
Der Baum des Anstoßes
Bad Sooden-Allendorf. Die Pfarrer Thomas Schanze und Hubertus Spill waren völlig überrascht, welch scharfer Gegenwind ihnen plötzlich entgegenschlug. Und das alles, wegen eines Baumes. Dabei war die Entscheidung vom gesamten Kirchenvorstand abgesegnet worden: Die Catalpa vor der St. Crucis Kirche in Allendorf muss weg. Die Krone ist morsch und herunterfallende Äste gefährden die Besucher des Pfarramts. Botanisch gehört der Baum zur Familie der Trompetenbaumgewächse. Deren Heimat ist in Ostasien, Nordamerika, auf den Karibischen Inseln und seit fünf Jahrzehnten in Mitteleuropa in Allendorf.
In die nordhessische Badestadt gelangte die Catalpa vor rund 50 Jahren, als die Ehefrau des damaligen Pfarrers Wörner, den wunderschön blühenden Baum vor der Kirche pflanzen ließ. Der Baum sei wirklich wunderschön, betonen Kirchenvorstand und Pfarrer einmütig. Umso schwerer sei der Beschluss gewesen, den Baum zu fällen. Man müsse aber bedenken, so der Kirchenvorstand, dass von dem alt gewordenen Baum eine große Unfallgefahr ausgehe. „Die Catalpen reagieren sensibel auf Wassermangel und neigen im Alter dazu, Äste abzuwerfen“, erläutert Pfarrer Hubertus Spill. Ein dicker Ast liegt bereits unten, und wer auf den Turm der St. Crucis Kirche steigt, kann von oben sehen, wie die Krone an mehreren Stellen gebrochen ist.
Dieser Beschluss hat nun die Baumschützer auf den Plan gerufen. Der Baum gebe ein schönes Bild ab, wenn er blüht und in 50 Jahren sei er zu einem Stück Allendorfer Heimat geworden. Außerdem könne man mit geeigneten Maßnahmen den Baum retten. Das sieht der Kirchenvorstand zwar auch, aber woher das Geld nehmen. Und der Kirchenvorstand als Vertretung der Kirchengemeinde haftet nun einmal, wenn jemandem ein Ast auf den Kopf fällt. „Deshalb stehen wir hinter der Fäll-Entscheidung“, betont Pfarrer Thomas Schanze.
Den Umgang mit dem Problem haben Pfarrer und Kirchenvorstand nicht auf die leichte Schulter genommen. Bereits seit 2008 gab es Beratungen mit Experten. Man wusste im Ort davon. „Wir haben den Sachverhalt immer transparent kommuniziert“, betont Pfarrer Schanze. Dass jetzt nun eine Unterschriftensammlung des BUND (Bund für Umwelt und Naturschutz in Deutschland) gegen die Fällung des Baumes angestrengt wurde, sowie Zuschriften von Anwohnern, habe ihn schon überrascht und irritiert. Die Vorschläge zur Rettung der Catalpa reichen vom manuellen Gießen des Baumens, über Baumpatenschaften, um den Baumschnitt zu bezahlen, bis hin zur Anpflanzung eines neuen Baumes an der gleichen Stelle von Seiten des Pfarramts. Was tun? Zunächst gab es einen Baum-Gemeindeabend. Rund sechzig Teilnehmer erlebten eine sachlich, gute Diskussion, berichtet Pfarrer Spill. Der ehemalige Bürgermeister der Stadt und jetzige Präses der Kreissynode Ronald Gundlach, moderierte den Abend.
Thorge Steinmetz, Sachverständiger für Bäume erklärt, dass die einzige Alternative zum Fällen ein radikaler Rückschnitt bis hin zur Verstümmelung sei. Dieser müsste alle zwei Jahre wiederholt werden, weil der Baum auch zum Grünastbruch neige. „Wenn es mein Baum wäre, würde ich ihn fällen.“ Die Besucher sprachen sich trotz vieler Fällargumente mehrheitlich für den Erhalt des Baumes aus. „Unsere größte Sorge ist der Grünastabbruch, erklärte die Vorsitzende des Kirchenvorstands Ute Bachmann. Dennoch, man werde noch einmal beraten.
Kristin Weber


