Er war das Lächeln Gottes
Die Frau war steinreich. Und sie wollte tot sein. Ein Haus in Hamburg, eins in Paris und eins in London. Und sie wollte tot sein. Sie hatte Tabletten genommen. Die Ärzte konnten sie retten. „Zwei Stunden lang habe ich ihr zugehört“, erzählt Pater Phil Bosmans. „Und zum Schluss weinte sie: ,Ich würde auf alles verzichten, wenn ich nur ein bisschen Zuneigung, ein bisschen Freundschaft erfahren hätte.‘“
Warum haben so viele Menschen nichts vom Leben, fragt der Ordensmann Phil Bosmans. Weil sie keine Freunde haben. Weil sie keinen kennen, der zu ihnen hält. Weil sie kein Zeichen sehen, dass sie einer mag. Weil anscheinend keine Blume da ist, die für sie blüht. Und dabei wirken Blumen doch Wunder.
Es müssen auch keine riesigen Blumensträuße sein. Gewöhnliche, einfache Blumen, ein Händedruck, ein gutes Wort, eine freundliche Geste. Das Einfachste wird zum Geschenk.
„Etwas mehr Blumen während des Lebens und etwas weniger Blumen auf das Grab, das wäre schon gut“, lächelt der alte Priester. Vor kurzem ist Phil Bosmans gestorben. Blumen liegen auf seinem Grab, aber viel mehr Blumen blühen in Herzen und Seelen, die er angerührt hat.
Phil Bosmans hatte die wunderbare Gabe, mit einfachen, verständlichen Worten Menschen von der Liebe Gottes zu begeistern. Volksmissionar hat man ihn genannt. Theologen lächelten wegen seiner einfachen Sprache, seiner Theologie des Herzens. Man sagt, Bosmans war verrückt nach Gott.
Man darf gespannt sein, wo der Herzensmissionar im Himmel sitzt und wo all die schlauen Theologen, mit ihrer Sprache, die korrekt ist, meist aber nur den Verstand und leider nicht das Herz erreicht.
Bosmans, der große flämische Menschenfreund, hat mit seiner ausstrahlenden Glaubwürdigkeit und seinem humorvoll gewinnendem Wesen so viel Lebensmut und Lebensfreude verbreitet. Seine Radioandachten „Vitamine für das Herz“ sind legendär. Da gab es ein gutes Wort für die bügelnde Hausfrau, ein tröstendes Wort für das traurige Kind, oder er erreichte mit den richtigen Worten den Mann, der gerade genau diese Nachricht brauchte.
Seine Spruchkarten geben bis heute Mut, sind wie Blumen. Durch seine Bücher, und wer erinnert sich nicht an das Buch „Vergiss die Freude nicht“, erreichte seine „Botschaft des Herzens“ weltweit Millionen von Leserinnen und Lesern.
Die Honorare brachten dem Priester gute Einnahmen. Und das ermöglichte ihm neben frommen Worten die Tat. Er gründete soziale Aktionen und Einrichtungen für sozial benachteiligte Menschen in Belgien und weit darüber hinaus. Dazu gehören Resozialisierungshäuser für Strafgefangene, ein Kloster als Zuhause für Frauen mit mehreren Kindern, Frauenhäuser, ein Migrantenhaus oder der „therapeutische“ Bauernhof. Sein Motto war: „Lasst uns Oasen schaffen, wo man begeistert ist vom Leben, von jedem Leben, auch von dem Leben, das sehr viel Mühe kostet.“
Bund ohne Namen
Oasen schaffen für Leib und Seele, das wollte er mit seiner von ihm begründeten Organisation, dem „Bund ohne Namen“.
Der Bund ohne Namen soll eine Bewegung sein für mehr Herz in unserer Welt. Fehlt Treibstoff im Auto, läuft nichts. Fehlt im Leben das Herz, sind Menschen unglücklich, und mag es ihnen noch so gut gehen. Eine Tankstelle ist der „Bund ohne Namen“. Er will den Herzschlag der Liebe immer wieder neu mobilisieren.
Das Benzin, die Wurzeln sind die Liebesbotschaft des Evangeliums. Und weil Liebe alle brauchen, verbindet eben diese Liebe Menschen über politische, soziale, weltanschauliche, religiöse Grenzen hinweg. So einfach ist das, meint Phil Bosmans. Deshalb ist es ein „Bund ohne Namen“: Er ist offen für alle Menschen, die ein Herz unter ihrer Jacke haben.
Noch zwei „Verrückte nach Gott“
Dann passierte es, dass Phil Bosmans zwei „Verrückte nach Gott“ in Nordhessen traf. Es war im Jahr 1983. Friedhelm Bleicker vom Amt für Mission der Landeskirche war damals verantwortlich für die Kurseelsorge in Bad Wildungen.
Bleicker hatte verstanden, für die Kur braucht es mehr als schlaue Vorträge über Ernährung, den Kellerwald oder die Vor- und Nachteile von zu wenig oder zu viel Kurschatten. Es braucht das Richtige fürs Herz, besser wohl den Richtigen.
Bleicker kannte die Bücher von Bosmans und sagte sich: der erreicht die Leute, den frage ich, ob er nicht in Bad Wildungen Vorträge halten kann und für Gespräche bereit ist. Allerdings mit einer Einschränkung, für wenig Honorar aber viel Ehr. Bosmans sagte zu und begeisterte die Menschen.
Bleicker, längst Pensionär und rüstiger 80ziger, strahlt heute noch beim Erzählen, als käme er gerade vom erfolgreichen Kureinsatz.
Von Bad Wildungen ging´s mit Bosmans missionarisch quer durch die Landeskirche. So einen Mann musste man doch vermarkten, betont Bleicker. Bad Salzschlirf, Bad Orb, Bad Soden-Allendorf oder Gersfeld waren gute Stationen. Nur die Anreise gestaltete sich manchmal zum Problem. „Wer kann heute Bosmans nach Gersfeld in die Rhön bringen“, war eines Tages die Frage im Amt. Keiner. Alle waren beschäftigt. „Ich frage Peter Kracheletz, Besitzer des gleichnamigen Beerdigungsinstituts“, meinte Bleicker. „Den guten Katholiken kenne ich vom Rat Christlicher Kirchen.“ Kracheletz ist beruflich viel unterwegs, vielleicht muss er ja zufällig nach Gersfeld. Er musste nicht, fuhr aber trotzdem.
So wurde Peter Kracheletz zukünftig so etwas wie der Privatchauffeur von Phil Bosmans während seiner kurhessischen Kureinsätze. Und es begann durch die Autofahrten eine tiefe Herzensfreundschaft zwischen dem holländischen Gottesmann, dem katholischen Beerdigungsunternehmer Peter Kracheletz und dem evangelischen Missionsmenschen Friedhelm Bleicker. Während Bosmans die geliebte Zigarre schmauchte, erzählte man sich im Auto ganz ökumenisch Geschichten übers Menschsein. „Das prägte meine Frömmigkeit“, erzählt Peter Kracheletz. So inspiriert organisierte er das Haus Lichtblick in Kassel, eine Resozialisierungseinrichtung für Strafgefangene.
Gerade kommt Kracheletz von einer Beerdigung. Er war heute nicht nur verantwortlich für den äußeren Ablauf, er hat die Feier als Diakon gestaltet. „Ich versuche bei meinen Gottesdiensten immer das tröstende oder freudige Lächeln Gottes weiterzureichen“, meint der Diakon, „so wie ich es von Phil Bosmans, gelernt habe.“ Nicht der Tod habe das letzte Wort, sondern die Liebe.
Friedhelm Bleicker lächelt. Wie gesagt, da haben sich zwei gefunden in den Nachfolge Jesu, im Sinne ihres Vorbildes Phil Bosmans, und wurden zu zwei „Verrückten in der Sehnsucht nach Gott.“ Beide gehören natürlich verantwortlich zum „Bund ohne Namen“. 200 Mitglieder gibt es in Nordhessen, miteinander verbunden durch K13.
K13? – etwa eine Geheimzahl, doch ein Geheimbund? Alles ganz einfach, K13 steht für 1. Korinther 13 und da steht das berühmte „Hohe Lied der Liebe“.
Was denn sonst!
Phil Bosmans
Was ich noch sagen wollte
Liebe Menschen,
ich bin jetzt zwar gestorben, aber ich bin nicht tot. Ich lebe und bin nun ganz und gar in das große Licht aufgenommen, das Gott in der Nacht des Todes entfacht hat: „Die Auferstehung Jesu.“
Und ich bin dankbar. Gott war gut zu mir. Ich wurde gerufen und merkte sehr bald, dass nicht ich gewählt hatte, sondern dass es Gottes Wahl war. Er hat mich in einer unbegreiflichen Liebe gewählt, die ich selbst nicht verstehen und nicht erklären kann.
Ich bekam den Glauben nicht von einem Bischof oder Theologen, sondern von zwei lieben Menschen, meinem Vater und meiner Mutter. Gott war etwas Selbstverständliches, denn da war so viel Liebe, so viel Zuneigung und Zusammengehörigkeit. Ich glaubte an Gott, so wie ein Blinder an die Sonne glaubt, nicht weil er sie sieht, sondern weil er sie fühlt. Ich stellte mir keine Fragen.
Später wurde alles anders. Ich ging zum Studium, und der selbstverständliche Gott wurde zu einem riesengroßen Problem. Ich studierte Philosophie und Theologie und fing an, die Ungläubigen zu begreifen.
Ich bekam Angst, Gott zu verlieren. Auf dem Weg des Studiums kam ich ihm nicht näher. Er zog sich in Nebel zurück. Aber ich glaubte weiter und suchte weiter. Als ich eines Tages krank wurde, schwächer und machtloser, als plötzlich keine Zukunft mehr vor mir lag, wurde alles einfacher. Ich machte mein Herz voller Verzweiflung weit auf und verlangte glühender denn je nach Gott.
Da geschah das Wunder. Alles wurde mir gegeben. Nicht ich erkannte Gott, sondern Gott ließ sich von mir erkennen. Er offenbarte sich, nicht als ein Gott zum Nachdenken oder zum Angstbekommen, sondern als ein Gott zum Liebhaben und Glücklichsein.
Ich bin in meinem Leben vielen Menschen begegnet, vielen unglücklichen, entwurzelten, aus der Bahn geratenen Menschen, zu denen mich Gott rief und für die er mich Priester werden ließ. Ich habe Gott gesehen in den Gesichtern von Menschen. Für sie sollte ich Gottes Liebe spürbar machen. Um das erreichen, machte Gott auch seine Liebe für mich spürbar und erfahrbar in so vielen lieben, wunderbaren, phantastischen Menschen, die alles für mich taten und für mich sorgten. Es waren Menschen wie Engel.
Engel sind Menschen, die Gott in dein Leben schickt, einfach so, unvermutet und unverdient, um dich seine Freundschaft, seine Zärtlichkeit spüren zu lassen. Menschen werden dann zu Engeln, wenn sie dich durch alles hindurch in Gottes Liebe bergen wollen. Viele sind mir vorausgegangen. Andere leben noch und sind vielleicht hier.
Ich danke ihnen, mehr als ich sagen kann. Danke für alles, wofür ich keine Worte finde.
Warum wollte Gott Menschen durch mich trösten, ihnen einen Weg zeigen und Geborgenheit geben? Ich blieb doch so oft hinter den Anforderungen zurück. Ich bekam manch Narbe, in der meine große Schwachheit und Armut geschrieben stand als bleibende Erinnerung an meine totale Ohnmacht. So wusste ich: Was ich in meinem Leben Gutes tat, das hat Gott getan.
Gott hat uns nicht gemacht für den Tod. Wir sind Kinder des Lichtes, Kinder des Tags. Wir gehören nicht der Nacht und der Finsternis, nicht dem Tod. Gott bringt uns alle durch den Tod hindurch und über den Tod hinaus in ein Land, wo die Zeit stillsteht und die Liebe keine Grenzen kennt. Der Tod kann uns nicht trennen. Nur wo die Liebe stirbt, kommt Tod ins Haus und ins Herz. Wo die Liebe stirbt, kommen Menschen hier und jetzt in eine Hölle, so wie wir es in unserer Umgebung sehen und am Abend im Fernsehen. Darum müssen wir um jeden Preis verhindern, dass die Liebe stirbt. So wie eine Welle langsam übergeht in das Meer, aus dem sie entstanden ist, so bin ich in die Stille zurückgekehrt in das große Meer der Liebe Gottes und auf meinen Lippen ein letztes Gebet:
Lieber Gott, du liebst mich so sehr. Mit zwei Händen hältst du mich fest.
Ja, Herr, so wie ich war, du hast mich geliebt. Mit unendlicher Geduld hast du mich in deinem Dienst gehalten.
Ich war nur ein kleines Stückehen Glas, durch das deine Liebe zu den Menschen leuchtet. Ein kleines Stückchen Glas, so manches Mal vom Alltag verstaubt, verdreckt von den Stürmen des Lebens. Aber jedes Mal hast du es wieder gewaschen, siebzig mal siebenmal rein gewaschen im warmen Regen deiner Barmherzigkeit.
Du hast es zärtlich in deine Sonne gelegt, damit es leuchtender denn je mitspielt im ewigen Spiel der Liebe zwischen dir und den Menschen.
Lieber Gott, aus Scherben machst du Spiegel deiner Liebe. Lieber Gott, alles hast du mir gegeben. Gib mir noch eins:
ein dankbares Herz.
Reinhard Heubner
Wenn Sie mehr über den „Bund ohne Namen“ wissen möchten oder die Arbeit unterstützen wollen, das finden Sie bei: www.bund-ohne-namen.de

