"Sollen wir kleinen Gemeinden etwa Konkurs anmelden?"
Eine Email erreichte uns vom Pfarramt Schwabendorf. Es ist ein Hilferuf. Man wisse in der kleinen Kirchengemeinde nicht mehr, wie man finanziell über die Runden kommen soll. Aber der Reihe nach. Kirchenvorsteher Heinrich Vollmer kennt seine Kirchengemeinde. Er hat Pfarrer kommen und gehen sehen, hat Freud und Leid im Marburger Land erlebt. Früher gehörte sein Ort Bracht zu Schönstadt im Kirchenkreis Marburg. Dann kam die Gemeinde zu Schwabendorf. Jetzt hieß der Kirchenkreis Kirchhain und das Kirchspiel Schwabendorf mit eben den Gemeinden Schwabendorf und Bracht. Nun gut. Wichtig vor allem war die eigene Gemeinde, dass die Kirche in gutem Zustand blieb, die Gemeindearbeit funktionierte und man einen Pfarrer hat, der sich für die und mit der Gemeinde engagiert. Heinrich Vollmer, gerade 70 geworden, ist stolz auf seine Gemeinde. Man hat mit viel Eigenarbeit die Kirche renoviert, die Außenanlagen trockengelegt, den Vorplatz mitgestaltet. Es war nicht leicht, berichtet er beim Besuch in der vertrauten Kirche. Die Denkmalsbehörde wollte immer was anderes, aber was sie wollte, wusste sie auch nicht. Dass alles so wurde, ist schon ein Wunder. „Was haben wir getagt und Sitzungen erlebt." Es ging schon hoch her für den Satz, der den Kircheninnenraum ziert: „Herr, ich habe lieb die Stätte deines Hauses und den Ort, da deine Ehre wohnt." Soll das alles vergeblich gewesen sein, fragt er sich heute. Im Grunde genommen sind wir Pleite, fasst er die finanziellen Gegebenheiten der Kirchengemeinde zusammen. „Schauen Sie, Herr Heubner, ich blase seit 56 Jahren im Posaunenchor Flügelhorn. Unsere Kirchengemeinde hat rund 733 Mitglieder. Davon sind mehr als 60 im Posaunenchor aktiv. Wo gibt´s denn das noch, außer in so kleinen Gemeinden der Landeskirche wie bei uns. Alle vier Wochen wirken wir im Gottesdienst mit. Dazu die vielen kirchlichen Feste. Außerdem kümmert sich unser Chorleiter intensiv um die Jungbläserarbeit. Bei uns blasen Generationen zusammen Choräle und Märsche." Kirchliche Arbeit erlebt Heinrich Vollmer besonders als Posaunenchorarbeit. Die älteren Mitglieder nehmen Kinder und Enkel mit in die Gottesdienste und die liturgischen Gegebenheiten werden selbstverständlich und vertraut. „Das Problem ist nur", so der Kirchenvorsteher, „wir haben kein Geld mehr, die Gemeindearbeit zu finanzieren. Wir können den Chorleiter nicht mehr bezahlen. Und dann geht die ganze Arbeit, die seit Jahrzehnten gut ging, den Bach runter." Schuld daran, so Heinrich Vollmer, sei die Finanzreform der Landeskirche. Die habe die kleinen Gemeinden bei ihrer Sparreform schlicht vergessen. Die sieht vor, dass kleine Gemeinden sich zu Großgemeinden zusammenschließen sollen. Finanziell wird das Ganze kräftig unterstützt dadurch, dass große Gemeinden jetzt viel mehr Geld bekommen als die kleinen. Nur wenn man sich nicht zu einer Großgemeinde zusammenschließen kann, dann hat man echt ein Finanzproblem, so Vollmer zornig. Da sei ein Finanzgesetz am grünen Tisch entstanden, das der Realität der ländlichen Landeskirche nicht gerecht werde. Wo hat es das je bei uns gegeben, dass man wegen der Finanzlücke im Haushaltsplan graue Haare bekommt und der Pfarrer mit den Nerven deshalb völlig am Ende ist? Pfarrer Dierk Brüning ist Pfarrer in Bracht und Schwabendorf. Bracht hat 733 und Schwabendorf 400 Mitglieder, zusammen also 1133 Mitglieder. Und genau das ist das Problem. Man ist zu klein, um finanziell zu überleben, meint Brüning. Vor dem neuen Finanzzuweisungsgesetz war man ein Kirchspiel mit zwei Kirchengemeinden, Bracht und Schwabendorf. Jede Gemeinde hatte ihren eigenen Haushaltsplan und konnte ihre eigene Gemeindearbeit finanzieren. Bracht hat so den Posaunenchorleiter bezahlt und Schwabendorf hat seinen Chorleiter unterhalten. Alles war gut, es gab genug Mittel für die Gemeindearbeit aus dem Kirchensteuertopf der Landeskirche. Zusammen hatte man 28.000 Euro zur Verfügung. Dann kam die Finanzreform. Die sollte durch die Schaffung von Großgemeinden und durch größere Verwaltungseinheiten Einsparungen ermöglichen. Anreiz dazu ist der neue Finanzzuweisungsschlüssel: 1. Gemeinden bis 600 Gemeindeglieder bekommen pro Kopf 61,5 Cent. 2. Gemeinden von 601 bis 1200 Gemeindeglieder bekommen 5,52 Euro. Lösung 1: Lösung 2: 3. Gemeinden ab 1201 Gemeindeglieder erhalten 34,45 Euro pro Kopf! So fusionierten Schwabendorf und Bracht, haben aber trotzdem zu wenig Finanzmittel, weil es keine Möglichkeit zu weiteren Fusionen gab. „Wir haben ein Defizit von fast 5000 Euro", klagt Pfarrer Brüning, „und der Kirchenvorstand weiß nicht mehr, wo noch Geld herkommen soll." Klar, es wird viel gespendet, aber irgendwo ist mal Schluss, meint Heinrich Vollmer. Jedes Gemeindefest ist für die eigene Gemeinde. Sogar die Kollekte bei der Konfirmation muss dafür herhalten. Angemessene Geschenke bei Geburtstagsgratulationen oder Trauungen – Fehlanzeige. Das sei schon peinlich. Dabei wird so viel in Eigeninitiative gestaltet. Die Kirchen werden von den Kirchenvorständen geschmückt. Die Heizung wird auf ein Minimum runtergefahren. Aber jetzt gehe es an die Substanz, bei den Organisten, den Chorleitern. „Sind wir kleinen Gemeinden zum Abschuss freigegeben", fragt Heinrich Vollmer. Denn, hätte man mit der großen Nachbargemeinde fusioniert, was nicht zu realisieren war, wäre der Pro-Kopf-Zuschuss 34,45 Euro gewesen und alle Finanzsorgen wären vergessen. Nur: Was ist, wenn die große Gemeinde schon groß genug ist, finanziell versorgt ist und es überhaupt nicht nötig hat, mit der kleineren Gemeinde zu fusionieren? Oder wenn es keine Fusionsgemeinde mehr gibt in der vorwiegend ländlich strukturierten Landeskirche, fragt Pfarrer Brüning nach. Sollen wir die Mitarbeiter in der musikalischen Arbeit entlassen? Unsere kleinen Gemeinden sind geprägt von den persönlichen Beziehungen, betont Heinrich Vollmer. Bei uns kennt der Pfarrer jeden. Er singt im Männerchor, seine Frau im Gesangverein. Sie macht den Kindergottesdienst. Alles nicht selbstverständlich. „Wir sind keine Rebellen", betont Heinrich Vollmer, „aber wir werden doch bestraft, dass wir überhaupt noch in unseren Dörfern Gemeindearbeit machen." In Schwabendorf und Bracht fordern sie eine ausgleichende Gerechtigkeit. Es könne doch nicht sein, dass die großen Fusionsgemeinden auf einmal im Geld schwimmen. Da gibt es wegen der besseren Fusionsmöglichkeiten viel mehr Geld als vorher, zum Beispiel in Marburg, Fulda, Hanau oder Kassel. „Wir kleinen Gemeinden in der Landeskirche können das nicht, sollen wir deshalb Konkurs anmelden", ist Heinrich Vollmer erbost. Der Frust über die ungerechte Verteilung und ihrer Meinung nach nicht zu Ende gedachten Reform ist groß bei den Ehrenamtlichen und ihrem Pfarrer. Sie fordern eine bessere Umverteilung, damit auch ihre kirchliche Arbeit angemessen weitergeht. „Wir haben guten Kirchenbesuch, viel Mitarbeit und das hat seinen Wert!" Und was meinen dazu Dekan und Kirchenkreisamtsleiter? Dekan Staege, Kirchhain, und Dekan Baumeister, Marburg-Land, kennen die Klagen und sie finden ihr vollstes Verständnis. Auch Kirchenamtsleiter Gerhard Rödiger, Marburg, zuständig für die Finanzen der Gemeinden, kann die Klagen gut nachvollziehen. Die Kirchengemeinden bis 1200 Gemeindegliedern, das betreffe immerhin 600 Gemeinden der Landeskirche, so Rödiger, ständen sich deutlich schlechter als die größeren. Es gebe keinen finanziellen Spielraum mehr, so der Finanzfachmann. Und es werde immer schwerer, den Haushalt auszugleichen, um die Ausgaben zu finanzieren. Das betreffe besonders die Finanzierung der Posaunen- und Kirchenchorleiter. Gerade weil man aber auch in Konkurrenz zu weltlichen Chören stehe, müsse man bei aller Suche nach innovativen Möglichkeiten eine angemessene Bezahlung anbieten, so Rödiger. Die Landeskirche, so Dekan Baumeister, habe mit dem neuen Finanzzuweisungsgesetz zu wenig Rücksicht auf diese kleinen Gemeinden genommen. Fusionen seien eben nicht überall möglich. Dazu komme als Kuriosum, dass sich manche Gemeinden endlich nach langen Verhandlungen zu Fusionen durchgerungen hätten, man dann aber die Pfarrstelle streiche. Da bestehe noch mancher Handlungsbedarf. Die Praxis sei oft anders, als das Gesetz vorsehe. Ein weiteres Problem sieht Dekan Baumeister in der Unterhaltung bestehender Gebäude in den kleinen Gemeinden. Kann sich eine Gemeinde von 300 Mitgliedern noch ein Gemeindehaus leisten? Gibt es da ein Dorfgemeinschaftshaus? Welches Haus nutzt man? Dabei ist klar, dass sich Gemeindehäuser nur schwer auf dem flachen Land verkaufen lassen. Und wie sieht die Zukunft der Kindertagesstätten aus?, fragt Rödiger. Das wird für uns ein richtiges Problem, meint Dekan Baumeister. Da werden zeitliche und personelle Verbesserungen von den Kommunen schnell versprochen, oft ohne Hinterfragung der Kosten. Auf ein paar mehr Schulden kommt es ja nicht an. Nur, das geht in der Kirche nicht. Schulden lässt die kirchliche Haushaltführung nicht zu. Man kann nur anbieten und unterhalten, was man auch bezahlen kann, so Rödiger. Wir können und müssen besser umverteilen, aber wir dürfen nicht über unsere Verhältnisse leben. Betroffene Kirchenkreise haben wegen der Finanzprobleme der kleinen Gemeinden an die Landessynode Änderungsanträge gestellt. Mit Spannung erwartet man die Entscheidung im Herbst. Reinhard Heubner

