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Der lange Atem der Katastrophe

19.01.2012 - 0 Kommentare

Es war 16.53 Uhr Ortszeit, als in Haiti die Welt untergehen wollte. Ein schweres Erdbeben der Stärke 7,0 hatte den Karibikstaat am 12. Januar 2010 im Mark erschüttert und für tausendfachen Tod und unermessliches Leid gesorgt. Die Naturkatastrophe stürzte das ärmste Land der westlichen Hemisphäre noch tiefer ins Elend. Liest man die dazugehörigen Zahlen, kann man sie, selbst zwei Jahre später, kaum fassen: fast 230.000 Tote, etwa 190.000 zerstörte Häuser, 30 kaputte Krankenhäuser, 19 Millionen Kubikmeter Schutt, über zwei Millionen Menschen wurden obdachlos.
Zwei Jahre danach liegt das Land immer noch zu großen Teilen in Trümmern. Die Trümmer des Präsidentenpalastes im Zentrum der Hauptstadt Port-au-Prince stehen als Symbol für den mühsamen Wiederaufbau in dem Inselstaat. Ein paar neue Fenster wurden eingesetzt, sonst ist das während des Erdbebens zusammengesackte Gebäude praktisch unverändert. Erst knapp die Hälfte der Schuttmassen wurden laut Schätzungen der Vereinten Nationen weggeschafft.
Noch immer leben über eine halbe Million Menschen in behelfsmäßigen Notunterkünften, die von den ausländischen Hilfsorganisationen eingerichtet worden waren. Die meisten Haitianer haben weder fließendes Wasser, Toiletten noch Zugang zu medizinischer Versorgung. Angesichts der Milliarden an Spenden und Hilfsgeldern fragen viele, warum nicht mehr Fortschritt zu sehen ist. Nach Angaben der UN wurden allerdings von den 4,6 Milliarden US-Dollar, die die Geberländer in den letzten beiden Jahren zugesagt haben, bisher nur 43 Prozent ausgezahlt. Allein für den Wiederaufbau sind nach Schätzungen verschiedener Hilfsorganisationen noch rund 580 Millionen Euro notwendig.
„Die fehlenden staatlichen Strukturen und die schlechte Infrastruktur machen die Arbeit vor Ort mühsam“, erklärt Jutta Meissner, bei der Johanniter-Unfall-Hilfe zuständig für die Haiti-Projekte. In Haiti mangelt es geschichtlich bedingt an einer rechtsstaatlichen Ordnung, brauchbaren Verwaltungsstrukturen und an kollektiven Verhaltensregeln. Korruption ist an der Tagesordnung.
Als wäre die frühere französische Kolonie nicht genug durchs Erdbeben gebeutelt, standen die Helfer im Herbst 2010 einer neuen Katastrophe gegenüber. Die weltweit schlimmste Cholera-Epidemie schwappte über das Land. UN-Blauhelmsoldaten aus Asien sollen als Helfer den tödlichen Erreger eingeschleppt haben. Fast 7000 Menschen sind bislang Opfer der Krankheit geworden, 520.000 haben sich infiziert.
Zur Verschärfung der Lage hatte auch der Hurrikan Tomas beigetragen. Die Regenfälle, die der Wirbelsturm mit sich brachte, verursachten Überschwemmungen. In den Slums und Flüchtlingslagern blieb das Wasser in schlechten hygienischen Bedingungen stehen und wurde so zum idealen Herd für die Cholera, die sich über das Wasser ausbreitet. Mittlerweile verlangsame sich die Zahl der täglichen Neuerkrankungen, so die Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“.
Auch im Wiederaufbau lassen sich entgegen des allgemeinen Eindrucks einige Fortschritte beobachten. Aus der direkten Nothilfe unmittelbar nach dem Erdbeben entwickeln die Hilfsorganisationen wie Johanniter, Diakonie Katastrophenhilfe oder Oxfam nun nach und nach Projekte, die der Bevölkerung wieder zu einem lebbaren Alltag verhelfen. Trotz der Schwierigkeiten des Landes konnten die Johanniter in den vergangenen zwei Jahren viel bewirken: Seit Februar 2010 betreibt die Johanniter-Auslandshilfe eine mobile Orthopädiewerkstatt in Léogâne. Hunderten Menschen mit amputierten Gliedmaßen konnte mit individuell angefertigten Prothesen ermöglicht werden, sich wieder selbst zu versorgen und am Leben teilzunehmen. Besonders wichtig ist den Johannitern die Ausbildung lokaler Mitarbeiter. 13 junge Haitianer absolvieren zurzeit eine Ausbildung im Bereich Orthopädietechnik und Physiotherapie.
Projekte im landwirtschaftlichen Bereich ermöglichen es Familien sich selbst zu ernähre. So bekam Marguerite Alcindor zehn Hühner, um eine kleine Hühnerzucht zu starten. Dann hat sie genügend zu essen und kann auch Hühner auf dem Markt verkaufen.  Die 72-Jährige lebte in Port-au-Prince und hat durch das Erdbeben alles verloren. Sie sagt: „Haiti ist kein einfaches Land, umso glücklicher bin ich, dass die Diakonie hier arbeitet und uns unterstützt.“
Die Schaffung von Arbeitsplätzen ist ein nächstes großes Ziel als Voraussetzung für ein funktionierendes gesellschaftliches Leben. So bildet das Rote Kreuz zum Beispiel Haitianer in unterschiedlichen Bautechniken aus. Auch die Stärkung der landwirtschaftlichen Produktion und der Fischerei gehören zu den Zielen der Hilfsorganisation. Für Leute, die aus der Stadt zurück aufs Land kehren, bieten sie technische Beratung und Unterstützung an. Grundlegende Werkzeuge oder das Saatgut für die erste Ernte werden zur Verfügung gestellt. Fischern zeigen sie, wie sie die Kühlkette in Gang halten, damit sie ihre Produkte besser vermarkten können.
Die Situation im ländlichen Bereich hat sich stärker verbessert als zum Beispiel in der Hauptstadt Port-au-Prince. Dort herrscht noch immer vielfach Unterversorgung und es fehlt an Lebensmitteln. Riesige Schutthaufen dominieren das Stadtbild. Schwierig ist es auch, überhaupt öffentliches Land zu finden, das mit neuen Wohnungen bebaut werden kann. Und wenn es neue Häuser gibt, bleibt die Frage, welche obdachlose Familie sie sich künftig leisten kann.
Internationale Hilfe wird noch über Jahre notwendig sein.  Leuchtturmprojekte nennen es die einen, gelebte Nächstenliebe die anderen.  So hat die Dia-konie-Katastrophenhilfe zum Beispiel in der Region Bainet ein Krankenhaus und drei neue Gesundheitsstationen wieder aufgebaut. Möglich wurde das durch die Spende über 230.000 Euro der B. Braun Melsungen AG. Die 114.000 Euro, die B.Braun-Mitarbeiter aus der ganzen Welt für Haiti gespendet hatten, verdoppelte der Melsunger Medizintechnikkonzern.
„Das Gebäude ist sehr gut und ich bin dafür unheimlich dankbar. Doch wir bräuchten noch mehr medizinische Geräte und Medikamente, mehr Betten, ein kleines Labor“, so die Krankenschwester einer der Stationen Bénise Sibeau. Alles aber nicht so einfach. „Die Diakonie Katastrophenhilfe stellt dank B. Braun das Gebäude zur Verfügung. Doch die Krankenstationen umfassend auszustatten, ist die Aufgabe des Gesundheitsministeriums Haitis“, erklärt Jens Sohr, der für Infrastruktur und Hausbau zuständig ist. Immer wieder stoßen da die Hilfsorganisationen an ihre Grenzen, weil die staatliche Unterstützung fehlt. „Was wir einzig machen können, ist bei den entsprechenden Stellen immer wieder nachzuhaken. Auch bei den regelmäßigen Treffen der Organisationen, die von OCHA, des Amtes für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten der UN, koordiniert werden, sprechen wir die Schwachstellen an und versuchen so, auf die zuständigen Behörden Druck auszuüben“, erklärt der Bauingenieur. Er ist zuversichtlich, dass die Bemühungen von ihm und seinen Mitarbeitern für die Menschen auf Haiti erfolgreich sein werden.

Britta Gutsch (Foto: Diakonie-Katastrophenhilfe)

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