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Documentemal - wo geht's denn hier zur Kunst?

21.06.2012 - 0 Kommentare

Liebe Leser, Leserinnen, Kunstfreunde, Kritiker, Gleichgültige und Aufgeschlossene,

alle fünf Jahre wird unsere Stadt Kassel von Prinz Documenta aus dem Dornröschenschlaf geküsst. Wie schmeckt dieser Kuss? Wie gefällt es unseren Besuchern, die aus vielen Ländern und Kontinenten zur Weltausstellung kommen in Kassel? Und – was sagt der in Kassel lebende Zeitgenosse eigentlich zur Documenta? Einmal pro Woche werde ich für Sie über all das in Wort und Bild berichten – und natürlich auch über einige Documenta-Kunstwerke, die mir besonders gut oder gar nicht gefielen.

 

Wie es zu dem Titel „Documentemal" kam.

 

Die Documenta ist da. Und mit ihr die vielfältigen Momente, in denen wir stehen bleiben, inne halten, nachdenken, staunen, kritisieren oder fragen: Moment mal – ist das hier das Kunstwerk von XY? Moment mal – wo gibt es hier die Karten? Moment mal – ist das nicht faszinierend? Auch der Kunst-Muffel, der zur Documenta geht – böse Zungen behaupten der typische Kassler zähle dazu – nähert sich den Kunstwerken mit Fragen. Die haben zwar eher den Charakter von: „Moment mal, ist das hier das Kunstwerk oder hat da jemand seinen Sperrmüll vergessen?", bezeugen aber dennoch, dass Kunst vielfältige Assoziationen freisetzt und so auch der Nörgler zum Künstler wird. Wie dem auch sei.

Ob gelobt oder genörgelt: Kunst bezieht seine Wirkung aus dem Augenblick, aus dem Moment. Paaren wir deswegen doch einfach beides – den Moment und die Ausstellung, die ihn hervor bringt – und nennen das ganze „Documentemal".

 

Warten auf die Documenta?

Fünf Jahre haben wir gewartet. Nun ist sie endlich da. Nein, nicht die Fußball-EM. Diese Künstler treffen sich alle fünf Jahre. Die Rede ist von der Documenta. Die 13., seit der Hochschullehrer und Künstler Arnold Bode sie ins Leben rief. Seitdem ist sie mächtig gewachsen, hat den Gütesiegel „Weltausstellung" bekommen und uns auf dem Weg dorthin mit immer neuen Ausdrucksformen, Konzepten, Ideen und Interpretationen überrascht, erstaunt, begeistert oder verärgert. Fünf Jahre haben wir nun wieder darauf gewartet. Doch – haben wir das wirklich? Darauf gewartet?

 

Hat der Nordhesse auf die Documenta gewartet?

Der Kunstbeflissene – ja. Der Intellektuelle – wahrscheinlich. Der in Kassel lebende Nordhesse? Die Meinung darüber dürfte unterschiedlich ausfallen. Und das nicht nur wegen der Kosten, die auf über 26 Millionen Euro geschätzt werden. Eine Summe, die – mal in Kita-Plätze, ABM-Initiativen, in Geschenkbibeln oder in Ahle Worscht umgerechnet – zu denken gibt. Doch das ist nicht der Hauptgrund, warum der Nordhesse aus Kassel nie so ganz warm mit der Kunstausstellung wurde.

Es gibt einen Witz, der geeignet scheint, das zu erklären. Was sagt ein Kasseler, wenn er auf die Documenta angesprochen wird? „Documenta? Kenn ich!! Ich geh jedes Jahr hin." Im Klartext: Der Stolz, für 100 Tage Bewohner einer Weltstadt in Sachen Kunst zu sein, paart sich mit der Distance zu den Kunstobjekten und Künstlern. Und warum ist das so?

 

Der Kassler liebt seine Feste

Der Nordhesse liebt seine Heimatfeste. Zissel, Stadtfest, Wehlheider Kirmes. Da weiß er, was er hat. Keine Gefahr, dass er auf der Kirmes in eine Bratwurst beißt und dabei aus einem Kunstratgeber erfahren muss, dass es sich um eine vom Kapitalismus gekrümmte Fleischröhre handelt oder dass der große Salatkopf auf dem Wochenmarkt in Wahrheit ein kleiner, grüner Meteorit ist, den Documenta-Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev dort platziert hat.

Dennoch: Offen für diese Documenta zu sein, bedeutet dem Neuen eine Chance geben. Kunst kann verändern, kann ein neues Bewusstsein schaffen, kann helfen, existenziell Wichtiges mit anderen Augen zu sehen.

Meine Empfehlung: Sehen wir es mit den Augen der Bibel. Was steht dort? „Prüfet alles und das Gute behaltet."

Mein erster Documenta-Tag

Die Tische vor den Cafés in der Innenstadt sind verwaist. Es regnet. Ich gehe zunächst in Richtung Kulturbahnhof. Auch dort ist die Documenta reichlich vertreten. Doch beim Betreten der Bahnhofshalle fühle ich mich eher an eine Schnitzeljagd erinnert.„Wo ist der nächste Hinweis, der mich zu einem Kunstwerk führt?

Die Antwort bekomme ich von einer freundlichen, jungen Dame im Infobereich: „Links und rechts an den Schienen vorbei. Ich wähle rechts und gelange zu einem Schild: Nordflügel. „Aha, es geht los", denke ich mir. Vor dem Gebäude treffe ich auf ein ganz spezielles Kunstwerk. Kunst auf Rädern, wenn man so möchte. Es ist ein Kleinbus. Die Seiten sind beklebt und bemalt, die Hecktüren stehen offen. „Heute stehen wir hier, morgen in der Karlsaue", erklärt mir der Hüter dieses Kunstobjektes.

Es trägt den Titel „Mother Courage and her Children". Bert Brecht lässt grüßen. Um die Aborigines-Kultur in Australien geht es seinem Schöpfer, Warwick Thornten.

Mutter Courage ist diesmal , so die Erklärung im ausgezeichneten documenta-Führer, eine malende, ältere Aborigine, die aus einem klapprigen Auto, das den Besucherströmen durch Kassel folgt, Gemälde anbietet. Begleitet wird sie von ihrem Sohn, der stellvertretend für die kunst-
uninteressierte Internet-Jugend steht.

Thorntons Arbeiten haben autobiografische Züge. Der australische Künstler will hier mit seinen Werken einerseits auf die schwierige Lage der Ureinwohner Australiens hinweisen, anderseits Verständnis wecken für die Kunst der Aborigines.

Diese Documenta hat viel zu bieten. Doch am besten ist, Sie machen sich auf den Weg, zur documenta, durchs Fridericianum oder die Aue, noch besser mit Führung, und Sie werden entdecken, das ist echt interessant.

Mehr beim nächsten „Documentemal – wo geht’s denn hier zur Kunst?".

Steve Kuberczyk-Stein

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