
Segen von Gott und Allah
Kassel. Bunt und turbulent ging es zu beim Schulanfänger-Gottesdienst in der Unterneustädter Kirche. Aufgeregt schwatzend saßen die kleinen I-Männchen mit ihren Zuckertüten in den Kirchenbänken. Das wird wohl vielen Kirchen am Dienstag nach den Sommerferien nicht anders gewesen sein. Die Einschulungsfeier der Grundschule Unterneustadt war jedoch etwas ganz Besonderes. Neben der evangelischen Pfarrerin Anja Baum und der katholischen Schulseelsorgerin Petra Schwärzel gestaltete zum ersten Mal ein muslimischer Imam den Gottesdienst mit. Imam Sevket Simsek stand im hellen liturgischen Gewand am Altar. Für einen Großteil der Schulgemeinde war dies kein ungewohnter Anblick, denn der überwiegende Teil der Schüler an der Unterneustädter Grundschule muslimisch. „Es ist uns wichtig, dass wir die Religion unserer Schüler ernst nehmen", begründet Schulleiterin Margot Weidmann diese Neuerung. „Manche sind katholisch, manche evangelisch, manche sind muslimisch, manche haben gar keine und einige noch eine andere Religion. Wir alle wollen heute um den Segen Gottes bitten", begrüßte sie die bunte Schar in den Kirchenbänken. Mit einer gesungenen Sure aus dem Koran bat der Imam der Kasseler Stadtmoschee Allah für die Schulanfänger: „Gib uns viel Gutes in unserem Schulleben." Bei der Segnung der einzelnen Schulanfänger ging auch er die Runde im Kreis und wünschte den Kindern Glück. Für die muslimischen Kinder gab es zwar am Sonntag in der Moschee noch einmal eine eigene Feierstunde, aber dieser interreligiöse Gottesdienst war ein guter Schritt aufeinander zu. Imam Semsek sieht darin eine „schöne Möglichkeit, viele Kulturen zusammenzubringen". Was bei allen Kindern, egal welcher Religionen, gleich ist, ist wohl die Aufregung vor dem ersten Schultag. Im Mittelpunkt des Gottesdienstes stand passend dazu die Geschichte vom Ernst des Lebens. Der fünfjährigen Annette graut ein wenig vor dem ersten Schultag, weil alle Erwachsenen immerzu vom Ernst des Lebens sprechen, und dabei immer so grimmig gucken. Was das wohl sein mag? Ein riesiger Felsbrocken, ein Ungeheuer oder steckt er in der Zeitung? Als sie sich in der Schule dann mit ihrem Banknachbarn anfreundet, hat Annette das große Rätsel gelöst. Er heißt nämlich Ernst. Sie lädt ihn nach Hause ein und warnt die Eltern: „Heute kommt der Ernst des Lebens zu mir. Seid bloß nett zu ihm." Ein guter Freund wie Ernst hilft auf dem Weg durch das Schulleben. Pfarrerin Anja Baum versichert den Kindern: „So ein guter Freund will Gott euch auch sein." Die Kinder der zweiten und dritten Klassen schmettern gemeinsam mit ihrer Lehrerin Petra Schwärzel dazu „Gottes Liebe ist so wunderbar". Dann dürfen Sevval und Ali, Ivan und Kira und all die anderen endlich in ihre Schule, wo sie von ihren Mitschülern schon erwartet wurden. Die Zuckertüten mussten noch ein wenig warten. Britta Gutsch


