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Meine schöne Kirche

18.08.2011 - 2 Kommentare

Es geschah im Wartezimmer meines Hausarztes Dr. Schröder in Dörnhagen. Einige seltsame Bilder schmückten den Raum, „Was haben Sie für schöne Bilder im Wartezimmer", bemerkte ich beiläufig während der Untersuchung. „Die hat eine Freundin unserer Familie gemalt, eine Künstlerin aus Kiel." „Hm".

Zwei Wochen später schellt abends das Telefon. Am Apparat ist Dr. Schröder. „Morgen kommt die Künstlerin zu uns. Herzliche Einladung zum Abendessen." Nun gut.

Am nächsten Abend steht sie vor mir, die Künstlerin Margret Knoop-Schellbach, selbst wie ein Kunstwerk. Das lange Kleid ist selbst geschneidert, selbst bemalt und bestickt. Karl Lagerfeld wäre vor Neid erblasst und hätte Mode samt Kragen sein lassen. „Pfarrer, du gefällst mir", turtelt die Malerin. „Hast du nicht eine Kirche zum Ausmalen?" Ich bemerke in den nächsten Tagen, die Künstlerin duzt jeden.

„Ich habe fünf, eine in Wollrode, eine in Körle, dann in Lobenhausen, Wagenfurth und Grebenau. Suchen Sie sich eine aus." „Morgen ist die Dame eh wieder weg", denke ich, genieße den Wein und höre erstaunt, was die Künstlerin so erlebt hat.

In Hamburg, in einem großbürgerlichen Haus, wuchs die kleine Margret auf. Am Fröbelseminar ausgebildet wurde sie Sozialarbeiterin. Ihre Arbeitsstelle war der Hamburger Kiez mitten auf der Reeperbahn. Besonders die Not der Kinder beschäftigte die junge Frau. Sie half beim Sozialamt und zeichnete die Gesichter. Der Leiter des Sozialamtes meinte, wer so zeichnen kann, braucht eine gute Ausbildung. So lernte Margret Schellbach den Maler Knoop kennen. Nach einem halben Jahr hatte sie ihre erste Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle. Willy Knoop und die viel jüngere Margret heirateten und ein unstetes Leben begann. Knoop wurde Professor, dem die Nazis wegen seiner entarteten Kunst die Professur entzogen. Das junge Paar emigrierte nach Jugoslawien, Griechenland, Österreich und lebte oft genug von Luft, Farben und Liebe.

Nach dem Krieg war Lütjenburg bei Kiel die neue Heimat. Knoop malte und Magret malte. Keiner wollte die Bilder. Sie seien zu modern. Dann sah zufällig ein Kunstjournalist aus Zürich die Zeichnungen, war begeistert und die Lütjenburger hatten es immer gewusst, die beiden sind unsere Künstler. Margret hatte Kontakt zu Chagall, stellte mit ihm in Vence bei Nizza aus. Dreißig Jahre, erzählte mir die Künstlerin, bald siebzig Jahre alt, habe sie den Traum, mal eine Kirche auszumalen. Nicht nur ein Fenster oder ein Tabernakel, nein, ein Gesamtkunstwerk. Bei Ascona in der Schweiz hatte sie schon einst eine kleine Bergkirche entdeckt. Aber es blieb beim Traum. Eine weiße Kirche sollte es sein, eine „Kirche der Seligpreisung".

Aufmerksam hörte ich zu und bewunderte ihren Lebensmut. Sie konnte einen schon in Bann ziehen, von ihrer Idee begeistern. Aber wie gesagt, morgen ist sie eh wieder weg. Damit zog ich von dannen.

Am nächsten Tag, so gegen elf klingelt es im Pfarrhaus. Margret Knoop-Schellbach steht vor der Tür. „Die Kirche in Lobenhausen ist es, das wird die Kirche der Seligpreisung." Au weia, was nun, ist mein erster Gedanke.

Am Nachmittag treffen wir uns mit dem Kirchenvorstand. Der schaut so ungläubig wie ich. Allerdings, muss man gerechterweise sagen, die Kirche war echt renovierungsbedürftig. Und dann der entscheidende Satz: „Meine Damen und Herren Kirchenvorstände", so die Künstlerin, „die Arbeiten mache ich alle umsonst, allein zu Gottes Lob und Ehre." Da schauten alle fröhlich und es gab einen Bauantrag ans Landeskirchenamt, da stand bei den Kosten keine Zahl. Beim Landeskirchenamt war man noch ungläubiger, aber trotzdem hilfreich bei der wundersamen Planung und Durchführung. Das alles ist jetzt dreißig Jahre her.

Seit 1981 sind die Kirche der Seligpreisung in Lobenhausen, zusammen mit dem Margret Knoop-Schellbach-Museum in Körle zu einem Besichtigungsmagneten in Nordhessen geworden. Seniorengruppen, Konfirmanden, Radfahrer und Touristen mit oder ohne Glauben stehen andächtig in der weißen Kirche und staunen über die gestickte Altardecke, die gehäkelten Sitzkissen, die Farbigkeit. „Lobenhausen ist ein evangelischer Wallfahrtsort", meinte einst Bischof Christian Zippert.

Die ganze Kirche ist mit seinen Bildern eine farbige Predigt. Da steht Jesus im Kreis seiner Jünger, so wie damals die Lobenhäuser Kirchenvorstände bei den Planungsbesprechungen. Dazu sind die Seligpreisungen, die Jesus dem Petrus und all den anderen Jüngern mit auf den Weg gibt, in einem bunten Glasfensterband interpretiert. Ein farbiger und ein weißer Mann umarmen sich friedlich. „Selig sind die, die Frieden machen!"

Gegenüber liegt bildlich ein armer Kerl, der Lazarus. Darüber schwelgt der Reiche an festlich gedeckter Tafel. Der arme Teufel schert ihn wenig. So passiert es, dass, als der Reiche stirbt, er des Teufels ist und der arme Kerl guten Gewissens sich in Abrahams Schoß wiederfindet und das eine Ewigkeit lang. Da hilft kein Jammern und Zähneklappern. Nur rechtzeitige Einsicht und Umkehr.

Von der Empore schauen die Apostel interessiert auf die Besucherschar. Jeder Jünger hat seine Besonderheit. Der ungläubige Thomas legt seine Hand in die Wunde, Judas ist als schwarze Taube im Rund dargestellt und was zeichnet Petrus aus?

Falsch, meine Damen und Herrn, nicht der Schlüssel, das ist gut katholisch. Es ist der HAHN. Der krähte drei Mal, als Petrus Jesus verleugnete. Seid nicht zu sicher mit eurem Glauben, mahnt die Künstlerin, den muss man sich immer neu schenken lassen. Die Sitzkissen erzählen biblische Episoden und zeigen im Lande Grimms Märchenmotive. Hans im Glück oder Brüderchen und Schwesterchen begegnen dem aufmerksamen Betrachter.

Die Altardecke ziert, kunstvoll von der Kirchennachbarin gehäkelt, die Geschichte der törichten und klugen Jungfrauen. Die einen waren bereit für den Bräutigam, die anderen haben´s verschlafen. Lebenspech für die einen, ewiges Glück für die anderen.

So auch die Künstlerin, sie war zur rechten Zeit am rechten Ort, in Lobenhausen.

Die vier Evangelisten schauen prächtig von der Kanzel. Darunter das Gestaltungsmotto aller Arbeit in der Kirche der Seligpreisung: „Christus, mein Erlöser lebt"!

Unter der Orgel schaut Chris-tus von der Empore, mit brennendem Herzen. Auf dem Kopf die Dornenkrone, allein die Augen wissen um die Nöte des kleinen Dorfes und der großen weiten Welt. Daneben sein Herz, entbrannt in Liebe für die Menschen. „Wer diesen Jesus in sein Herz nimmt", so Margret Knoop Schellbach, „der brennt vor Liebe und geht verändert aus der Kirchentür, gesegnet von den Engeln des Paradieses, von Mose und von Jesus, dem guten Hirten."

Die Kirche der Seligpreisung ist eine freundliche, helle, wunderbare Kirche am Wegesrand zwischen Kassel und Melsungen.

Musikliebhabern ist die Kirche wegen ihrer schönen Konzerte bekannt. Die Kirche ist täglich für Ihren Besuch geöffnet.

Reinhard Heubner

Kommentare

wolfgang schmitt am 26.01.2012 - 18:30:36

ich bin ein grosser bewunderer der kunst von margarete knoop-schellbach, wir selbst haben ein hinterglas-bild/motiv berufung des könig david - phantastisch.

Albert Rehwald am 10.11.2011 - 20:24:09

Nun bin ich schon so oft auf Radtouren an der Kirche vorbei gefahren, auch im Rahmen einer Wanderung in der Kirche gewesen. Den Ursprung und den Hintergrund der tollen Bemalung aber noch nicht gekannt. Dabei ist alles in Dörnhagen entstanden! Nun muss ich aber unter neuen Gesichtspunkten mal wieder nach Lobenhausen! Dank an Reinhard Heubner.

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