aktuelles

Mission heute

17.09.2010 - 0 Kommentare

Pro Jahr treten aus der evangelischen Kirche in Deutschland etwas mehr als 0,5 Prozent der Mitglieder aus. Weitere 6 Prozent geben an, dass sie fast schon entschlossen sind auszutreten. Noch einmal etwa 11 Prozent denken öfter über einen Kirchenaustritt nach. Mit anderen Worten: Die Zugehörigkeit zur Kirche ist bei fast 20 Prozent ihrer Mitglieder bedroht.
Dabei wissen wir, dass die meisten der Austretenden den Kirchenaustritt nicht leichtfertig vollziehen. Biografisch wechseln sich Zeiten der Nähe zur Kirche ab mit Zeiten stärkerer Kirchendistanz, und für viele ist der schließlich vollzogene Kirchenaustritt der letzte Akt in einem langen Prozess des Ringens um die Kirche.
Warum verabschieden sich Menschen von ihr? Vordergründig spielt das Motiv der Kirchensteuerersparnis eine große Rolle. Dahinter aber steht häufig eine emotionale und kognitive Entfremdung von der Kirche. Vielen der Austretenden ist sie gleichgültig geworden. Manche finden die Kirche unglaubwürdig. Vor allem im Osten Deutschlands sagen viele Austretende, dass sie mit dem Glauben nichts mehr anfangen können und Religion nicht brauchen. Im Westen hingegen will man trotz Kirchenaustritts oft seinen christlichen Glauben beibehalten und meint, auch ohne Kirche Christ sein zu können.
Für den Kirchenaustritt unmaßgeblich ist jedoch, ob man sich über kirchliche Stellungnahmen oder gar über den Pastor oder andere kirchliche Mitarbeiter geärgert hat. Die Erhöhung der Kirchenaustritte aus der katholischen Kirche, die wir im Augenblick beobachten, ist zwar in hohem Grade auf die Missbrauchsfälle zurückzuführen. In der evangelischen Kirche aber hat das Verhalten der Pfarrer kaum einen negativen Einfluss auf den Kirchenaustritt. Ausschlaggebend für den Kirchenaustritt ist weniger das aktuelle Handeln der Kirche als eine tief sitzende Gleichgültigkeit ihr gegenüber und oft auch gegenüber Glaubensfragen.
Sind die Menschen erst einmal aus der Kirche ausgetreten, ist es sehr schwer, sie wieder zurückzugewinnen. Die Zahl der Eintretenden macht heute noch nicht einmal ein Drittel der Austretenden aus. Nur ein Prozent der Konfessionslosen hat nach eigenem Bekunden vor, in die evangelische Kirche einzutreten.
Auch wenn die Zahl der Eintritte in die evangelische Kirche in den letzten Jahren leicht angestiegen ist und deutlich über der Zahl der Eintritte in die katholische Kirche liegt, stellen diejenigen, die zum Austritt neigen, ein weitaus größeres Potential dar, das es zurückzugewinnen oder zu halten gilt, als die kleine Schar der Konfessionslosen, die bereit sind, sich der Kirche wieder anzunähern. Mission heute hätte wohl wahrscheinlich größere Chancen, wenn sie sich weniger um die Menschen kümmerte, die außerhalb der Kirche stehen, als um diejenigen, die ihr noch angehören, aber kein Interesse mehr an ihr haben oder kein Vertrauen in sie setzen.
Was könnte die Kirche tun, um ihre Randmitglieder neu zu binden? Wahrscheinlich müsste sie sie erst einmal als eine eigene Gruppe entdecken, die der Anstrengung kirchlichen Handelns wert sind.
Detlef Pollack ist Professor für Religionssoziologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.

Kommentar schreiben

Mein Probe-Abo

Schenken Sie sich gratis zwei Wochen lang zum Kennenlernen das Kasseler Sonntagsblatt.

Jetzt anfordern