Kirche braucht Visionen
So viele Synodenberichte habe ich gehört. In der Kreissynode, in der Landessynode oder der Synode der EKD. Meist stehen Zahlen im Mittelpunkt. Da gibt es so viele Gemeindemitglieder in so vielen Gemeinden und dafür stehen so viel Pfarrerinnen und Pfarrer zur Verfügung, die alle von den Einnahmen durch die Kirchensteuer bezahlt werden müssen. Jetzt sinken die Mitgliederzahlen seit Jahren, aus was für Gründen auch immer, seien sie demografisch bedingt oder durch Austritte. Die Folge ist, die Finanzen gehen dementsprechend zurück. Das ist so und der Mangel muss verwaltet werden, immer zum Wohl der Gemeinden, heißt es vor der Synode. Denn sie entscheidet über den Haushalt. Da müssen Pfarrstellen reduziert werden, schließen sich Kirchenkreise oder Gemeinden zusammen, um ihre laufenden Kosten tragen zu können. Das nennt man dann Strukturreform. Jetzt stelle man sich mal vor, die Kirche werde verwaltet und geleitet wie ein Dax-Unternehmen, also wie Volkswagen mit seiner Werbung: Das Auto. Da weiß man, was man hat. In dem Sinne gilt dann für Kirche: Die Kirche. Da weiß man von der Wiege bis zur Bahre, was man hat! Schön und gut. Aber peinlich, wenn die ganze Werbung nichts bringt. Und wenn bei der jährlichen Bilanzpressekonferenz nur rückläufige Zahlen präsentiert werden, dann zieht der Aufsichtsrat bei VW die Notbremse und tauscht Personen aus. Nun sagen Sie mit Recht, die Kirche ist nicht VW oder die Allianz. Richtig, in der Kirche herrscht der Heilige Geist und der ist menschlich so nicht berechenbar. Auch richtig. Also anders. Denn die Frage muss doch erlaubt sein, warum gibt es keinen Zuwachs? Warum nur verwalteten Rückgang? In unserem christlich geprägten Land leben in den alten Bundesländern immerhin über 34 Prozent ohne Konfession, in den neuen Ländern sogar über 65 Prozent. Ist das etwa kein Missionspotential? Wo höre ich von Visionen, wie man diese Menschen ansprechen kann? Wo werden Programme erarbeitet, die missionarisch, ja, ich meine echt missionarisch!!!, wirksam werden? Es gibt so viele engagierte Menschen im Amt für kirchliche Dienste und in den Referaten. Wo liegt das Ziel der Arbeit, wo sieht man den Erfolg? Das muss man doch fragen dürfen. Die Evangelische Kirche in Deutschland hat rund 25 Millionen Mitglieder, die von 22.636 Pfarrerinnen und Pfarrern seelsorgerlich betreut werden. In der Diakonie arbeiten 436.228 Menschen. Es gibt 73.800 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in evangelischen Kindergärten, die 524.111 Kinder evangelisch betreuen. 137.250 Menschen engagieren sich ehrenamtlich im Kirchenvorstand und weitere 1,6 Millionen arbeiten mit in Posaunen- und Kirchenchören, in Seniorenkreisen, in der Jugendarbeit. Es ist so viel los, von Gottesdiensten, Konzerten bis zu Jugendfreizeiten. Und jetzt erklären Sie mir, warum Leute trotzdem austreten oder besser nicht eintreten? Irgendwas läuft verkehrt. Kommt man nicht rüber mit der Frohen Botschaft, verwaltet man zu viel? In Hofgeismar ist eine neue Landessynode zu ihrer ersten Sitzung zusammengekommen. Man darf gespannt sein, ob es in sechs Jahren wieder heißt, die Zahlen sind rückläufig, oder ob der Bischof, die Bischöfin, verkündet: Die Gemeindegliederzahl ist wieder gestiegen, wir brauchen neue Pfarrstellen.
Kommentare
Zur Frage hier nach dem "echt missionarisch": Spontan fällt mir nur Eins dazu ein: *Back to the Roots*, will sagen: Menschen aller Altersgruppen ehrenamtlich aussenden zu den Bedürftigen, im Glauben bedürftig ebenso wie individuell Bedürftigen, zu den Hungernden im Glauben auf der Suche nach Wahrheit und Sicherheit und zu den individuell Bedürftigen die dringend Werke der Barmherzigkeit bedürfen. ... und das Alles nicht in Drittewelt-Ländern, sondern gleich nebenan. Stellt sich konkret die Frage, welcher Christ welchen Alters heute wohl fischend auf die Punks und andere Cliquen hier am BuGa-See oder am Herkules seinen Dienst tut...? Welcher Christ setzt sich zu den unzähligen Singles aller Altersgruppen im Cafe beim Sonnenbad an den Tisch und bemüht sich um wohlwollende, hilfreiche Gespräche...? Oder einfach auch nur nach dem Motto: ich/wir sind da...? Der Bespiele gibt es sicher Hunderte... und bei jeder einzelnen "echten Missionstat" natürlich nicht die echte Visitenkarte des Glaubens zu hinterlassen vergessen ;-) Will sagen: Die Kirche heute bietet zwar sehr vielschichtige Angebote an, aber es scheint als habe sie ihren SENDUNGS-Auftrag 1. ausschließlich auf bereiteten Boden in Gemeinden und ihren Institutionen verlegt, und 2. macht es den Anschein, als würde außerhalb der Gemeinden zwar immer gut bürokratisch organisiert eine geöffnete Hand gereicht, aber nur denen die sie ergreifen. Ich sehe hier also einen gravierenden Mangel im ganz normalen Alltag auf der Straße und in den Häusern Berührungen ohne Angst zu praktizieren, eben so ganz wie im Alltagsleben der Apostel. Sie lebten auch zwischen Andersgläubigen und Atheisten, sprachen sie an, lebten Barmherzigkeit und wo sie eingeladen wurden gingen sie in die Häuser, frei von Angst und mit einer Riesenfreude im Herzen, die sie aus ihrem Glauben und der altruistischen Liebe schöpften. Ich habe wohl noch sehr viele Gedanken dazu und könnte sicher auch TATkräftig unterstützen. Es wurde in der aktuellen Ausgabe 17 von der Eröffnung einer Ehrenamtsakademie berichtet. Eine hevorragende Basis, auch hierzu. Erfahrene Kirchenvorstände könnten Pfarrer bei der Verwaltung entlasten, die dann ihrerseits regelmäßigen Raum hätten, um die "Fischer von heute" zu beraten und ihnen beizustehen. Herzlichst Ursula Kuck


