Heiligabend hat es "klick" gemacht
Windhausen. Schmal und steil schwingen sich die beiden engen Treppen hoch auf die Empore zur Orgel der Windhäuser Kirche. Herbert Neeb geht weiter und öffnet eine alte Bodentür, danach steigt er zwei steile Stiegen hinauf. Gebückt tritt er ein in den Raum, der wie in einem alten Film durchwebt ist von Zahnrädern aller Größen und Arten – in faszinierender Weise sind sie alle aufeinander abgestimmt. Durch das hohe Kirchenfenster scheint ein mystisches Licht. Zwei Hämmer schlagen auf die Glocken, um mit diversen Schlagwerken die verschiedenen Viertelstunden anzuzeigen. Leuchtende Augen bekommen hier nicht nur Technik-Freaks. Seit kurzem hat Herbert Neeb die technische Wartung übernommen. Eher durch Zufall sei das gekommen, so der 45-Jährige, der täglich mit viel Geduld und Humor unzählige Schüler und Schülerinnen als Busfahrer durch den Vogelsberg chauffiert. Es war am vergangenen Heiligabend, als die Pfarrerin während des Gottesdienstes das Problem einer Nachfolge der damaligen Küsterin und ihres Ehemannes ansprach. Dabei ging es auch um die mechanische Versorgung der Kirchturmuhr. „Irgendwie machte da etwas ,klick‘ in mir!" Herbert Neeb, der gebürtige Ulrichsteiner, der mit seiner Lebensgefährtin in Windhausen lebt, erinnerte sich spontan an seine Kinder- und Konfirmandenzeit. „Schon damals hat mich das stillgelegte Uhrwerk der Ulrichsteiner Kirche begeistert!" Und schwupps hatte er jetzt sein Ehrenamt einschließlich der Versorgung von Kirchturmuhr, Heizungsanlage und Glocken inne. Bei einem Schneesturm Anfang Januar übernahm ein Mitglied vom Kirchenvorstand die Führung durch die Kirche. Bitterkalt war es, der Wind pfiff durch den Glockenturm: „Es war, als krachte es überall im Gebälk! Eine Atmosphäre, die hatte was." Genauso packend empfindet es Herbert Neeb bis heute, wenn er nach einem seiner anstrengenden Fahrdienste abends allein die Windhäuser Kirche betritt. „Wenn dann das Abendlicht durch die herrlich bemalten Kirchenfenster scheint, gibt das einen ganz gewissen Zauber und eine ganz besondere Stimmung." Auf einer Tafel an der Wand kann Herbert Neeb in Sütterlinschrift die Gebrauchsanweisung nachlesen. „Das Stellen der Uhr und sämtlicher Zeiger geschieht an dem Gehwerke, woran vor einer in Minutenstrichte getheilten Messingscheibe ein conisches Rad durch eine Schraubenmutter befestigt ist, welche zu diesem Zwecke gelöst werden muß; das Rad wird dann um so viele Striche, wie man die Uhr Minuten zu stellen hat, vor- oder rückwärts gedreht, worauf man die Schraubenmutter wieder sorgfältig angeschraubt werden muß ..." So lautet der Auszug aus der „Behandlung von Thurm- und Hofuhren der Thurm-, Hof- und Eisenbahn- Herbert Neeb vertiefte sich in die Gebrauchsanweisungen von 1890 und brachte zudem seine Begeisterung und sein eigenes technisches Know-How mit ein. Inzwischen hat er sich bestens eingearbeitet, zwei bis drei Mal in der Woche schaut er nach der Uhr, ölt sie, stellt sie genau ein und zieht die Schlagwerke auf. Einmal, als Schlag- und Pendelwerk wieder einmal aufgezogen werden musste, saß eine junge Frau zum Üben an der Orgel. Plötzlich stand sie auf, lief die Treppe herab unten zur Küsterin, die dort den Altar schmückte: „Hilfe, ich glaub, die Orgel ist kaputt – es macht dauernd ratatat, ratatat! Ganz merkwürdig das Geräusch!" Indes: Die junge Organistin konnte beruhigt werden – just in diesen Momenten war Herbert Neeb damit beschäftigt, eine Etage höher die Uhr mechanisch aufzuziehen. Und was reizt Herbert Neeb so besonders an seiner neuen Tätigkeit? „Es ist das perfekte und minutiöse Zusammenspiel der Mechanik der Zahnräder der alten Kirchturmuhr. Alles gegeben haben die Erbauer dieser Uhr, nicht nur ihr Herzblut. Nur beste Materialien wurden verwendet. Es sollte eben schon etwas für die Ewigkeit sein." Margaret Perkuhn
uhrenfabrik, Inhaber Gebrüder Waqule, Bockenem, Provinz Hannover".

