"Die Beyers haben schon wieder ein Kind gekriegt"
Ruhig ist es in dem alten Fachwerkhaus im Neustädter Ortsteil Speckswinkel. Marga und Gerhard Beyer leben hier im Marburger Land in seinem Elternhaus, seitdem der Pfarrer 2003 in den Ruhestand gegangen ist. So beschaulich wie heute war es bis vor einiger Zeit selten bei ihnen zu Hause. „Ein ruhiges Leben war es nie", resümiert Gerhard Beyer beim Blick zurück, „aber schön." Der 71-Jährige und seine Frau haben sich schon früh und ganz bewusst für jede Menge Abwechslung und Krach entschieden. Schon zur Verlobung haben sie beschlossen, zusätzlich zu den gewünschten eigenen Kindern ein bis zwei Pflegekinder in ihre Familie aufzunehmen. Doch dabei sollte es bei Weitem nicht bleiben. „Wir hatten viel über Kinder gehört, die unbedingt einen Platz in einer Familie brauchten, und wollten ihnen eine Chance geben", erklärt Marga Beyer ihre Beweggründe, es immer mehr Pflegekinder werden zu lassen. „Die Beyers haben schon wieder ein Kind gekriegt", mag es wie bei den beiden leiblichen Kindern zusätzlich über dreißig Mal durch die Gemeinde geklungen haben. Denn so viele kleine und größere Kinder haben bei den Beyers im Laufe der Jahre eine neue Familie gefunden, mal für ein paar wenige Jahre, mal bis sie das Haus zur Ausbildung verlassen haben. Breit gefächert waren die Gründe, warum die Pfleglinge zu den Beyers kamen. Das Jugendamt musste die Kinder teilweise wegen Vernachlässigung, aufgrund von Trennungssituationen, Berufstätigkeit der alleinerziehenden Mutter oder auch wegen einer Haftstrafe irgendwo unterbringen. Marga und Gerhard Beyer waren schnell als zuverlässiger Anlaufpunkt bekannt und sagten selten „Nein". Zuerst füllte sich noch das Elternhaus in Speckswinkel, wo Gerhard Beyer nach alter Familientradition die väterliche Schreinerei übernommen hatte. Nach zehn Jahren im Handwerksberuf setzte er seinen langgehegten Wunsch um, machte sein Abitur auf dem zweiten Bildungsweg, studierte Theologie und wurde Pfarrer. Gemeinsam mit der großen Kinderschar zog man ins Pfarrhaus nach Wabern-Hebel. Sechs bis acht Pflegekinder waren meist in der Familie. „Zusammen mit den eigenen, der Haushaltshilfe und mit meinem Vater waren wir immer 14 Personen am Tisch", blickt Marga Beyer zurück. „Da hat bestimmt mancher gedacht: ‚Die kommen mit zehn Kindern, haben die überhaupt Zeit für die Gemeinde?’", vermutet Gerhard Beyer schmunzelnd. Die Bedenken konnten die Beyers schnell ausräumen, ihre Jungen und Mädchen fühlten sich heimisch und waren voll integriert. Dank einer tatkräftigen Haushaltshilfe, die die Pfarrersfrau immer an ihrer Seite hatte, konnte sie sich sogar mit in die Gemeindearbeit einbringen. Sie hat zwar keine eigenen Kreise geleitet, „aber ich habe immer versucht, was ich machen konnte". Die Kinder gaben sich in der Schule als Geschwister aus und ernteten verwunderte Blicke über die unterschiedlichen Namen. Für Sohn Jörg und Tochter Julia (Namen geändert) gehörte der Trubel zu Hause von klein auf dazu. Jörg war gerade neun Monate, als das erste Pflegegeschwisterchen dazu kam, und Schwester Julia wurde zwei Jahre später praktisch schon in eine Großfamilie hineingeboren. „Wie die Orgelpfeifen waren die alle, so nah waren die vom Alter oft beieinander", erinnert Marga Beyer sich. Der Kontakt der Kinder untereinander war sehr eng, was ihnen nach ihren schlimmen Vorgeschichten richtig gut tat. Viel Einfühlungsvermögen war nötig, um Neuankömmlingen die Unsicherheit zu nehmen. Für viele Kinder waren Frau und Herr Beyer, wie sie sie immer erst nannten, oft die ersten festen Bezugspersonen, auf die sie sich verlassen konnten. Aus „Frau" und „Herr" wurden „Tante" und „Onkel" und manchmal auch „Mama" und „Papa". „Das haben wir jedem selbst überlassen", sagt Gerhard Beyer. Genauso wie jedem das Dableiben überlassen wurde. „Der Schlüssel steckte immer von innen, aber es ist nie jemand abgehauen", ist die vielfache Pflegemutter stolz. Mit immer mehr als vier Pflegekindern wurden die Beyers als Großpflegestelle eingestuft und damit vom Landesjugendamt in Wiesbaden bzw. der Außenstelle in Kassel betreut. Von Amtsseite gab es Beratung, Schulung und auch Kontrollen. „Wir haben pädagogisch unheimlich viel gelernt", sind die beiden dankbar für die gute Betreuung. „Wir waren mitten in der Praxis und haben die Theorie dazubekommen", resümiert Pfarrer Beyer. Durch die Fortbildungen haben sich auch Kontakte zu anderen Pflegefamilien ergeben. Eindrücklich in Erinnerung ist die alljährliche gemeinsame Woche auf dem nordhessischen Dörnberg geblieben. Da waren dann bis zu 170 Kinder mit ihren Pflegeeltern zusammen, um ein tolles Ferienprogramm zu erleben. Wer denkt, dass mit so einer Großfamilie ansonsten Urlaub schlecht möglich ist, hat sich geirrt. Mit zwei Autos haben die passionierten Erzieher den abenteuerlichen Weg nach Kroatien angetreten, wo die Familie unvergessliche Urlaubswochen in ihren Apartments verlebt haben. „Hotel konnten wir uns ja nicht leisten." Oder es ging in den Taunus oder an die Nordsee. So viel Normalität wie möglich wollten sie den Kindern bieten, die in ihrer Vergangenheit oft abseits gestanden haben. Dazu gehörte auch hin und wieder ein Restaurantbesuch, was bei der Tisch-reservierung schon mal Schwierigkeiten machen konnte. Dass Marga Beyer sich so intensiv um ihre Schützlinge kümmern konnte, verdankte sie ihren tatkräftigen Haushaltshelferinnen. Zuletzt war das eine ältere Frau aus der Gemeinde, die wie selbstverständlich einsprang, wenn es im Pfarrhaus „brannte". So konnte die Pfarrfrau ihren Mann auf Tagungen begleiten und hatte mal eine Auszeit für sich, die Haushaltshilfe übernachtete dann im Pfarrhaus. Wie die eigenen Kinder wurden auch die Pflegekinder erwachsen und verließen Zug um Zug das Haus. Nach Jahren, die beide Eheleute stark gefordert haben, fragte sich Marga Beyer: „Was mache ich jetzt. Ich kann mich mit Mitte 40 doch nicht in den Sessel setzen." „Dafür bist du auch nicht der Typ", bestätigt sogleich der Ehemann. In einem Selbsterfahrungskurs spielt die vielfache Pflegemutter verschiedene Möglichkeiten für sich durch. Die Ausbildung zur Altenpflegerin steht genauso im Raum wie die Eröffnung einer kleinen Boutique. Bis die Gruppenleiterin, ihres Zeichens Psychologin, mit einer einfachen Frage das Problem löst: „Warum machst du nicht einfach mit deinen Kindern weiter?" Gesagt, getan. Weitere Pflegekinder kamen und blieben. Eine neue Herausforderung kam 1985 hinzu, als sich die Beyers zur Bereitschaftspflegestelle bereiterklärten. Das bedeutete wochenweise Dienst, in dem zu jeder Tages- und Nachtzeit aufgegriffene Kinder zu ihnen gebracht werden konnten. Manche blieben nur ein paar Tage, um dann weitervermittelt und zurück ins Heim oder nach Hause gebracht zu werden. Für manche war es schlimm, ausgerechnet in einem Pfarrhaus zu landen. „Da muss ich ja Tag und Nacht beten", ängstigte sich ein Schützling. Aber auch jetzt wollten einige das Pfarrhaus nicht mehr verlassen. Bis zum Jahr 2000 gingen so noch einmal 98 Kinder durch die Familienbande der Beyers. Manchmal mussten sie sagen: „Es geht nicht mehr, wir haben keinen Platz mehr!" Die Bitte: „Haben Sie vielleicht nicht irgendwo doch noch ein Bett frei", konnten sie trotzdem nicht abschlagen. Bei so viel Einsatz für andere könnte man meinen, dass die Beziehung der Eheleute darunter leiden konnte. Das verneinen beide vehement. „Für eine Tasse Kaffee und ein Gespräch zu zweit haben wir uns in mein Zimmer zurückgezogen", berichtet Marga Beyer. „Das haben alle Kinder akzeptiert, weil ich mich ja sonst immer um sie gekümmert habe." Die größte Bestätigung war es für sie in all den Jahren, dass sich viele Kinder gewünscht haben, bei ihnen bleiben zu dürfen. Bei den Beyers konnten sie zur Ruhe kommen. So wie Chris- Mittlerweile gibt es Kinder und Enkelkinder in aller Welt, zu denen Marga und Gerhard Beyer immer noch Kontakt haben. Nachträgliche Zweifel, ob sie ihren eigenen Kindern mit ihrer Lebensaufgabe gerecht geworden sind, räumte der Sohn nachdrücklich aus, indem er sagte: „Mach dir keine Gedanken, Mama, ihr wart immer für uns alle da!" Britta Gutsch
tin und Justin, die zur Zeit noch in Speckswinkel leben. Christin ist zwar schon zwanzig, wollte aber unbedingt für die Zeit ihres Freiwilligen Sozialen Jahres noch bei ihren Pflegeeltern bleiben. Justin bleibt den Beyers mit seinen 13 Jahren noch eine Weile erhalten. Mal sehen, was noch passiert.

