
"Ich bin gerne jeden Sonntag in die Kirche gegangen"
Für Gertrud Kampe ist es ein vertrauter Weg. Die 85-Jährige nimmt den Kirchenschlüssel vom Haken, geht die wenigen Meter zur Kirche in Westuffeln, schließt die Kirchentür auf, geht hinein und setzt sich einen Moment auf die Kirchenbank. Seit 1973 war sie Küsterin und Läuterin in ihrer Kirchengemeinde im Kirchenkreis Hofgeismar. Die Arbeit hat sie lange mit ihrem vor 20 Jahren verstorbenen Mann Konrad verrichtet. Jetzt geht es nicht mehr und so wird sie am 31. Juli um 11 Uhr im Gottesdienst verabschiedet. Dem Kasseler Sonntagsblatt ist sie noch länger verbunden. Seit Jahrzehnten trägt die Seniorin das Blatt aus. Das Austragen war und ist für Gertrud Kampe die Gelegenheit zu einem Spaziergang. Inzwischen packt sie die Blätter in den Rollator und los geht’s. Oft hilft auch einer der Söhne aus und verteilt die Ausgaben an die sieben Abonnenten in Westuffeln. Selber liest Gertrud Kampe gerne die Fortsetzungsromane und Geschichten im Kasseler Sonntagsblatt. Ihre Lieblingsgeschichte handelt von einer Gans im Strickpullover: Zwei Frauen wollen vor Weihnachten eine Gans töten, aber beide trauen sich nicht. Die Damen betäuben das Tier und rupfen die Federn ab. Am nächsten Tag läuft die Gans ohne Federkleid durch den kalten Winter. Am Ende feiern die Frauen Weihnachten mit einer Gans im Strickpullover. In den Seniorenkreis nimmt Uroma Gertrud Kampe das Sonntagsblatt auch mal gerne mit, um eine Erzählung vorzulesen. Im ehemaligen Pfarrhaus unweit der Kirche hat Gertrud Kampe ihre acht Söhne groß gezogen. Elf Enkel und zwei Urenkel sind inzwischen dazugekommen und im Wohnzimmer hängen viele Bilder der Großfamilie. „Die Jungs vertragen sich untereinander", erzählt sie stolz. Ihre Kinder leben alle in Westuffeln oder im Nachbarort. Früher wurde die Kirche noch mit zwei Holzöfen geheizt. Am Sonntagmorgen machte Gertrud Kampe das Feuer an. „Holz hacken mussten wir zum Glück nicht", erzählt sie. Ihren Stammplatz hatte sie in der Kirche auf der linken Seite. So konnte sie immer aufstehen und die Glocken zum Vaterunser läuten. Die Arbeit als Küsterin und Läuterin hat Gertrud Kampe immer viel Spaß gemacht. „Ich bin gerne jeden Sonntag in die Kirche gegangen und gehe heute noch", erzählt sie. „Die jungen Leute gehen doch nur hin, wenn es etwas Besonderes gibt", sagt sie. Ein wenig vermisst sie ihre Tätigkeit. Die Küsterin wurde immer angerufen, wenn jemand verstarb. Ihrer Kirchengemeinde und dem Kasseler Sonntagsblatt bleibt Gertrud Kampe hoffentlich noch viele Jahre verbunden. Karsten Leonhäuser


