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Diese Kinder brauchen immer noch Hilfe

02.02.2012 - 0 Kommentare

Ingrid Rathgeber lächelt, ist 75 und voller Tatendrang. Dabei ist ihr oft genug das Lachen vergangen. „Kein Mensch interessiert sich noch für Tschernobyl“, meint sie, „dabei leiden die Menschen dort mehr als je zuvor. Und die Kinder erst. Dieses furchtbare Elend.“
1986 war die Atomkatastrophe. Mensch und Tier wurde verseucht. Weltweite Hilfe war angesagt. Seit 1993 engagiert sich Ingrid Rathgeber im Verein „Hilfe für Kinder in Not nach Tschernobyl“. Sie reist in die Ukraine, nach Weißrussland, besucht betroffene Familien und sieht immer neu die Folgen der Strahlung. Die meisten Kinder leiden unter Geburtsfehlern. Es kommt zu Kleinwuchs, offenem Rücken, Down-Syndrom.

Strahlungsopfer
„70 Prozent der jungen Frauen, die damals geboren wurden, leiden an Krebsgeschwüren, an Leu-kämie, Magenkrebs, Brustkrebs, Knochenkrebs u.ä.. Dabei soll der Höhepunkt der Krankheiten erst in 20 bis 25 Jahren erreicht sein, befürchten die Ärzte. Früh- und Fehlgeburten sind an der Tagesordnung. Mehr als die Hälfte der Männer und Frauen, die beim Reaktorunglück 3 bis 5 Jahre waren, sind zeugungs- und gebärunfähig. Die Lebenserwartung liegt für Männer bei 53 und für Frauen bei 59 Jahren. Die Herzkrankheiten steigen rapide. Bei vielen Menschen ist das Immunsystem kaputt und Medikamente sind rar. Die Lebensmittel sind weiter belastet und viele Menschen sind längst an den Folgen der Strahlung gestorben. Die Zahl der Waisenkinder wächst stetig. Zu viele Menschen ersaufen ihre Ängste und Sorgen in Alkohol und Drogen. Leidtragende sind immer die Kinder.“

Ein Hoffnungslicht anzünden
Frau Rathgeber will in dieser dunklen, noch immer strahlenden Gegend ein Hoffnungslicht anzünden. Sie hilft mit Spenden vor Ort, unterstützt Familien, Krankenhäuser, Waisenhäuser und ermöglicht jedes Jahr über dreißig Kindern einen Besuch in frischer Luft im Freizeitheim „Haus Waldfrieden“ in Speele bei Hannoversch Münden.  
„Eigentlich ist es gar nicht so schwer, Lichter anzuzünden“, erzählt Ingrid Rathgeber.
„Ende Oktober war ich wieder in der Ukraine, oben an der Grenze zu Weißrussland, gerade südlich von Tschernobyl, am Sperrgebiet. Ich besuchte eine Familie mit den 8 eigenen Kindern in einem einfachen Holzhaus. Dazu haben sie noch Waisenkinder adoptiert. Der Vater erzählte sein Leben, als Ingenieur im Kernkraftwerk von Tschernobyl – vor dem GAU, während des GAUs und nach dem GAU! Vorher war das Leben fast unbeschwert: die Familie in Ordnung, die Arbeit gut bezahlt. Während des GAUs, am 2. Tag „danach“, hatte er Dienst, musste im havarierten Werk die Heizsysteme trennen, noch 7 Jahre lang.
Freunde starben, die Familie wurde nach Kiew evakuiert. Sein Dorf und noch neun weitere wurden dem Sperrgebiet zugeordnet und sollten dem Erdboden gleich gemacht werden. Man fand aber nicht genügend Wohnraum, wo die Menschen untergebracht werden konnten; also blieben sie da und man strich diese Dörfer lediglich von der Landkarte. Die Familie kehrte aus Kiew zurück. Das Leben dort war nicht zu bezahlen. Der Vater hatte danach sein Gehör verloren, viele Operationen hinter sich, mit einem schlechten Hörgerät geht die Verständigung einigermaßen. Heute lebt die Familie von 325 Euro monatlich und hilft noch anderen Kindern. Ich habe nur zugehört, mit Tränen in den Augen.“

Haus Waldfrieden in Speele
Und dann berichtet Ingrid Rathgeber von der letzten Freizeit „ihrer“ Kinder in frischer Luft, mit gutem, unbelastetem Essen in Speele. 16 Waisenkinder, 9 Halbwaisen und 7 behinderte Kinder gehörten zu unseren 35 Schützlingen. Alle waren glücklich, die 4 Wochen dort in Gemeinschaft ohne Sorgen verleben zu können.
Inna hat eine neue Prothese bekommen! Sie war überglücklich und dankbar. Wenn sie nun läuft, merkt man kaum, dass sie ein halbes künstliches Bein hat! Knochenkrebs. Ich bewundere, mit welcher großartigen Haltung sie ihr Schicksal trägt. Sie hat, wie es scheint, einen festen Halt in ihrer Familie. Dank allen, die zur Finanzierung der Prothese so großzügig beigetragen haben! Aber da gab es auch ganz traurige Lebensläufe bei diesen jungen Menschlein. Da war z.B. „mein kleiner Freund“ Artjom. Er ist 8 Jahre und kam im Februar letzten Jahres in eine neue Pflegefamilie. Seiner leiblichen Mutter wurde er im Alter von 2 Jahren entzogen – sie war alkohol­- und drogenabhängig.
Er kam dann zu seiner offensichtlich lieben Uroma – die Mutter will er niemals wiedersehen! Den Vater gern, aber der will nichts von ihm wissen, besonders seine 2. Frau nicht.
Dieser kleine, intelligente Kerl hatte manchmal solch hysterische Anfälle, dass wir ständig bemüht waren, Grenzsituationen zu umgehen. Wie soll der Junge von seinen traumatischen Erlebnissen befreit werden? Zum Glück kenne ich seine neue Pflegemutter gut und kann bei Besuchen in Weißrussland noch beobachten und Einfluss nehmen. Psychologen, geschweige denn Kinderpsychologen gibt es in dieser weißrussischen Stadt nicht. Ich habe ihm zum Abschied gesagt, dass ich ihn lieb habe und besuchen werde, das soll er nicht vergessen. Er wollte nur bei Ingrid bleiben.
Oder da ist Christina, ein lebhaftes 8-jähriges Mädchen; sie wollte am liebsten allen Besuchern um den Hals fallen. Sie sucht überall Liebe! Bis zu ihrem 4. Lebensjahr konnte sie weder sprechen noch laufen. Die Eltern waren beide Alkoholiker, sie kam in eine Pflegefamilie. Noch heute mussten wir ihr nachts Pampers anziehen. Sie wohnt in einer vergessenen Kleinstadt, ganz im Osten an der russischen Grenze. Dort herrscht die größte Armut – ab und zu gehen Hilfsgüter von uns dort hin.
Mischa – ihn kann ich als typisches „Tschernobyl-Kind“ beschreiben. Er ist 10 Jahre alt, auch nach 4 Wochen noch blass mit tiefen Augenrändern, dicklich und völlig lethargisch, Einzelgänger. Ich habe ihn nie fröhlich gesehen, auffällig in der Gruppe ist er nie geworden. Genauso hat mir eine Lehrerin aus Bragin (am Sperrgebiet) ihre Schüler beschrieben. Sie ist glücklich, wenn sie wenigstens zwei bis drei interessierte und wissbegierige Jungen oder Mädchen in der Klasse hat. Was soll aus dieser traumatisierten Generation werden?
Die meisten der Waisenkinder sind so genannte „Sozialwaisen“, d.h. sie wurden ihren Eltern oder Müttern weggenommen, weil diese alkohol- oder/und drogenabhängig waren/sind. Zum gro-ßen Glück haben manche Jungen und Mädchen in Pflegefamilien ein liebevolles, neues Zuhause bekommen. Es ist gut, dass wir diese so genannten Familienwaisenhäuser unterstützen und ein wenig dazu beitragen können, dass einige dieser verlassenen Kinder und verwundeten Seelen wieder einen Halt in ihrem Leben finden. Im September letzten Jahres haben wir noch einen Riesen-Hilfstransport nach Weißrussland geschickt. 18 Tonnen Hilfsgüter, 1380 Säcke á 13–15 kg, 1 Riesenwaschmaschine für das TBC-Kinderheim, 40 Matratzen für das Heim für psychisch Kranke und so viel mehr. Ich bin sehr froh, dass die Sachen nun dort hinkommen, wo sie gebraucht werden! Einen Tag später wurde noch ein „kleiner“ Transport gepackt – „nur“ 2000 Kilo – mit 50 gebrauchten Fahrrädern; für jedes Sommerkind eins und für das Kinderheim und die Familienwaisenhäuser.
Sommerfreizeit 2012
Jetzt plant Ingrid Rathgeber natürlich schon wieder die nächste Sommerfreizeit für „ihre“ Kinder aus der Umgebung von Tschernobyl. Wieder bittet sie um gut erhaltene Kinderfahrräder, Spielsachen, Kinderkleidung und sogar für ein Jugendorchester spielbare Instrumente.
Wer helfen will, wende sich an: Ingrid Rathgeber, Telefon: 0561/12121.
E-mail: tschernobyl@rathgeber-speele.de
Spendenkonto: 957844 bei der  Kasseler Bank (BLZ: 52090000)
Reinhard Heubner

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