Naturkatastrophen

20.08.2010 - 0 Kommentare

Die Naturkatastrophen nehmen kein Ende. Russland brennt, Pakistan versinkt im Schlamm, Tausende sind obdachlos und Wassermassen haben an Oder und Neiße in Polen, Tschechien und Sachsen furchtbare Spuren hinterlassen. Mit Entsetzen sehen wir die Bilder von umherirrenden Menschen im Schlamm zwischen zerstörten Häusern.
Doch unser Erschrecken erlahmt schnell. Anders ist es, wenn man Angehörige dort hat, für die man sich verantwortlich sieht, oder gar Mann, Frau oder Eltern, die man dort vermisst. Dann muss man hin oder alle mögliche Hilfe in Bewegung setzen.
Ganz furchtbar sieht das Kloster Marienthal bei Zittau aus. Dreimal habe ich in den Klostermauern gefastet, in der renovierten Kirche meditiert, im Klostergarten an den Gräbern der Nonnen ein Gebet gesprochen und an der ruhig dahinfließenden Neiße bin ich geradelt. Trotzdem, auch wenn das Kräuterfest im Klostergarten jetzt ausfallen muss, Schwester Anna, schreibt mir, sie schaut getrost in die Zukunft. 
„Mein eigen Fleisch und Blut“ nennen wir altertümlich die Nächsten, deren Not uns so nah geht, dass sie auch unsere eigene Sache ist. Aber selbst Geschwister lassen einander hängen. Kinder drücken sich vor altgewordenen Eltern; Väter drücken sich vorm Unterhalt. Ehen laufen auseinander und teilen nicht nach Bedürftigkeit.
Es gibt viele wunderbare Menschen, die mit Mut und Tatkraft sich hinhalten oder Geld mit offenen Händen hinschicken an die Plätze der Verzweiflung. Es gibt Ärztinnen und Sanitäter, Helfende, wie die 35-Jährige aus Sachsen die als Dolmetscherin den Ärzten half Augenkrankheiten zu heilen in Afghanistan und jetzt erschossen wurde.
Die Erde wäre längst entvölkert, wenn es nicht Güte in Fülle gäbe. Bedenke nur deine eigene schlimmste Notlage. Wie kamst du da heraus, wer half dir? Wieviel Engel in Menschengestalt sprangen dir zur Seite?
Eigenartig, dass wir sofort aufzählen können, wem wir halfen, aber Menschen unsere Hilfe mit Undank quittierten. Dagegen sind die Personen, denen wir Dank schulden, uns entfallen – was zeigt: Auch die Hilfe, die wir erfuhren ist verblasst. Und warum? Warum vergessen wir gern unsere Not und die Nothelfer? Weil wir dann viel mehr Güte bringen müssten. Zur Barmherzigkeit müssen wir immer wieder bekehrt werden.
Wie sollen denn die Menschen in Pakistan, in Russland, die Haus und Hof verloren, ja auch im Kloster Marienthal, auf die Beine kommen, wenn nicht Staat und eben wir Wildfremden einspringen?
Wie mein Erdbeben aussieht – ob Unfall, Hochwasser, Schlaganfall oder Verschuldung – ich werde auf jeden Fall fremde Hilfe brauchen. Und sie wird mir zustehen, selbst wenn ich mich jetzt verhärte.
Aber ich werde Güte leichter annehmen können, wenn ich selber großzügig bin.
Reinhard Heubner

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