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Ein Dorf feiert Geburtstag

13.07.2012 - 0 Kommentare

Der Regen war treuer Begleiter der Feierlichkeiten zum Jubiläum in Schwabendorf, aber in den vergangenen 325 Jahren haben die Schwabendorfer und ihre hugenottischen Vorfahren eines gelernt: Dass auf Regen Sonnenschein folgt. Bereits beim Grenzgang am Freitag wechselten Sonne und Wolken  ab, ohne die Freude der Schwabendorfer an ihrem Fest zu schmälern. Und auch am Sonntag strömten nach dem ersten Regenschauer, dem strahlender Sonnenschein folgte,  rund 1000 Besucher ins Dorf nördlich von Marburg. Dort erwartete die Gäste ein stehender Festzug, der mit zahlreichen Attraktionen und gastromischen Köstlichkeiten lockte. Es gab allerlei Wissenswertes über das  500-Seelen-Dörfchen zu erfahren, das 1687 von 116  französischen Glaubensflüchtlingen, den Hugenotten und Waldensern, gegründet wurde.
In bitterer Armut versuchten die rund 30 Familien, sich in dem fremden Land zurechtzufinden. Sie lebten als Bauern und bauten ein kleines Tuch- und Strumpfmacherzentrum auf. Bis heute sind diese Wurzeln in Schwabendorf spür- und sichtbar – etwa an den Namenschildern, die mit Badouin, Boucsein oder Aillaud beschriftet sind. Aber auch der planmäßig angelegte Siedlungsgrundriss mit zwei Straßenzügen, der Sommer- und der Winterseite, erinnern an die Ortsgeschichte.
Viele Menschen waren am Sonntag in Tracht gekommen und da vermischte sich die hessische katholische Tracht mit der evangelischen und die weißen Hugenotten-Häubchen waren ebenfalls fester Bestandteil des Geschehens. Das machte deutlich, wie sich das Dorf im Laufe der Jahrhunderte verändert hat. Denn deutsche Familien vermischten sich mit den französischen und Traditionen konnten nebeneinander bestehen. „Wir haben unsere Hugenotten-Tracht selbst genäht,“ erzählten Gäste aus Frankenhain, die auch gleich ein Modell ihrer Kirche mitgebracht hatten. Ihre Tracht sei schlichter als etwa die katholische Tracht, was zum Einen an der Armut gelegen habe, zum Anderen in der reformierten Tradition begründet sei, erklärten sie.
Wie das Leben in der Vergangenheit ausgesehen hat, machten die Schwabendorfer auf vielfältige Weise deutlich, etwa durch den Dorfausrufer, der eine laute Glocke erklingen ließ und dazu die wichtigsten Neuigkeiten mit Schwabendorfer Dialekt verkündete: „Ein tollwütiger Fuchs ist gesehen worden und alle Hunde sind im Dorf einzusperren!“
Plötzlich machten die Besucher die Winterseite frei: Ein Brautzug aus dem Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts bahnte sich den Weg ins Dorf hinein. Aus Halsdorf waren sie gekommen und bei dem eindrucksvollen Spektakel fehlte es weder an prächtigen Trachten, noch an Musik und den Körben mit der Aussteuer. Prosaischer ging es am Stand der Landfrauen zu. Die zeigten, wie beschwerlich das Leben ohne elektrische Geräte einst war. Mit Waschzuber, Waschbrett und Kernseife rückten sie der Schmutzwäsche zu Leibe, aber erst nachdem sie mit Holzeimern zum Dorfplatz gewandert waren, um Wasser aus dem Brunnen zu holen. Hinter ihnen flatterten die  gewaschenen Kleider und Bettlaken im Wind und zimperlich waren die Landfrauen nicht: Frotzelnde Männer bekamen schon einmal einen nassen Lappen zu spüren.
Der stehende Festzug bot einen perfekten Blick durch die Jahrhunderte. Der Motor-Club des Dorfes hatte ebenso seinen Platz wie der Korb-, Besen- und Seilmacher, die Kinder sprangen auf der Hüpfburg und bestaunten die Arbeit des Hufschmiedes mit gleicher Begeisterung. In nahezu jeder Hofeinfahrt wartete außerdem eine kulinarische Köstlichkeit. Hier verkauften, stilecht in Hugenotten-Tracht gekleidete, Frauen Quiche Lorraine, dort gab es Steaks, Pommes Frites, Waffeln oder Eis.  Jeder Besucher fand irgendwo ein Plätzchen auf einer der zahlreichen Sitzgelegenheiten und genoß das Dorffest mit  musikalischer Begleitung im Hintergrund.
Ines Dietrich

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