
Gedenken an den Holocaust
Döner-Morde ist das Unwort des Jahres 2011. Stimmt, denn es ging nicht um Döner. Es waren rechtsradikale Mörder, die aus rassistischen Gründen Menschen anderen Herkunft, Tradition und Nationalität umgebracht haben. Es ist noch nicht lange her, was sind schon 70 Jahre, da wurden aus eben solchen Gründen jüdische Mitbürger umgebracht. Der Holocaustgedenktag am 27. Januar erinnert jedes Jahr daran.
Es wird wohl noch viele Jahre brauchen, bis auch der letzte Rassist versteht, dass Morde kein Weg sind. Wir Deutsche haben, wie jedes Land, seine Geschichte. Geschichte will erinnern, damit wir jetzt hier und heute das Richtige tun. Dass zu unserer Herkunft die Reformation gehört, auch Goethe, auch Einstein aber auch die Gräuel der Nazizeit – wie das uns im Bewusstsein halten, zugunsten einer glückenden Zukunft?
Junge Menschen, Auszubildende von Volkswagen fahren z.B. mit polnischen Jugendlichen nach Auschwitz, besuchen die Jugendbegegnungsstätte und erleben so Geschichte.
Die will uns nicht festlegen auf diese Nazi-Herkunft. Aber es soll zeigen, wir haben begriffen: Zu unserer Herkunft gehören auch diese Verbrechen. Nicht nur die Gedenksteine zum Volkstrauertag gehören dazu, sondern auch die Holocaustmahnmale von Buchenwald, Berlin-Plötzensee bis Auschwitz. Gerade wenn wir keine Mahnmale hätten, bliebe die Vergangenheit bleiern, wir steckten in einem Urwald von Erinnerungen (E. Canetti) ohne Deutung, ohne Schuldkenntnis, dann auch ohne Vergebung.
Ein Hoffnungsbild ist für mich das Kainszeichen. Kain erschlug, so erzählt die Bibel, seinen Bruder Abel aus Neid wegen seiner vermeintlich bevorzugten Stellung zu Gott. Kain bekommt seine Strafe. Damit er nun aber nicht als Brudermörder selbst erschlagen werde, machte Gott ein Zeichen an Kain, um ihm eine Chance für ein gewaltfreies Leben zu geben. Das Kainsmal ist also sowohl das Mahnmalzeichen des Mörders als auch ein Schutzzeichen. Kain stellte sich seiner Geschichte und trug bewusst das Mahnzeichen, auch um ein neues Leben anzufangen. Danach bauten seine Kinder und er Städte, schrieben Musik und wurden groß in der Geschichte. Peter Eisenman schuf das Holocaust-Mahnmal in Berlin. Es spiegelt die unvorstellbar monströse Tat, in ihrer riesigen Furchtbarkeit nicht zu verstehen. Unzählige Besucher gehen durch das Labyrinth der Steine. Werden sie die Geschichte verstehen und lernen mit ihr zu leben, um Verantwortung für ein neues Land zu übernehmen?
Wir könnten auch an unsere Häuser kleine Plaketten anbringen, auf denen man lesen kann: In diesem Haus lebten einst Jakob und Esther und die kleine Ruth Meier. Sie wurden am 3. Februar 1938 nach Sachsenhausen gebracht und nie wieder gesehen. Solche kleinen Schilder ermöglichten eine sehr persönlichere Art des Gedenkens. Sagen wir also bitte nicht, Auschwitz ist lange her, das alles gibt es nicht wieder. Wer hätte gedacht, dass es diese Morde an türkischen, ausländischen, behinderten, am Rande der Gesellschaft lebenden Mitbürgern, aus rassistischen Gründen gibt, nur weil die Menschen anders sind.
Lassen Sie uns gemeinsam gegen Rassismus und Antisemitismus eintreten. Für unser schönes Land, für uns.
Reinhard Heubner


