"Sie behalten den Schlüssel zur Kirche"
Freiensteinau. Fröhlich und festlich erklingt die Orgel an diesem Sonntagmorgen. Organist Erich Jäger begrüßt von seinem gewohnten Platz auf der Orgelbank die Gemeinde. Wie immer trägt er beim Orgeln seine Hochzeitsschuhe, schmale Lederschuhe mit dünnen Sohlen, durch die er die Pedale spüren kann. Seit dreißig Jahren spielt Jäger Sonntag für Sonntag im Gottesdienst. Insgesamt 50 Jahre lang war der 74-Jährige als Organist in Vogelsberger Gemeinden tätig. Nun nimmt er Abschied. „Ich will etwas leiser treten, in die zweite Reihe zurücktreten“, so erläutert er seinen freiwilligen Entschluss.
Während seiner Ausbildung zum Lehrer im südhessischen Jugenheim hatte Jäger Klavierunterricht genommen und im Alter von zwanzig Jahren mit dem Orgelspiel begonnen – eine Missachtung der Warnung seiner Klavierlehrerin vor der Königin der Instrumente. Nach einer kurzen Station in Fleschenbach kam der gebürtige Harpertshausener (Kreis Dieburg) im Herbst 1961 als Lehrer nach Ober-Moos, wo er bald die Kirchengemeinde am Harmonium begleitete. 1970 ging Jäger aus beruflichen Gründen an die Mittelpunktschule in Birstein und spielte einige Jahre im „Vogelsberger Dom“ in Unterreichenbach, bevor er Mitte der 70er Jahre nach Schlüchtern umzog und ab 1981 in Freien-steinau wirkte.
„Ein Organist nimmt vieles auf sich: Kalte oder gar nasskalte Kirchen, das Lampenfieber vor dem Gottesdienst, Woche für Woche pünktlich sein. Wenn man das so lange macht, wie Sie, Herr Jäger, dann muss man es leben“, würdigte Dekanatskirchenmusikerin Diana Rieger den scheidenden Kollegen und überbrachte Dankesgrüße von Landeskirchenmusikdirektorin Christa Kirschbaum sowie eine Ehrenurkunde.
Erich Jäger habe der Gemeinde ermöglicht, sich im Klang der Orgel zu verlieren und wiederzufinden. Sein Wirken an dem Instrument sei zur Brücke geworden, die Gemeinde mit Gott zu verbinden und Stärkung und Glauben zu erfahren, so Pfarrerin Andrea Wiemer in ihrer Laudatio. „Pfarrer kamen und gingen. Sie blieben. Die Freiensteinauer Orgel bleibt Ihre Orgel und Sie behalten den Schlüssel zur Kirche“, versprach Pfarrerin Wiemer dem sichtlich gerührten Pensionär. Vom Kirchenvorstand gab es zum Abschied einen Wetterhahn und fünfzehn Himbeersträucher für den Hobbygärtner. Bewegt trat Jäger schließlich vor die Gemeinde: „Ich danke dem Herrgott, dass er mir Kraft gegeben hat, diesen Dienst zu tun. Es ist nur Dank, was ich zu sagen habe.“
Michaela Scharff

