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Pfingsten startet die neue Kirche

12.01.2012 - 0 Kommentare

Erst gab es stehenden Applaus, dann ein lautes „Großer Gott, wir loben Dich!“ Spontan stimmte ein Mitglied der „Verfassunggebenden Synode“ der neuen Nordkirche den alten Choral an, als Präses Heiner Möhring im gro-
ßen Tagungssaal der Yachthafenresidenz in Warnemünde-Hohe Düne die Ergebnisse der finalen Abstimmung über die Bildung der gemeinsamen Landeskirche in Schleswig-Holstein, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern verkündet hatte: Von den 255 anwesenden Synodalen stimmten 227 in dritter Lesung für die Verfassung der neuen Kirche. 22 votierten dagegen, 6 enthielten sich. „Nun sind wir diesen Schritt gegangen, haben diesen Schritt geschafft, Gott sei Dank!“, sagte der Vorsitzende der gemeinsamen Kirchenleitung, Schleswigs Bischof Gerhard Ulrich, in einer ersten Reaktion.
Damit wird es an Pfingsten 2012 nur noch eine einzige evangelische Landeskirche in Norddeutschland mit 2,3 Millionen Gemeindegliedern zwischen Usedom und Helgoland geben. Die 478 Jahre alte Pommersche Evangelische Kirche, die 465 Jahre alte Evangelisch-Lutherische Landeskirche Mecklenburgs und die 35 Jahre alte Nord-
elbische Evangelisch-Lutherische Kirche sind dann Geschichte. Die neue Nordkirche sei eine historische Zäsur, sagte Bischof Ulrich und pries „die Bedeutung für die Entwicklung des Protestantismus in unseren Land und für das Zusammenwachsen zwischen Ost und West“.
Offiziell verhandelt wurde über den Zusammenschluss seit 2007. Es war klar: Alleine würden die damals noch 100.000 beziehungsweise 200.000 Gemeindeglieder zählenden Kirchen in Mecklenburg-Vorpommern langfristig nicht überleben können. Versuche, lediglich die mecklenburgische und die pommersche Kirche zu fusionieren, scheiterten an der Mentalität vor Ort. Mit dem direkten Nachbarn alleinging es nicht. Die große Lösung musste her. Viele Probleme wurden geklärt: Kirchenleitungen, Verhandlungskommissionen und Synoden haben sich darauf geeinigt, dass es künftig einen Landesbischof mit Sitz in Schwerin und drei Sprengelbischöfe mit Sitz in Schleswig, Greifswald und Hamburg geben wird. Das in den beteiligten Kirchen noch unterschiedlich geregelte Arbeitsrecht – in Nordelbien gibt es einen Tarifvertrag, in den Kirchen Mecklenburg-Vorpommerns den in den meisten anderen Landeskirchen übliche „Dritten Weg“ – soll erst in sechs Jahren vereinheitlicht werden. Und auch in der Theologie ist die neue Kirche eine Besonderheit: „Die neue Nordkirche nimmt in ihrer Präambel ausdrücklich Bezug auf die Barmer Theologische Erklärung von 1938“, sagt Bischof Ulrich. Damit ist sie die erste lutherische Kirche weltweit, die dieses Grundlagendokument der Bekennenden Kirche in ihrer Verfassung als theologische Grundlage anerkennt.
Doch selbst auf der finalen Synode in Warnemünde konnten nicht alle zustimmen: Die Gebrüder Mahlburg – der eine pommerscher, der andere mecklenburgischer Synodaler – und der mecklenburgische Synodale Lutz Decker machten deutlich, dass sie der Nordkirche nicht zustimmen würden. Sie hätten sich eine langsamere Fusion gewünscht. In Warnemünde erlebte die neue Nordkirche auch ihre erste Krise. Die Überleitung der vier Bischöfe in die neue Kirche, eigentlich nur eine Formalie, scheiterte im ersten Anlauf: Nur 176 Synodale sprachen sich dafür aus. Schuld daran war nach Ansicht vieler Synodaler die Debatte um die Amtszeitverlängerung des Pommerschen Bischof Hans-Jürgen Abromeit, der nur bis 2013 als Bischof gewählt ist. Die gemeinsame Nordkirchensynode musste eine Nachtsitzung einlegen – im zweiten Anlauf einigten sich die Kirchenparlamentarier noch darauf, ihre Bischöfe mit in die Nordkirche zu nehmen. „Es wäre ein Desaster geworden, wenn wir die Debatte nicht in dieser Form aufgearbeitet hätten“, sagte die Hamburger Bischöfin Kirsten Fehrs. Der Nordkirchenkritiker Decker hingegen warf der Synode vor, einen einmal gefassten Beschluss „mit einem doppelten Salto und einem Riesenfall am Reck passend zu machen“.
Am Ende herrschte in Warnemünde wieder eitel Sonnenschein. Mit einem lautstark gesungenen „Vertraut den neuen Wegen“ gingen die Synodalen auseinander – um sich an Pfingsten zur Kirchengründung in Ratzeburg das nächste Mal zu treffen. Der 2013 in Hamburg stattfindende Deutsche Evangelische Kirchentag soll von der gesamten Nordkirche gemeinsam vorbereitet werden.
Benjamin Lassiwe

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