Eine ganz scharfe Sache
Anja Meyer, meine Kollegin, nimmt die winzige rote Frucht, so groß wie eine Johannisbeere, und beißt mit Vergnügen hinein. Sie springt auf, verzieht das Gesicht, schreit, „ich verbrenne" und rennt zum Wasserhahn. Drei Minuten später kann sie wieder durchatmen. „Was war das", fragt sie grimmig. Das war eine Minichili, eine Bolivian-Rainbow. „Eine der schärfsten Chilisorten", erkläre ich. Bevor sie mich erwürgt, verlasse ich schnellstens den Raum, nicht ohne zu betonen, dass die Chilifrucht von Jungscharkindern in Wellen bei Fritzlar „extra für sie" angebaut worden sei. Im Chiligarten in Wellen spielen Pauline, Sophie, Sarah, Birte – und was sie alle für schöne Namen haben. „Nicht zu doll, passt auf den Garten auf", dirigiert Pfarrerin Silvia Brusius die kleinen Löwinnen der Jungschar. In diesen Tagen feiert der Ort sein 1225-jähriges Jubiläum. Dazu gibt es allerlei Feste und Ereignisse, so auch den Tag des schönen Gartens. „Da machen wir mit", meinte die Pfarrerin, die seit fast 20 Jahren in der Gemeinde den Glaubenssamen sät. Dass der auf fruchtbaren Boden fällt, ist an vielen „Äckern" des Ortes zu sehen und zu spüren. Begeistert folgen ihr die Jungscharmädchen. Na ja, fast. Die Idee mit den Chilis fanden sie zuerst gar nicht so gut. Chilis sind scharf, Chilis brennen, Chilis schmecken nicht. Nach einer Kostprobe liefen sie feuerspuckend aus dem Raum. Dennoch konnte Pfarrerin Brusius ihre Kinder überreden. Besonders half die Aussicht auf einen leckerern Chilikuchen mit ganz viel Schokolade. Nur der Gemeinde durfte man nichts verraten, schließlich sollte es ein Überraschungsgarten werden. Nur, wächst denn so was wie Chili in einem nordhessischen Dorf? Selbst wenn man den Edersee in der Nähe hat? Wellen ist doch nicht die Toskana. Oder doch? Längst hat man hier Erfahrung mit Ungewöhnlichem. Einen Weinstock pflanzte die Jungschar schon 1998 zum Kinderkirchentag, und jedes Jahr bringt er gute Erträge! Warum also nicht Chili, der Garten liegt an einem Südhang. Wir wagen es mit dem bunten Chili, sagte sich die Pfarrerin und begeisterte Gärtnerin. 20 Tüten Samen, sprich 20 Sorten wurden eingekauft. Interessante Namen waren darunter „Elephant trunks", „Pinoccios nose" oder „Apache", milde Sorten und echte Scharfmacher. Ende Januar säten die Mädchen unter fachkundiger geistlicher Anleitung den Samen aus in ausrangierten Obstschalen. „Kommt schon was?", fragten aufgeregt jeden Tag Pauline oder Birte. Drei bis vier Wochen dauerte es, bis sich etwas regte, dann ging es los: pikieren, umtopfen, pflegen, gießen und düngen. Sie wuchsen und wuchsen. Ein Teil des Gemeindehauses wurde sogar zum Gewächshaus. In der Gemeinde munkelte man schon, was denn hier angebaut würde, weil der Zutritt nicht mehr gestattet und kein Durchkommen mehr war. Dann pflügte ein Landwirt aus dem Kirchenvorstand ein Stück Wiese neben dem Gemeindehaus um. Nach den Eisheiligen pflanzten die Mädchen mit ihrer Pfarrerin 256 Pflanzen aus. Die blühten und bringen nun reichlich Frucht. Wellen also doch eine nordhessische Toskana? Wahrscheinlich, denn das Klima hat sich gewandelt, so die kundige Pfarrerin. Zum Dorffest am 11. September verkaufen die Mädchen stolz die Ernte. Und natürlich gibt es an Erntedank in diesem Jahr Eintopf: Chili con Carne. Der Erlös aus dem Verkauf wird für eine Familie in Sambia gespendet, die damit das Schulgeld für ihre Kinder aufbringen kann. R. Heubner

