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Grenzenloses Pilgern

20.08.2010 - 0 Kommentare

Pilgern ist angesagt. Elisabeth- oder Bonifatiusweg und natürlich der berühmte Jakobsweg nach Santiago de Compostela sind attraktive Reisewege, die Jung und Alt buchstäblich auf die Beine bringen. Jetzt hatten Bischof Martin Hein, Kassel, und Kirchenpräsident Volker Jung, Darmstadt, eingeladen zum gemeinsamen Pilgern.
Es sollte eine andere Art der Nachbarschaftsbegegnung zwischen den Kirchen sein, nicht vom Telefon, vom Schreibtisch, vom Amt geprägt, sondern spirituell, geistlich. Man wählte den klassischen Bonifatiuspilgerweg, denn der geht durch beide Landeskirchen. Los ging es morgens um halb elf mit einer Andacht in Ilbeshausen auf hessen-nassauischem Gebiet.
Den Abschluss feierten abends die Pilger gut 15 Kilometer weiter an der Hessenmühle in Kleinlüder, nun aber in Kurhessen-Waldeck. Kirchenpräsident Jung sprach von gemeinsamen Wegen zwischen den Kirchen, auf denen man sich bewege. Dabei gelte es, einerseits mögliche gemeinsame Arbeitsstrukturen zu bedenken, andererseits müsse man geistlich miteinander gehen. Dazu sei der Pilgerweg zwischen „den Grenzen“ ein gutes Zeichen.
Zwar sang die große Pilgerschar in Ilbeshausen „Die güldne Sonne voll Freud und Wonne“, doch die versteckte sich an diesem Pilgertag hinter dicken Wolken. Sämtliche Schleusen waren im Vogelsberg geöffnet und man erfuhr, Pilgern ist kein Schönwetterunternehmen.
Unter den rund 60 Pilgern waren Pilgerprofis, andere „wanderten“ halt gerne mit den Kirchenchefs. Doch die merkten schnell den kleinen Unterschied zum Wandern. Nichts mit „Aus grauer Städte Mauern“. Gebete begleiteten die Gruppe. Und während man schwieg, spürte mancher, wie der Regen durch sämtliche Jacken hindurchkroch. Und während der eine nachdachte über den Sinn des Lebensweges, hoffte der andere auf eine warme Badewanne. Dabei soll Pilgern doch verbunden sein mit einem religiösen Erfahrungsgewinn. Während man also seine Gedanken schweifen lässt, schweigt und Fuß vor Fuß setzt, kommt vielleicht die Erkenntnis, dass Gott sich nicht gewaltig, sondern leise in der Pilgererfahrung des Nichts ankündigt.
Bischof Hein erinnerte in der Abendandacht an die klassische Wandergeschichte der EmmausJünger. Zwei Jünger Jesu gehen und reden miteinander. Aber der Weg alleine, das Gehen verändert nichts. Sie drehen sich quasi im Kreis. Erst als sich unverhofft ein Fremder zu ihnen gesellt und mit ihnen geht, bekommt ihr Denken und Fragen eine neue Qualität. Die eigenen Erfahrungen werden in der Begegnung, im Miteinandergehen, mit einer neuen Perspektive konfrontiert.
Schließlich am Ende des Weges teilen sie mit dem Fremden das Abendessen und erkennen, es ist Jesus selbst, der ihnen einen neuen Weg, eine neue Perspektive eröffnet. Nicht der Weg war das Ziel, sondern die Begegnung mit dem auferstandenen Christus. Schon der iro-schottische Missionar und Vorläufer des Bonifatius, also Columban, im 6. Jahrhundert meinte: „Das Ende der Straße, Gottes Ewigkeit, ist unsere wahre Heimat. Lasst uns nicht die Straße mehr lieben als das Land, zu dem sie führt.“

Dazu fehlte mir heute die Gelassenheit, es war mir zu feucht. Und ich denke an all die unzähligen Pilger, die schon auf diesem alten Bonifatiusweg entlang pilgerten. Die einen hofften auf Heilung von körperlichen und seelischen Gebrechen, anderen ging es um die Befreiung von Kirchenbußen. Wieder andere wollten von der Pilgerfahrt nicht nur geistliche Erneuerung mitbringen, sondern vor allem materiellen Gewinn, Gold und Silber. Alles längst Vergangenheit. Aber auch sie hatten die Hoffnung, wer auf Pilgerwegen wandelt, hat die Hoffnung, dass sich auch nach innen etwas verwandelt.

Reinhard Heubner

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