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Mit dem Oma-Fahrdienst ins Matrazenlager

10.08.2011 - 0 Kommentare

„Ten Sing“ steht für „Teenager singen“. Seit der Gründung 1967 im norwegischen Bergen verbreitet sich Ten Sing als ständig wachsende christliche Jugendarbeit unter dem Dach des CVJM in der ganzen Welt. Konfessions-, kultur- und milieuübergreifend spricht Ten Sing alle Jugendlichen an.

2000 Jugendliche und Junggebliebene aus 19 Nationen trafen sich, um miteinander die Freude ihres gemeinsamen Glaubens an Gott und Jesus Christus in Ziegenhain zu musizieren. Motiviert von dem Festival-Motto „MOVin!“ – Veränderungen, Bewegung – wurde gesungen, getanzt und diskutiert.
Mit einem alten Schweizer Postauto reiste eine Schweizer Gruppe nach zehnstündiger Fahrt aus Zürich an. Aus Brasilien kamen die am weitesten gereisten Teilnehmer mit dem Flugzeug. Über 30 Stunden fuhren Ten Singer aus Russland und der Ukraine mit dem Bus, und drei Tage war eine Gruppe aus Nordnorwegen mit der Bahn unterwegs. Doch es hatte sich gelohnt. Die Stimmung war fantastisch und alles war stimmig. „Hat man extra für das Festival hier alles sauber gemacht“, fragte eine junge Schweizerin. „Nein, es ist immer so“, antwortete eine alte Dame verwundert über diese Frage. Der Ten Sing-Geist und die gesamte Festival-Atmosphäre zog auch das nordhessische Umfeld in seinen Bann.
Sechs Tage lang war die kleine Stadt in der Schwalm das Zentrum purer Lebensfreude. Wohl organisiert, selbstbewusst, mit viel Spaß an dem, was sie tun, zeigten die Jugendlichen, wie man bei durchaus zeitgemäßer Musik auch ohne Alkohol und Drogen fröhlich und ausgelassen feiern kann. Die allgemeine Verständigung ging gut in Englisch. 40 internationale Ten Sing-Gruppen sangen, tanzten und spielten Theater live und open air auf mehreren Bühnen.
„I loved it, it was the best“ (Ich liebte es, es war das Beste), schwärmte Susan aus Bristol, England, die zusammen mit ihrer deutschen Kollegin Fitz unter anderem die große Show „Farben der Nationen“ schwungvoll charmant moderierte. „Am Anfang war ich nervös, aber ich bin viel selbstsicherer geworden, denn wir haben uns gegenseitig unterstützt“, freut sie sich über ihre neu gewonnene Erfahrung. „Ein super Publikum – es sind wundervolle Menschen mit echtem Interesse aneinander, an der Welt und an dem, was passiert. Wahnsinn, die Kreativität der Kulturen, da fehlen mir die Worte“, ergänzt Fitz ihre Eindrücke.
Bewegend war das Verhalten der norwegischen Teilnehmer. Sie ließen sich nicht auf die niedrige Ebene des Hasses und der Verurteilung ein. Nach einer Rede, bei der eine Überlebente des Attentates von der Insel Utoya zitierte wurde, fingen alle Norweger an zu klatschen und riefen: „Wir lieben dich, unser kleines Norwegen.“ 
Odd Eidner, Pfarrer aus Bodo in Nordnorwegen, der um Jugendliche aus seiner Gemeinde und aus seinem Kirchenkreis trauerte (das Kasseler Sonntagsblatt berichtete), war beeindruckt von der internationalen Anteilnahme. An einer großen Wand gaben viele Menschen aus aller Welt hierzu ihren Gefühlen Ausdruck.

Fest der Begegnung

Schon am frühen Morgen zogen ganze Scharen von jungen Menschen in bunten T-Shirts, meist mit Landes- und Gruppensymbolen, durch die Straßen der Stadt in Richtung Festival- Gelände. Sie sangen viel, waren zugänglich und freundlich und räumten schnell mit den gängigen Vorurteilen der heutigen Jugend gegenüber auf.
Einen ganz eigenen Charakter hatte das Festivalgelände. Dorthin kamen die Menschen, nicht nur Teenager, sondern auch viele Junggebliebene aller Altersstufen. Zu einem echten Fest der Begegnung wurden die Gottesdienste am dritten Festivalabend. Während hunderte Jugendliche mit interessierten Einheimischen rockig fetzig auf dem Alleeplatz Gott lobten, ging es bei der großen Taizé-Andacht mit spirituellen Melodien im Kerzenschein eher besinnlich zu.
„Ten Sing ist Lebensstil, besser als Urlaub am Mittelmeer“, schwärmt Dag, der mittlerweile fünfzigjährige Ingenieur aus Norwegen. Er nimmt regelmäßig Jahresurlaub, um seine Gruppe zu den europäischen Treffen zu begleiten. „Ten Sing ist die beste Jugendarbeit und unabhängig vom Alter, man ist es im Herzen.“ 
Stark beeindruckt von den Aktivitäten waren auch zwei ältere Damen aus Schwalmstadt. Brigitte Michel, die gekommen war, um den Auftritt ihrer Enkelin zu sehen, hatte ihre Freundin Else Lauritzen mitgebracht. Begeistert wünscht sich diese so etwas für ihre Enkelin, deshalb erkundigte sie sich gleich, wie es mit Ten Sing-Gruppen im Bereich Fulda bestellt sei.
Weil es in dieser Nacht regnete, nahmen sie auf dem Heimweg Jugendliche mit. Um so viele wie möglich trockenen Fußes in ihre Unterkünfte zu bringen, installierten sie spontan einen „Oma-Fahrdienst“ und fuhren gleich mehrmals hin und her.
„Vor allem das emotionale, vorurteilslose aufeinander Zugehen und der Austausch von Kulturen“ gefiel Tobias aus der Schweiz. Mit einer „Black Box“ forderten die Schweizer dazu auf, die Festivaleindrücke „frei von der Leber“ zum Besten zu geben.

Die Welt braucht mehr Ten Sing

Neben unterschiedlichen Sportmöglichkeiten waren in vielen großen und kleinen Workshops der Kreativität keine Grenzen gesetzt. Besonders gerne angenommen wurden Themen, die sich mit Zukunft und Entwicklung beschäftigten, wie Jugend und Glauben – Wer bin ich und wie lerne ich mehr über mich selbst – Spiritualität als Lebensstil sowie aktuelle Ten Sing-Trends. Wer spontan seinen eigenen Workshop anbieten wollte, konnte auch das tun.
„Genau so funktioniert Ten Sing. Es gibt kein ,Aber‘, man kann sich einfach ausprobieren“, erklärt Laura, die Amerikanerin, die im Festivalbüro für den Transport zuständig ist. Ten Sing ist sehr lösungsorientiert, hilft der Jugend in ihrer Entwicklung und dabei, sich aktiv an der Gesellschaft zu beteiligen. Kontakte wurden ausgetauscht und neue Gruppen gegründet.
„Die Welt braucht mehr Ten Sing“, so Lea und Anna aus Westfalen einstimmig. Unter einem Baldachin der evangelischen Jugend von Kurhessen-Waldeck tauschten sie internationales Geld gegen „C’s“. Diese Währung, eigens für das Festival aufgelegt, basiert auf den fünf Ten Sing C’s: Christ (Christus), Care (Fürsorge), Competence (Können), Culture (Kultur) und Creativity (Kreativität). Damit auch Jugendliche aus weniger reichen Ländern sich das Festival leisten konnten, war der Umtausch für sie entsprechend günstig.
Franka vom Organisationsbüro ist glücklich, dass alles gut gelaufen ist. Sie erklärte, dass auch die Teilnahmegebühren für Ost-, West- und Mitteleuropäer gestaffelt waren. So mussten Teilnehmer aus Russland, der Ukraine und Brasilien bei früher Anmeldung nur 49 Euro zahlen. Dafür gab es die Unterkunft – auf Matratzen in den umliegenden öffentlichen Gebäuden – und drei Mahlzeiten am Tag. Um die hohen Kosten zu decken, zahlten dafür andere etwas mehr. Sogar die freiwilligen Helfer entrichteten ihren Obolus.
Zufrieden war auch Mitorganisator Basti: „Bei soviel Sonnenstunden hat das bisschen Regen zwischendurch keinen gestört.“ In einem Kopf-an-Kopf-Rennen mit Wolfhagen und Berlin-Brandenburg hatte Ziegenhain im Herbst 2008 den Zuschlag für das Festival erhalten. Von da an ging es richtig los. Langjähriger Ten Singer Engin Erglu, der Mann an der Spitze des Riesenprojekts, vollbrachte zusammen mit etwa 350 Helfern eine organisatorische Meisterleistung.
Dass es das war, bestätigten so gut wie alle Teilnehmer. Und Elena, die Gruppenleiterin aus der Ukraine, hob hervor: „Die Deutschen können gut organisieren und können stolz auf ihre Arbeit sein.“ Und Marcos aus Sao Paolo, Brasilien: „Es war großartig, hier gibt es keine Hektik und man kann den Himmel sehen. Ich fliege nun nach Hause, weil ich muss.“
Gastgeberin Fitz zieht zum Abschluss ein begeistertes Resümee: „Ich höre nicht auf, daran zu glauben, dass die Welt besser werden kann und dass wir unseren Beitrag dazu leisten können – wir Ten Singer können etwas bewegen.“
Heike Knauff-Oliver

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