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Kunst braucht Kirche - Kirche braucht Kunst

08.06.2012 - 0 Kommentare

Noch wenige Tage, dann wird Kassel für 100 Tage zum Weltzentrum der modernen Kunst. Die documenta 13 macht´s möglich. Das Theater im Vorfeld ist wieder gewaltig. Erinnern sie sich noch vor 5 Jahren an das Spektakel um das Mohnfeld auf dem Friedrichsplatz? Oder an das Reisfeld am Schloss Wilhelmshöhe, das in die Niederungen zu rutschen drohte? Dazu der Künstler Ai WeiWei mit seiner mächtigen Holzkonstruktion. Nach zwei Tagen brach sie zusammen und war fast schöner anzusehen.

Alle machten sich lustig, hatten es ja gewusst, das wird nichts. Als Wochen später die Mohnblumen auf dem Friedrichsplatz blühten und die Besucher ein im Wind wiegendes rotes Mohnfeld bewunderten, waren alle begeistert. Jeder hatte es gewusst, fühlte sich bestätigt, wir können documenta, ach was, „wir sind documenta".

Das alles betrachtet amüsiert aus luftiger Höhe jetzt ein Mensch. Er oder sie, ganz wie sie wollen, steht auf einer goldenen Kugel an der Spitze eines Kirchturms. Klein scheinen die documenta-Probleme aus höchster Perspektive. In die Kirche strömen hunderte Besucher. Was treibt die Menschen in die Kirche, was bewegt sie, was wollen sie? Vor der mächtigen Kircheneingangstür protestieren zwei Damen für freie Kunst. In der Kirche hängen an den Wänden der St. Elisabethkirche große Skulpturen, Kunst vom Künstler Stephan Balkenhol.

„Wir wollen den documenta-Besuchern eine offene Tür bieten und laden ein zum Gespräch über Kunst und Kirche", meint Bischof Heinz Josef Algermissen zu den fast 500 Kirchenbesuchern anlässlich der Ausstellungseröffnung.

„Wir reden nicht nur über Kunst, wir präsentieren sie mit den Skulpturen von Stephan Balkenhol", unterstreicht Dechant Harald Fischer. Die weltgrößte Kunstausstellung sei für die Kirchengemeinde in direkter Nachbarschaft der Documenta eine spirituelle Herausforderung. „Wenn wir nichts bieten, ist das auch eine Botschaft", betont Fischer. Das allerdings hatte die documenta-Leitung von den Kirchen gefordert. Erzürnt ob der Kirchturmfigur und der Kirchenausstellung hatte documenta-Chefin Carolyn Christov-Bakargiev erwartet, dass alle nicht documenta-Kunst in jenen 100 Ausstellungstagen unterbleibe. In der Öffentlichkeit entstand nun der Eindruck, als habe die evangelische Kirche dem sang- und klanglos zugestimmt, was nicht stimmt. Vizepräsident Dr. Volker Knöppel musste sich von Kunstprofessor Bazon Brock bei Eröffnung sogar das Wort Feigheit gefallen lasssen, was von katholischer Seite ausdrücklich zurückgewiesen wurde. Die evangelische Kirche hat zur documenta 13 bewusst ein anders Konzept als das der katholischen Gemeinde. Verantwortlich dafür ist die evangelische Akademie Hofgeismar. Sie bietet Begleitprojekte zum Thema Kunst und Kirche dazu ein längst ausgebuchtes Fest „Zur Liebe der Kunst" in der Brüderkirche.

„Kunst braucht Kirche und Kirche braucht Kunst", unterstreicht dagegen Bischof Algermissen. Denn die Kunst kann religiöse Inhalte so übersetzen, dass die Worte verständlicher werden. Das wolle man mit dieser Ausstellung erreichen, so der Bischof. Einen documenta-Kunstverzicht lehnte Algermissen rundweg ab.

Für Staatsministerin Eva Kühne-Hörnemann als Mitvorsitzender der documenta war der Spagat nicht leicht. Sie beglückwünschet einerseits die Kirchengemeinde für diese großartige Ausstellung, andererseits wünschte sie sich konstruktive Toleranz zur documenta.

„Ist die Turmfigur mehr als eine massive Luftnummer," fragte philosophisch genial der Kunstkenner Pater Professor Elmar Salman. Humorvoll, geradezu charismatisch nahm er die Kirchenbesucher mit auf eine Reise durch die Welt der Kunst, und landete natürlich bei der Frage, was der Mensch sei. Der ist ein angesehener Mensch, ein von Gottes Blick getroffener Mensch. Das begegne dem Menschen beim Blick in jedes Gesicht und am tiefsten im Blick auf Christus am Kreuz. „Geht ein Weinbauer immer wieder in die Kirche, um sich die Christusstatue anzuschauen. Immer wieder kommt er zurück und strahlt – weil Christus ihn angesehen habe."

So schauen die Augen vor dem Kreuz in der St. Elisabethkirche, meint Salman, die sehen jeden an. Segnend. „Im Segen beugt Gott sich runter zu dir, damit er dich sieht. Und dann geht ein Leuchten über dein Gesicht, so wie es im Segen heiße: „Gott lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig." Das könne man in den gestalteten Augen vor dem Kreuz deutlich erkennen.

Es wurde geschmunzelt, gelächelt, es war atemlose Stille. So schön kann Theologie, Kunst und Kirche vorgetragen sein.

Reinhard Heubner

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