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Gerechtigkeit für die Armen - Mehr als ein Schlagwort

28.04.2010 - 0 Kommentare

Die Reichtums- und Armutsberichte der Bundesregierung belegen schwarz auf weiß, dass die Schere zwischen Arm und Reich in Deutschland immer weiter auseinander geht. Immer mehr Menschen arbeiten für Gehälter, von denen sie nicht leben können. Mittlerweile versorgen etwa 850 Tafeln in Deutschland rund eine Million bedürftige Menschen mit Lebensmitteln.

Armut ist längst kein gesellschaftliches Randphänomen mehr. Etwa jeder Zehnte ist davon betroffen, und zwar in jeder Stadt und in jedem Dorf – Tendenz stark steigend. Hier ist nun Kirche gefordert.

Als Beispiel für kirchliche Lobbyarbeit für Arme möchte ich einige Erfahrungen aus meiner Tätigkeit als Referent für Gesellschaftliche Verantwortung im Evangelischen Dekanat Hochtaunus wiedergeben.

Der Hochtaunuskreis ist neben Starnberg der Kreis mit dem höchsten durchschnittlichen Nettoeinkommen und der höchsten Kaufkraft in Deutschland (etwa 50 Prozent über dem Bundesdurchschnitt). Die Arbeitslosenquote ist niedrig. Ein Grund zur Freude – aber auch ein Problem.

Denn viele Menschen (sogar einige Pfarrer) denken, dass es im reichen Hochtaunuskreis keine Armut gebe. Doch trotz niedriger Quoten leben im Hochtaunus-kreis rund 11.000 Menschen von Sozialleistungen, die unterhalb der Armutsgrenze liegen (Langzeitarbeitslose und ihre Familien, Flüchtlinge, Renter/Innen mit Minirenten). Dazu kommen schätzungsweise 6000 weitere Arme, die Anspruch auf Sozialleistungen hätten, aber darauf aus Scham oder Unwissenheit verzichten. Die Betroffenen fühlen sich – gerade weil sie in einer reichen Umgebung leben – in besonderem Maß stigmatisiert und von der gesellschaftlichen Teilhabe ausgeschlossen. Die Lebenshaltungskosten sind hier höher, der Hartz IV-Satz aber nicht. Die Kluft zwischen dem gesellschaftlichen Standard und ihrer Lebenssituation ist größer als in weniger reichen Kreisen. Gleichzeitig sind Vorurteile gegen weniger leistungsfähige Menschen größer und ökonomisches Leistungs- und Prestigedenken ausgeprägter. Mitunter spiegelt sich diese Haltung auch im rigiden Umgang von Behörden mit Betroffenen.

Die Kreisverwaltung ist interessiert daran, das Image vom Kreis ohne soziale Probleme aufrechtzuerhalten und verzichtet auf die sonst überall übliche Sozialberichterstattung.

An dieser Stelle bestand Handlungsbedarf. Im Jahr 2005 habe ich den ersten und im Jahr 2008 den zweiten Reichtums- und Armutsbericht für den Hochtaunuskreis herausgegeben. Anschließend wurde ich zu Vorträgen in viele Kirchengemeinden eingeladen und konnte dort verbreiteten Vorurteilen entgegenwirken und für die Bedeutung des Themas in der Gemeindearbeit sensibilisieren. Es ist beispielsweise nicht gleichgültig, wie viel ein Getränk auf einem Gemeindefest kostet.

„Die Armen" erkennt man nicht daran, dass sie zerrissene Kleider tragen. Sie leben in unserer Nachbarschaft. Manche gehen jeden Morgen mit der Aktentasche aus dem Haus, damit niemand merkt, dass sie ihre Arbeit verloren haben. Andere gehen gar nicht mehr aus dem Haus, da sie weder Geld für eine Busfahrkarte noch für eine Cola in einer Gaststätte haben. Wieder andere leiden darunter, dass ihre Kinder zu keinem Kindergeburtstag eingeladen werden, weil sie keine Gegeneinladung aussprechen können.

Viele wüssten ohne die Tafel nicht, was sie essen sollen, wenn zur Mitte des Monats die zu knapp bemessenen Sozialleis-tungen aufgebraucht sind. Nicht wenige verzichten auf notwendige Arztbesuche, weil ihnen das Geld für die Praxisgebühr fehlt.

Die unsägliche Hartz IV-Debatte zeigt, wie verbreitet Vorurteile gegen Erwerbslose sind. Die meisten, die denken, dass „es denen gar nicht so schlecht geht", wissen nicht einmal, wie niedrig die Bezüge tatsächlich sind. Wer mehr Anreize zur Arbeit fordert, weiß anscheinend nicht, dass es diese Anreize längst gibt: Wer nicht arbeiten will, bekommt seine Bezüge radikal gekürzt. Die Missbrauchsquote liegt nach seriösen Studien bei unter zwei Prozent. Das Problem liegt meist nicht in der fehlenden Arbeitsmotivation, sondern in fehlenden Arbeitsplätzen.

Kirche, die als Kirche Jesu Chris-ti für Arme eintreten möchte, muss hier Aufklärungsarbeit leisten. Das beste Mittel gegen Vorurteile ist immer noch der persönliche Kontakt zu Betroffenen. Da die meisten Gottesdienstbesucher aber nicht das Treffen der örtlichen Erwerbsloseninitiative besuchen werden, sollte man die Betroffenen in die Gottesdienste einladen. Im vergangenen Jahr habe ich gemeinsam mit der Bad Homburger Erwerbsloseninitiative einen Gottesdienst in einer Kirchengemeinde gestaltet. Einzelne Menschen haben erzählt, wie sie in ihre Situation geraten sind (z.B. Firmenpleite, Scheidung) oder aus ihrem Alltag berichtet (z.B. kein Geld für die Fahrkarte zur Beerdigung der Mutter).

In der Predigt ging es darum, dass der Grund der Würde jedes Menschen in Gott liegt und nicht in seiner ökonomischen Leistungsfähigkeit oder seinem derzeitigen Einkommen. Viele Gottesdienstbesucher zeigten sich anschließend tief bewegt.

Beim ersten Bad Homburger „Tag der Armut", den ich gemeinsam mit der Katholischen Kirche, der Erwerbsloseninitiative und der Gewerkschaft ebenfalls im vergangenen Jahr veranstaltet habe, sollte ein noch größerer Teil der Bevölkerung erreicht werden und vor allem auch politische Entscheidungsträger aus der Region. Um Menschen für eine Auseinandersetzung mit dem Thema Armut zu gewinnen und um die Lokalpolitiker zu sensibilisieren, die normalerweise nicht zu solchen Veranstaltungen kommen, haben wir beim Tag der Armut gezielt ungewöhnliche Gruppen als Podiumsgäste und in Form künstlerischer Einlagen beteiligt, wie z.B. Schulklasse, Stiftung, Sportverein, Karnevalsverein, Serviceclubs, Jugend-Theatergruppe, Psychologe u.a. Die Veranstaltung war ein voller Erfolg. Die Kirche muss „den Mund auftun für die Stummen und für die Sache aller, die verlassen sind" (Spr. 31,8). Eine gute Gelegenheit dafür stellt kirchliche Tafelarbeit dar. In diesem Zusammenhang sollte keine Gelegenheit dazu versäumt werden, öffentlich auf die Probleme armer Menschen und auf den Skandal von Armut in einem reichen Land hinzuweisen.

Dr. Alexander Dietz ist Referent für Gesellschaftliche Verantwortung im Evangelischen Dekanat Hochtaunus

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