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Nur der liebe Gott darf mich wecken

26.03.2010 - 0 Kommentare

Er, der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein, sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt. Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz. Darum hat ihn auch Gott erhöht und hat ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist, dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind, und alle Zungen bekennen sollen, dass Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters

(Philipper 2,5–11).

 

Eric-Emmanuel Schmitt erzählt die Geschichte von Oma Rosa. Bei uns wäre sie vielleicht eine „Grüne Dame" in der Ökumenischen Heimhilfe. In Frankreich kleiden sich diese Damen in rosa Kittel, wenn sie im Krankenhaus Besuche machen. Oma Rosa begleitet den 10-jährigen Oskar. Ein krebskranker Junge, der in den letzten Tagen seines Lebens Begleitung und Vertrauen braucht.

Oma Rosa gibt sich als ehemalige Catcherin aus. Sie erzählt Oskar wilde Geschichten und sie erzählt Oskar auf ihre Weise von dem, was sie trägt. Sie ermutigt Oskar, dem lieben Gott Briefe zu schreiben.

An einem Tag schreibt er Folgendes:

Oma Rosa führte mich zu der Kapelle, die sich im Krankenhausgarten befindet. Ich habe natürlich einen Schrecken bekommen, als ich dich dort hängen sah, als ich dich in diesem Zustand gesehen habe, überall Wunden, die Stirn voller Blut durch die Dornen, und der Kopf, der dir nicht mal mehr gerade auf den Schultern saß.

Das hat mich an mich selbst erinnert. Ich war empört. Wär ich der liebe Gott, wie du, ich hätte mir das nicht gefallen lassen.

„Oma Rosa, im Ernst: Sie als Catcherin, sie als ehemaliger Superchamp, sie werden doch so einem nicht vertrauen!"

„Warum nicht, Oskar? Würdest Du Dich eher einem Gott anvertrauen, wenn du einen Bodybuilder vor Dir hättest, mit wohlgeformten Fleischpaketen, prallen Muskeln, eingeölter Haut, kahlgeschoren und im vorteilhaften Tanga?"

„Ähm ..."

„Denk nach, Oskar. Wem fühlst Du dich näher? Einem Gott, der nichts fühlt, oder einem Gott, der Schmerzen hat?"

Sie sind sich nahe gekommen. Oskar und Oma Rosa, die ihre kostbare Lebenszeit einem sterbenden Kind schenkt. Es gibt bis heute Menschen, die sich täglich tief genug bücken, und Gott ins Angesicht schauen. Rosa oder grüne Damen auf Kinderkrebsstationen. Erzieherinnen in den Kindergärten. Betreuende von Aidskranken. Menschen, die Sterbende begleiten.

Immer wieder beschrieben Menschen mit ihrer Liebe und mit ihrem Leben die erste Bewegung des Christusliedes. Es geht ganz tief nach unten. Ja, bis hin zum Tode am Kreuz.

Die erste Bewegung des Liedes nötigt uns bis in das tiefste Leiden hinein nicht von Gott zu lassen.

In der zweiten Bewegung lässt Gott nicht von uns. Gott handelt an Christus und Gott handelt an uns. Die zweite Bewegung führt aus dem Tod heraus. Mitten im Leiden wird uns zugesprochen, dass der Tod besiegt ist. Ob wir es fassen können?

Der gekreuzigte Heiland geht in den Tod und wird von Gott neu ins Leben gerufen, auf dass wir Frieden hätten.

Die Hoffnung, die in Christus ihren Anfang genommen hat, bricht sich seither im Leben von Menschen Bahn, so wie es das Beispiel der „Grünen Dame" in rosa erzählt.

Den letzten Brief an Gott im Tagebuch von Oskar schreibt Oma Rosa selbst:

Lieber Gott, der kleine Junge ist tot. Ich werde weiter eine rosa Dame bleiben, aber ich werde nie wieder Oma Rosa sein. Die war ich nur für Oskar. Er ist heute morgen gestorben.

Mein Herz ist voller Trauer.

Mein Herz ist schwer, Oskar wohnt in ihm, und ich kann ihn nicht daraus vertreiben.

Vielen Dank, dass Du mich Oskar hast kennenlernen lassen. Dank seiner war ich fröhlich, ich habe Märchen erfunden, ich wurde sogar eine Expertin im Catchen.

Dank seiner habe ich gelacht und Freude empfunden. Er hat mir geholfen, an dich zu glauben.

Ich bin so voll von Liebe, dass es mich verbrennt, hat er mir doch soviel davon gegeben, dass sie mich die paar Jahre, die mir noch bleiben, erfüllen wird.

P.S.: Die letzten drei Tage hatte Oskar ein Schild auf seinen Nachttisch gestellt.

Ich glaube, es ist für Dich.

Es stand darauf: „Nur der liebe Gott darf mich wecken."

Zum Palmsonntag / Von Christian Wachter (Dekan in Schwalmstadt)

 

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