Gedanken zum Kriegsende

03.05.2012 - 0 Kommentare

Wer von unseren Kindern kennt denn noch das Datum 8. Mai? Da war tatsächlich 1945 Kriegsende. Das Großdeutsche Reich lag in Trümmern. Millionen Menschen waren gefallen, umgekommen, vernichtet von Stalingrad bis Coventry, von Tobruk bis Auschwitz. Was erzählen wir unseren Kindern und Enkeln, die da von nichts eine Ahnung haben? Ist das alles längst Vergangenheit und man sollte lieber schweigen von Auschwitz, Dresden oder den unsäglichen Vertreibungen?
Wir haben uns nach dem Krieg gut eingerichtet. Wirtschaftswunder, ein neues Haus, Arbeit, Rente, alles wurde gut. Selbst das geteilte deutsche Volk wurde wieder geeint. Selbst das wissen viele Kinder nicht mehr.
Nur eine Sache bewegt mich immer wieder, die nicht gut wurde. Bis heute können anscheinend unsere jüdischen Mitbürger nicht unangefochten unter uns leben. Die Synagogen, ihre Schulen und Gemeindehäuser müssen immer noch von der Polizei bewacht werden. Es gibt sie immer, die Neonazis, die es nicht verstehen wollen, dass ihr völkisch-rassischer Wahn unser Volk samt ganz Europa in den Untergang getrieben hat. 
Ein mörderischer Wahn hatte Deutschland unter Hitler besessen gemacht. Menschen jüdischen Glaubens oder jüdischer Herkunft wurden in Deutschland und in den Ländern unter deutscher Besatzung ermordet. Sechs Millionen Menschen wurden umgebracht, weil der Irrsinn uns befallen hatte, was jüdisch sei, sei Gift für Deutschland.
Inzwischen scheint es, sind wir von der Pest der national-sozialistischen Raserei gründlich geheilt. Um so ekelhafter, wenn weiter und wieder Deutsche antisemitische  Töne spucken oder gar, wie bei den sog. Dönermorden aus rassistischen Gründen morden. Ich bin froh, dass  Menschen jüdischen Glaubens mit deutschem Pass sich nicht entmutigen lassen und gerne Deutsche bleiben. Ich bin dankbar über meinen türkischen Frisör, der mit seiner Familie Deutscher wurde und gut nachbarschaftlich neben mir wohnt.
Es muss doch 67 Jahre nach Kriegsende möglich sein, in unserem Land als Jude zu leben wie als Katholik oder Protestant oder als Moslem oder als Atheist; oder als Mensch, dessen Vorfahren eingewandert sind aus Norwegen oder Frankreich oder Ungarn. Und man wird nicht angesprochen: aha, Katholik; aha, Atheist; aha, aus Polen, wird nicht hingestellt als typisch protestantisch oder typisch nordisch, wird nicht auf Abweichungen hin beargwöhnt, muss nicht wieder und wieder für andere Menschen gerade stehen.
Lassen wir doch einander leben, einen jeden nach seiner Art, und glücklich sein über den Reichtum der verschiedenen Menschen, ohne dass wir einen in Sippenhaft nehmen für andere. Nur wenige Deutsche kennen einen jüdischen Mitmenschen oder einen Muslim persönlich und können ihm Freundschaft anbieten. Lasst uns dafür sorgen, dass sie hier in Freundesland sind. Und zwar damit, dass wir mit „Halt, stopp, so nicht!“ dem entgegentreten, der Antijüdisches, Fremdenfeindliches ausstreut. Dafür ist der 8. Mai ein guter Erinnerungstag. Leute haben sich heute in einer neuen Partei zusammengeschlossen, anscheinend frei für alle Meinungen im virtuellen Netz und im wirklichen Leben. In dieser vermeintlichen Freiheit toleriert man rassistische und nazistische Meinungen. Die einen sagen dazu, die sind nur dumm, ich sage, wehret den Anfängen!
Es sind doch unsere jüdischen Mitbürger, Deutsche wie Sie und ich, auf die wir stolz sein können, auch weil sie nach außen dafür bürgen, dass diese auf den Trümmern der Barbarei erblühte Republik wieder menschlich ist. Nicht ein Jude, nicht ein Muslim, nicht ein Fremder soll mehr Angst haben hier, nie mehr!
Reinhard Heubner

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