ministerpräsidentin Lieberknecht ist überzeugt, dass ohne den Nato-Doppelbeschluss 1989 die Mauer nicht gefallen wäre, es keine Wiedervereinigung gegeben hätte. „Dass ich mit ihnen zusammen einmal an gerade diesem Ort stehen und danken könnte, hätte ich mir Jahrzehnte niemals träumen lassen!" Da geht doch wirklich ein Lächeln über das Antlitz des Altkanzlers an diesem 17. Juni. Wer weiß denn noch, welche Bedeutung diesem Datum zukommt, der lange sogar Feiertag war. Es war 1953, als Arbeiter in der Ostzone, wie man im Westen sagte, auf die Straße gingen, um gegen unmenschliche Wirtschaftsbedingungen und politische Umstände zu demonstrieren. Doch sowjetische Panzer machten dem ein schnelles Ende, berichtet Richard Schröder, bürgerbewegter Theologe in der DDR, in seiner Laudatio für Helmut Schmidt. Er erzählt von Erfahrungen und Ängsten wegen des angeblich kriegerischen Westens. „Erst kirchliche Berichte des Ökumenischen Rates der Kirchen in Genf haben uns über die sowjetische Bedrohung durch SS-20 und die Mittelstreckenraketen informiert." „Frieden schaffen ohne Waffen" war in Ost und West das geflügelte Wort. Allein Helmut Schmidt habe als Bundeskanzler erkannt, dass Nachgiebigkeit und einseitige Vorleistungen keineswegs immer friedensstiftend sein können. Sie könnten auch Ausdruck von Schwäche sein, so Schröder. „Sie, lieber Herr Schmidt, waren im Umgang mit der Sowjetunion im Vergleich mit den Matadoren der Friedensbewegung der bessere Psychologe. Sie haben, beschimpft als kalter Krieger, Offenheit und Verhandlungsbereitschaft gegen- Sichtlich bewegt dankt Helmut Schmidt seinem Weggefährten aus Regierungs- und SPD-Zeiten. Dabei musiziert das Heeresmusikkorps III elegische Klänge und leitet über zur Preisverleihung. Eine schwarz-rot-goldene Stele, Symbol für die Grenzpfosten, überreichen Ministerpräsidentin Lieberknecht und Mitglieder des Kuratoriums. Dann, in der Dankesrede, ist der Altbundeskanzler in seinem Element. Er doziert über den Nato-Doppelbeschluss, erklärt, wie es war, spottet über die Friedensbewegten und über die Linken, die nur wenige Kilometer vor Rasdorf auch heute gegen die atomare Bedrohung demonstrieren. Es sei ihm, Schmidt, zusammen mit den westlichen Regierungschefs stets um das Gleichgewicht der Mächte gegangen. Das war die Basis für die Entspannungspolitik. Durch eine Politik der Stärke sei Entspannung erst möglich geworden – und die Wende. Heute, nach der Wende, sei Deutschland, so der Altbundeskanzler, „ein dicker und fetter Nachbar", der gute, europäische nachbarschaftliche Kontakte pflegen müsse, gerade auch wegen seiner verbrecherischen Weltkriegsvergangenheit, die manche Angst noch aufleben lasse. Deutschland habe zu oft sein Licht unter den Scheffel gestellt, selbst wenn kein Licht da war. Die Rücksichtnahme auf unsere europäischen Nachbarn verbiete jedes Großmachtgetue. Deutschland braucht die Einbindung in die Gemeinschaft der Europäer. Und zuletzt noch eine Mahnung an die Regierung, sonst wäre Schmidt eben nicht der Schmidt. „Ohne Frankreich ist alle Arbeit an der Integration erfolglos!" Schmidt lächelt, zündet sich eine neue Zigarette an und gewährt weiter kluge Antworten auf viele Fragen. „Warum", lautet die Frage der charmanten Stiftungsdirektorin Uta Thofern, „haben ihnen die Deutschen damals beim Nato-Doppelbeschluss die Friedensabsicht nicht abgenommen?" „Sie haben mir geglaubt, nur nicht die paar hunderttausend Demonstranten. Im übrigen hatte der Herr Honecker genauso eine Scheißangst vor den SS-20 Raketen wie ich. Von Scheißangst hat aber Honecker gesprochen." Zum Schluss singen alle die Nationalhymne. Schmidt sitzt entspannt im Rollstuhl und genießt das deutsche Ständchen. Reinhard Heubner
über dem Osten verbunden mit Entschiedenheit." Das habe den Frieden weiter ermöglicht, so Schröder. Darauf dann konnte Gorbatschow aufbauen.


