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Vom Gemeindepfarrer zum Klinikchef

22.09.2011 - 0 Kommentare

Es war 1970 in Marburg. Morgens um sieben trafen wir Theologiestudenten uns zum Griechisch lernen, das Examen stand schließlich vor der Tür. Wir, das waren Karl Leonhäuser, heute Vorsteher des Diakonissenhauses Kassel, Werner Kugler, Krankenhauspfarrer in Marburg, Klaus Eibach, Propst in Gießen, und ich, Reinhard Heubner, Chefredakteur des Kasseler Sonntagsblattes.

Vorher hatten wir als junge Leute schon die Jugendarbeit im Kirchenkreis Marburg-Land maßgeblich mitgestaltet. Leonhäuser und ich wagten nach dem Examen den Schritt ins Auslandsvikariat und gingen nach Kanada, er in die Nähe Edmontons, ich nach Vancouver. Dann kamen Jahre in kurhessischen Gemeinden.

Und jetzt steht langsam für jeden von uns der Ruhestand vor der Tür. Propst Eibach war der Erste. Wie geht es nun Karl Leonhäuser damit, fragte ich den Noch-Chef im Diakonissenhaus Kassel.

 

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Noch 14 Tage bist Du im Amt. Wie geht’s Dir bei dem Gedanken an den Ruhestand?

So langsam wächst die Freude daran, wenn ich auch auf der anderen Seite klar sagen muss, dass ich manches schweren Herzens zurück lassen werde, aber ich sehe auch die Chancen, die diese neue Lebensphase bieten kann.

 

Welche Chancen sind das?

Dinge, die bisher eher zurückgeblieben waren, kann ich ausprobieren. Ich habe seit 15 Jahren eine Trompete liegen, die bisher nicht genutzt wurde. Das würde ich gern ausprobieren. So war ich auch nur selten mal im Theater aus Zeitmangel. Dann ist dazu Gelegenheit, und dann will ich natürlich auch gern mehr Familie und Freunde besuchen, was bisher etwas zu kurz gekommen ist. Ich möchte regelmäßig schwimmen gehen, also einfach mal das schaffen, das im Alltag des Berufslebens zu kurz gekommen war. Ich kann mir aber auch durchaus vorstellen, in der ein oder anderen Stelle im neuen Jahr wieder ehrenamtlich tätig zu sein. Ein viertel Jahr Pause sollte aber schon sein.

 

15 Jahre warst Du an der Spitze eines diakonischen Zentrums und einer Klinik, mehr als Pfarrer oder mehr als Manager?

20 Prozent Pfarrer und 80 Prozent Manager.

 

Wo lernt man das als Pfarrer?

In erster Linie habe ich es durch das Tun gelernt, durch die alltägliche Praxis.

 

Wie ist es, wenn man als Mann fast ausschließlich an der Spitze von Frauen steht?

Das war für mich kein Problem, aber das müsste man die Frauen fragen, wie sie das sehen. Ich habe immer nach einem kooperativen Führungsstil gesucht, das heißt, mit den jeweils Verantwortlichen zu einer Konsenslösung zu kommen.

 

Haben Dich die Diakonissen beeinflusst oder verändert?

Durch die Diakonissen ist natürlich das geistliche Leben im Diakonissenhaus geprägt, an dem ich Teil genommen habe und bei dem ich auch mit gestaltet habe. Wenn es da keine Basis gegeben hätte, die von den Diakonissen gepflegt wird, etwa die täglichen Gebetszeiten, hätte ich das sicherlich so nicht wahrgenommen. Insofern haben die Diakonissen mich ein Stück an ihrem geistlichen Leben teilhaben lassen, und das habe ich schätzen gelernt.

 

Was war die mutigste Entscheidung in den vergangenen Jahren?

Die mutigste Entscheidung war sicherlich der Krankenhausneubau und die Fusionierung mit dem Burgfeldkrankenhaus. Das Sozialministerium hatte uns gesagt, sie wären bereit, das zu unterstützen.

 

Du siehst auf 40 Jahre Pfarramt zurück, was würdest Du gern ändern?

Auf Anhieb würde ich gar nichts ändern. Ich bin mit den drei unterschiedlichen beruflichen Zeiten sehr zufrieden. Ich habe neun schöne Jahre Gemeindearbeit in Waldkappel erlebt. Ich war zwölf Jahre landeskirchlicher Pfarrer für Kriegsdienstverweigerer und Zivildienstleistende und jetzt seit gut 15 Jahren Pfarrer und Vorsteher im Diakonissenhaus.

Das waren zwar sehr unterschiedliche Tätigkeiten, aber alle drei haben mir sehr viel Freude gemacht. Ich bin froh um die große Abwechselung, die mir der Pfarrerberuf geboten hat.

 

Wie fühlst Du Dich als Vorsteher des Diakonissenhauses, wenn du siehst, dass eine so lange segensreiche Arbeit, die über Jahrzehnte geprägt hat, langsam aber sicher zu Ende geht?

Ich finde es schade, dass die-se Tradition der Diakonissen und damit auch der Gemeindeschwestern in diesem Sinne zu Ende geht. Ich kann das gut nachvollziehen, dass das Frauenbild und die Möglichkeiten der beruflichen Entfaltung der Frauen heute natürlich ganz anders sind. Trotzdem, wir haben viele Mitarbeiter im Haus, die ihre diakonische Arbeit aus dem christlichen Glauben heraus tragen.

 

Was gehört zu einem guten Vorsteher eines Diakonissenhauses?

Dazu gehört natürlich in erster Linie, dass er gut mit Menschen umgehen kann. Wo auch immer man eine Leitungsfunktion inne hat, muss man Mitarbeiter gut führen. Das gelingt nicht immer, dass man mit allen Mitarbeitern gut zurecht kommt, aber es bleibt das A und O.

Zum Anderen muss ein Vorsteher natürlich auch ein Stück weit im Glauben gegründet sein und Hoffnung und Zuversicht haben.

 

Wann hast Du zuletzt Deiner Sekretärin gedankt?

Danke sage ich relativ häufig, wie zum Beispiel, danke, dass sie mir den Brief geschrieben haben, dies und das zusammengestellt haben, aber so ausdrücklich mit einem sichtbaren Zeichen, das kommt sicherlich zu kurz.

 

Wir haben einst als Studenten Griechisch zusammen gelernt. Wie steht’s um Deine Griechisch-Kenntnisse?

Eher nicht mehr so gut.

Reinhard Heubner

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