
Blinde und Sehbehinderte in der Lichtkirche
Bad Nauheim (red). „Ich sage die Verse, die wir singen, vorher an.“ Sechs Zeilen hat jeder Vers des bekannten Chorals „Großer Gott, wir loben dich“. Zum Behalten gar nicht so wenig, das fanden etliche Besucher des Sonntagsgottesdienstes am 6. Juni an der LichtKirche auf der Landesgartenschau. Für einige jedoch war diese Übung nicht schwer – haben sie doch kaum eine andere Chance, den Liedtext mitzusingen, denn sie sind blind.
Brigitte Buchsein aus Ober-ursel gehört zu ihnen, und Siegfried Preis aus Herborn. Beide haben an diesem Tag, an dem seit 1998 bundesweit der Tag der Blinden und Sehbehinderten begangen wird, gemeinsam mit den Pfarrern Barbara Brusius und Gerhard Christ den Gottesdienst gestaltet.
Buchsein las den Bibeltext, in dem Jesus einen Blinden heilt – und kaum bemerkte man, dass sie nicht frei sprach, sondern ablas. Ganz unauffällig gleiten ihre Finger über ein kleines elektrisches Gerät, das ihr den Text in Brailleschrift vermittelt. Ob dieser Text schwierig sei für jemanden, der selbst solche Heilung nicht erfahren habe, fragt Brusius. „Nein“ antwortet die junge Frau, die seit ihrer Geburt blind ist. „Die Hoffnung, sehen zu können, spielt für mich kaum eine Rolle.“
Sie glaubt nicht, dass es Jesus auf körperliche Unversehrheit angekommen sei – vielmehr habe er den Menschen gegeben, was sie brauchten. Und das Augenlicht sei längst nicht immer das Dringendste, was ein Mensch benötige. Heil könne auch da sein, wo keine Heilung seit: gelingendes Leben, eine gute Beziehung zu Gott.
Und weil ein feines Gehör bekanntlich zu den besonderen Begabungen blinder Menschen zählt, war diesmal mit dem Blechbläser-Ensemble „Blech Pur“ unter Leitung des Posaunenwartes der Evangelischen Landeskirche Frank Vogel Musik vom Feinsten zu hören. Auch nach dem Gottesdienst erfreuten die 10 Bläser und ihr Schlagzeuger das Publikum noch mit einem bunten Strauß schmissiger Popmelodien.


