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Arabische Eiszeit

19.01.2012 - 0 Kommentare

Die deutsche Pfarrerin Dr. Petra Heldt (re.) lebt in Jerusalem und setzt sich seit Jahren für Verständigung und Dialog im Heiligen Land ein. Als Direktorin der „Ökumenisch-Theologischen  Forschungsgemein-
schaft in Israel“ wirkt sie in der innerchristlichen Ökumene und im deutsch-israelischen Gespräch integrativ. Dafür ist sie mit dem Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet worden. Im Juli 1997 wurde sie bei einem palästinensischen Selbstmordattentat schwer verletzt. Frau Dr. Heldt hat diesen Anschlag ohne Verbitterung überwunden. Ihre Versöhnungsarbeit auf christlicher, israelischer und paläs
tinensischer Seite wurde mit zahlreichen Auszeichnungen gewürdigt. Bei Leserreisen des KS nach Israel hat Petra Heldt die Teilnehmer mit ihren Lageanalysen tief beeindruckt.
Reinhard Heubner fragte Dr. Petra Heldt jetzt telefonisch nach ihrer Lageeinschätzung im Nahen Osten.

Frau Heldt, in deutschen Medien wird berichtet, dass Israel unter einem orthodoxen Judentum zu leiden hätte. Sehen Sie da Probleme?
Nein. Ich glaube eher, dass das sehr merkwürdig dargestellt wird in der Presse außerhalb Israels. Da wird ein viel zu großes Gewicht gelegt auf eine kleine extreme Randgruppe der Orthodoxen. Diese kleine extreme ultraorthodoxe Gruppe wird von allen orthodoxen Juden zurechtgewiesen und zurückgewiesen. Sie seien nicht wirklich jüdisch, weil sie die Tora so auslegen, dass sie nicht von der Liebe Gottes sprechen, sondern nur von Härte und Abgrenzung.
Der Rabbiner und Parlamentarier Yitzhak Vaknin, Gründer und Führer der Schass-Partei in Israel, betont, dass das ein Missbrauch des Judentums sei. Er hat sich als orthodoxer Jude absolut gegen diese Leute gestellt. Das gesamte Parlament hat sich gegen diese Leute gestellt, auch die Öffentlichkeit. Was immer diese Orthodoxen wollen oder nicht wollen, hat überhaupt keine Bedeutung in Israel.

Also der politische Einfluss ist gering?
Ja, absolut. Es existiert ihrerseits keinerlei Einfluss. Sie wollen eine Unterscheidung von Männern und Frauen. Darüber lachen doch alle.

Wie sehen Sie derzeit die Chancen für ein friedliches Weiterkommen zwischen Palästinensern und Juden?
Die Hoffnung ist immer da, aber sie wird auch immer kleiner. Je mehr die muslimische Bruderschaft hier zu sagen hat zusammen mit der Hamas, desto geringer sind die Chancen. Das Friedensgerede wird auch nicht enden, aber alle wissen, dass das wirklich nichts bringt, solange zum Beispiel weiter die palästinensische Autorität die israelischen Städte Tel-Aviv, Haifa, Nazareth etc. als palästinensisch betrachtet, die endlich, mit welchen Mitteln auch immer, befreit werden müssen. Das sehen wir jeden Tag auf „palestinian media watch“. So lange das so ist, wird sich nichts bewegen.

Im Kasseler Sonntagsblatt haben wir viel berichtet über die Situation der Christen in Ägypten. Wie sehen Sie die Lage der Christen im gesamten Nahen Osten, also Tunesien, Ägypten, Libanon oder Syrien?
Die Christen sind in der derzeitigen Situation die großen Verlierer. Das heißt, was wir hier erleben, ist ein großer Kampf zwischen den verschiedenen muslimischen Gruppierungen, Sunniten, Schiiten und wie sie alle heißen. Sie sind alle sehr verschieden und jeder will die Macht. Aber wenn es um die Frage geht, wie man sich zu verhalten hat gegenüber Nicht-Muslimen, also den Juden und Christen, da sind sich alle einig, dass sie keine Chance haben und keine Rechte. So kommt es, dass die Verfolgung der Christen immer weiter systematisch voranschreitet.
Da gibt es ein richtiges systematisches Verhalten in der Verfolgung der Christen, die immer wieder in jedem Jahr zu Weihnachten besonders hoch aufflammt. Nach islamischer Auffassung ist das christliche Weihnachten eines der fürchterlichsten Feste, das man sich vorstellen kann, weil dort die Menschwerdung Gottes gefeiert wird. Das ist in deren Augen die fürchterlichste Blasphemie, die sie sich vorstellen können. Die christliche Vorstellung, dass Gott Mensch wird, ist nach islamischer Vorstellung Götzendienst und Sünde und ist zu bestrafen. Deswegen sind besonders zu Weihnachten die ärgsten Christenverfolgungen. Daran kann man sehen, dass durch die ganze Region zwischen Pakistan, über Persien bis Ägypten etc. die Verfolgungen zu Weihnachten besonders hart sind.

Was erwarten Sie sich vom Westen zu dieser Frage?
Da kann ich nur sagen, was sich die Christen im Osten erhoffen, aber schon längst nicht mehr trauen zu sagen: dass die Christen in Europa und Amerika sehen und verstehen, was da an ihren Glaubensgeschwistern passiert. Dass sie nicht nur darüber berichten, sondern auch für die Christen beten, oder vielleicht sogar, wie es im 19ten Jahrhundert der Fall war, für sie einstehen. Zur Zeit erleben die Christen im Nahen Osten und Nordafrika genau das Gegenteil: der Westen steht nicht für Christen ein. Sie beten auch nicht für die Christen. Sie übernehmen die Propaganda der Muslime ungefragt und schaden damit den Christen immer mehr.

Wie und woran zeigt sich die Propaganda?
Da war und ist jetzt immer die Rede von einem arabischen Frühling. Das ist der fürchterlichste Hohn,  den man sich vorstellen kann. Das ist eine Sache der Propaganda. Das Ganze ist eher wie eine Parodie auf das, was wirklich passiert. Das ist kein Frühling. Sondern eine permanente Manifestierung der radikalen Elemente im Islam im nahen Osten.

Unser Außenminister Guido Westerwelle lobt bei seinem Besuch in Tunesien den Aufbruch des Landes in die Demokratie und meint, Tunesien sei ein Vorzeigeland. Würden Sie dem widersprechen?
Ich möchte wissen, worauf er das gründet. Ich sehe weder Demokratie noch eine Möglichkeit für Nicht-Muslime, dort hin zu reisen und dort friedlich zu leben, weder für Juden noch für Christen. Gerade Juden werden jetzt wieder attackiert und Christen ebenso.

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