Ein Wiedersehen in Kanada

12.08.2010 - 0 Kommentare

Da sitzen sie wieder vor mir in den Kirchenbänken in der Kreuzgemeinde in Vancouver. Ich sehe in vertraute Gesichter.Nur älter sind Rosemarie und Rainer geworden, oder Fips und Irma. Von Irene erfahre ich, dass sie seit zwei Jahren Witwe ist. Ich weiß noch, wie  wir mit ihrem Mann Wilfried vor 37 Jahren in die Wildnis am Fraser River aufbrachen, mit Angel und Gewehr. Bären und Lachse waren unsere Begleiter.
Jetzt, vierzig Jahre später, predige ich in der Gemeinde, wo einst mein Vikariat begann. Vieles hat sich verändert. Die deutsche Gemeinde wurde kleiner. Nur noch rund achtzig Familien unterhalten Gemeinde und Pfarrerin von ihrem Kirchgeld. Um die Kirche halten zu können, hat man sich zusammengeschlossen mit einer chinesisch-lutherischen Gemeinde. Gepredigt wird seit Jahren in Englisch und nur noch einmal im Monat gibt es den deutschen Gottesdienst.
Damals hatte ich tiefschwarzes Haar und Vollbart. Heute, grau geworden, predige ich in englischer Sprache und erzähle in der Gemeindeversammlung persönliche Geschichten. Abends in Nordvancouver bei Marianne und Wayne, die ich noch im Konfirmandenunterricht hatte, schwelgen wir ein bisschen in Erinnerungen.
Am nächsten Tag meinen Rosemarie, Rainer, Fips und Irene: „Es war wie damals, so fröhlich haben wir lange nicht mehr zusammen gesessen.“ Dafür bin ich dankbar. Es war ein Geschenk, in dieser Gemeinde anfangen zu dürfen. Die Fröhlichkeit und Herzlichkeit, verbunden mit Glaubensernsthaftigkeit, und das alles getragen von zwei wunderbaren Pfarrern als Mentoren, haben mich geprägt. Bis heute. Jetzt ist auch dieser Urlaub Vergangenheit. Es bleibt der dankbare Rückblick.
Danken liegt uns doch im Blut. Du dankst doch unbewusst sicher zwanzigmal am Tag. Jedes Aufatmen ist doch ein anonymes „Lobe den Herren“, jedes behagliche Strecken ein „Nun danket alle Gott“, jedes Durchschlafen schlicht und ergreifend Gnade. Und wieder heil nach Hause zu kommen ohne schweren Unfall, ist auch nicht selbstverständlich, wenn ich von all dem Unglück höre, das sich in der Nachbarschaft zugetragen hat.
Es ist eine besondere Lebensqualität, eine besondere Farbe, ein besonderer Duft in den Beziehungen, wenn wir danken. Dann ist Grazie bei uns – Gratias heißt Dank – ist Charisma bei uns – und Charis heißt Gnade. Nichts ist selbstverständlich. Manchmal müssen das besonders die Kinder und Enkel lernen, die meinen, die Eltern und Großeltern haben es ja. Und wenn sie den Dankbrief nicht zustande bringen, dann muss man was ändern. Dank ist schließlich die Währung des Herzens.
Das Beschenktsein mit Sonne, Regen, Licht und Wärme, mit Wind und Liebe, mit Begegnungen und Stille, das macht dich reich, das Leben liebt dich. Was muss das für ein Gott sein, der uns das alles schenkt, wir sein Echo, sein Abglanz! Dank macht großmütig, Dank macht schön. Und der Schlüssel dazu heißt Demut, meint Christian Morgenstern.

Reinhard Heubner

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