Trauer in Polen
Erschüttert haben uns alle die Ereignisse in Polen. In dieser Anteilnahme bat ich Christoph Heubner, Vizepräsident des Auschwitz-Komitees und seit Jahrzehnten der deutsch-polnischen Versöhnungsarbeit verbunden, um einen Kommentar zu dem tragischen Geschehen. „Meine erste Bitte, als ich am Sonntag mittag – nach der Landung in Krakau – die Jugendbegegnungsstätte in Oswiecim/Auschwitz erreiche, ist, mir eine Liste mit den Namen der Opfer der Flugzeugkatastrophe vom gestrigen Samstag auszudrucken: Es sind drei Seiten, 96 Namen, 96 Lebensgeschichten. Lebensgeschichten von Personen, die meine Biographie berühren: Menschen, die ich gekannt und geschätzt habe, mit denen ich über Jahrzehnte beruflich verbunden bin: Ich hatte damit gerechnet, dass A. im Flugzeug gewesen sein könnte – aber dann seinen Namen in der Auflistung der Toten tatsächlich zu finden – das ist für mich ein tiefer Schmerz verbunden mit unendlichen Bilderfolgen seines morgendlichen Abschieds, der Anspannung im Blick auf die bevorstehende so wichtige Gedenkveranstaltung in Katyn. Und ich sehe in Gedanken seine Vorfreude, diese symbolische und geschichtsträchtige Reise mit dem Präsidentenehepaar antreten zu können. Mein Blick wandert über die Namen: T. – das kann nicht sein, auch er – der ruhige, besonnene und bescheidene Gesprächspartner – ein polnischer Gentleman – auch er. Die Geschichte hat einen langen Atem: Der Ort Katyn – da ist die über Jahrzehnte von sowjetischer und russischer Seite uneingestandene Schuld bezüglich der Ermordung der polnischen Offiziere. Katyn, das ist in Polen zutiefst verbunden mit der Vertuschungs- und Vernebelungsversuche der Verantwortlichen für diesen Massenmord. All dies belastete und belastet das polnisch-russische Verhältnis bis heute. Hinzu kam, dass im sozialistischen Polen über dieses Verbrechen der „gro-ßen" Sowjetunion der Schleier der Tabuisierung gelegt und versucht wurde, auch diesen Massenmord deutschen Tätern zuzuschreiben: Aber die große Zahl der Polen, die die deutsche Verantwortung für den Massenmord in Auschwitz, Majdanek und anderen Lagern in den eigenen Familien „erfahren" hatte und denen bewusst war, welches Schicksal die Rassenpolitik der Nazis für das polnische Volk vorgesehen hatte, ließen sich nicht täuschen: Sie wussten, wer in den Wäldern um Katyn die polnische Elite liquidiert hatte. Katyn blieb eine offene Wunde direkt am Herzen der polnischen Nation. Andrzej Wajda drehte seinen berührenden Film über Katyn, der die polnischen Menschen bewegt und derzeit auch in deutschen Kinos läuft. Alte polnische Menschen haben Katyn nie vergessen. Sie hielten in der Erinnerung vergilbte Fotografien ihrer Väter in Militäruniformen in die Höhe – auf der Suche nach den Vätern, die sie nie hatten haben dürfen und auf der Suche nach dem Eingeständnis der Wahrheit durch die Schuldigen. ,Benannte Schuld – gebannte Schuld‘, so hat der Dichter Johannes Bobrowski einmal formuliert. Die Schuld von Katyn ist längst nicht gebannt, sie wuchert noch: Geschichte hat einen langen Atem. Polen – ein Land trauert. Und die Menschen in Europa haben hoffentlich einmal mehr verstanden, wie wichtig es ist, zu wissen, was geschah, wa- Später werde ich erfahren, dass A.‘s Tochter als polnische Pfadfinderin mit dem Zug nach Smolensk vorausgereist ist. Sie steht nun im Spalier ihrer Pfadfindergruppe, um den Präsidenten Polens und ihren Vater bei der Ankunft am Flughafen zu ehren und zu begrüßen: Sie hat alles mitangesehen: Der Schmerz in Polens Herzen, der Schmerz im Herzen Europas." Christoph Heubner
rum es geschah und wer für das Geschehene Verantwortung trägt: Erst dieses Wissen über das in der Vergangenheit Geschehene öffnet den Blick für zukünftige Gemeinsamkeiten.


