Liebe Leserinnen, liebe Leser!

01.09.2010 - 0 Kommentare

Ich entdecke mich immer mehr bei dem Gedanken, dass meine Lebenszeit begrenzt ist. Neulich bei der wunderschönen „Zauberflöte" in der Stiftsruine in Bad Hersfeld überfällt mich plötzlich die wehmütige Einsicht, wie oft werde ich so was noch sehen können. Geht es mir wie meinem Vater, der mit 63 schon der Erde Lebewohl sagen musste?

Je älter man ist, um so öfter kreisen die Gedanken um das eigene Sterben und wie es mal sein wird. Dann ist es beruhigend, denken zu dürfen: Gott wird mich verstehen, wenn ich meine, hier ist meines Bleibens nicht mehr. Wenn Schmerzen lange schon quälen, dann darf man wohl gehen, wenn man es muss.

Aber was rede ich, so geht es mir nicht. Ich fühle mich wohl, bin fit und lebe gerne noch eine Weile. Es ist eine Lust zu se-
hen, wie auch Menschen über achtzig oder neunzig am Leben hängen. Mit welcher Zähigkeit und Besitzerfreude halten sie sich fest an Haus und Garten oder ihrem Zimmer mit Aussicht und den Familienbildern an der Wand: Kinder und Enkel, wenn es gewährt war.

Vielleicht ist auch die vierte Generation im Kommen und die Taufe will man noch mitfeiern. Und die ernsten Gesichter der Ahnen starren dazu von der Wand, damals war man zumeist schwarz gewandet.

Wie klassenlos, alterslos dagegen ist man heute gekleidet. Da trägt der 74-Jährige eine grell lila Hose, der 63-Jährige eine giftgrüne, weil´s gerade modern ist. Na und! Und die Damen erst. Dank Kosmetik, flotter Farben und der Liebe schaut manche Frau aus wie ewig jung geblieben. Erlaubt ist, was gefällt. Schön zu sehen, wie sie im vorgerückten Alter die Fahrten unternehmen, für die früher Zeit oder Geld zu knapp oder zu schade waren.

Meist sind sie besser informiert als die Jungen, sie schätzen den Frieden, sie kommen aus furchtbaren Zeiten. Sie sorgen vor für hinreichende Gesundheit, sie sind schon viel älter als ihre Eltern es wurden. Sie wissen, im Leben hat alles seinen Preis.

Sie haben schon viele Abstriche gemacht, haben manche Liebe lassen müssen und immer öfter müssen sie zu Beerdigungen. Es wird einsamer um einen. Umso dankbarer gehen sie vom Friedhof, haben noch Frist und wollen die nutzen.

Beglückend die Altgewordenen, wie sie ihre Selbstständigkeit verteidigen, das mühsam Ersparte behalten und auch schenken mit leichter Hand. Sie haben gelernt, nein zu sagen, wenn es ihnen nicht passt. Sie haben genug gemusst. Sie dürfen enttäuschen. Sie fahren ihr Auto weiter mit geschärfter Aufmerksamkeit oder haben den Mut, es abzumelden. Sie führen noch den eigenen Haushalt und holen sich Hilfe nach ihrem Maß. Weise mischen sie sich nicht ein, sie gucken vom Balkon des Lebens den Jungen – hoffentlich beifällig – zu und haben ein Ohr für Klagende.

Auch wenn uns Fähigkeiten abhanden kommen, haben wir immer noch mehr Möglichkeiten, als wir verwirklichen können. Wir können Mensch sein bis zum letzten Atemzug, bis uns dann ein neues, anderes Konto Leben eröffnet wird. Aber jetzt freue ich mich erst noch am Sommer. Wer weiß, wie viele es noch sein werden.

Ihr Reinhard Heubner

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