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Und plötzlich sind da wieder Mönche

03.11.2017 - 0 Kommentare

Ein altes Ruderboot versinkt langsam in dem mit Seerosen bewachsenen Teich. An seinem Rand führt eine kopfsteingepflasterte Allee mit sorgsam beschnittenen Bäumen hinauf zur Klosterpforte, die vom weithin sichtbaren, gelben Kirchturm überragt wird. Die barocke Klos-
teranlage von Neuzelle, ganz im Osten Brandenburgs auf einer Anhöhe über dem Odertal gelegen, ist die perfekte Idylle. Und wie um das Bild noch perfekter zu machen, biegen um kurz vor zwölf Uhr Mittags auch noch vier Mönche um die Ecke. Sie tragen das schwarz-weiße Habit des Zisterzienserordens, jener Mönchsgemeinschaft, die vor fast 750 Jahren das Kloster begründete.

 

Doch dass Pater Simeon, Pater Kilian, Pater Philemon und Bruder Aloysius Maria nun mehrfach am Tag wieder die lateinische Stundengebete in der Brandenburger Klosterkirche anstimmen, ist nichts weniger als eine kirchenhistorische Sensation. Denn 1817 hatte der preußische Staat das Kloster Neuzelle säkularisiert. Seine Gebäude gehören heute dem Land Brandenburg – die beiden großen Kirchen, die die Klosterkirche und die ebenfalls zum Gelände gehörende Pfarrkirche heute für ihre Ortsgemeinden nutzen, sind nur Untermieter.

 

Was den katholischen Bischof von Görlitz, Wolfgang Ipolt, freilich nicht davon abhielt, Anfang des Jahres einen verwegenen Plan zu fassen: Zum 750. Jubiläum Neuzelles im kommenden Jahr sollen dort wieder Mönche leben. Er bat das als durchaus konservativ geltende, österreichische Stift Heiligenkreuz um die Entsendung von Mönchen an die Oder.

 

Und die Mönche kamen – in eine Region, in der die Christen in der absoluten Diaspora sind: Im Bundesland Brandenburg sind rund 15 Prozent der Einwohner evangelisch, rund drei Prozent katholisch. Wenn dann ein Mönch mit Ordenshabit seinen Einkaufswagen durch den Supermarkt schiebt, fällt das durchaus auf, sagt Frater Aloysius Maria. „Ich erlebe alles – vom Atheisten, der mich zwar freundlich grüßt, mir dann aber sagt, dass ihm Marx wichtiger sei, als unsere Kirche bis zum älterern Mann, der fast heimlich seinen Wagen stoppt und mir zuraunt: Schön, dass Ihr wieder da seit." Beim Einzug der Mönche in das Kloster kam sogar der Bürgermeister, Dietmar Baesler (FDP), und brachte Brot und Salz.

 

 

 

Wichtiger Wallfahrtsort

 

 

 

 

Der Görlitzer Bischof Ipolt wiederum hofft, dass es den Mönchen gelingt, das bislang vor allem als kulturellen Ort wahrgenommene Stift auch geistlich neu zu profilieren. „Ich denke, dass von den Mönchen eine Bereicherung des kirchlichen Lebens in unserem Bistum und der ganzen Region ausgehen kann."

 

Immerhin ist Neuzelle schon heute einer der wichtigsten Wallfahrtsorte der ostdeutschen Katholiken: Als es nach 1945 nicht mehr möglich war, die traditionellen schlesischen Marienwallfahrtsorte aufzusuchen, begann man in Sachsen und Brandenburg, in den westlich der Neiße gelegenen Teilen Schlesiens und den Dörfern der katholischen Sorben und Wenden der Oberlausitz, nach Neuzelle zu pilgern. Sogar ein eigenes Neuzeller Wallfahrtslied wurde gedichtet, das in jeder Zeile den Geist der Nachkriegszeit verströmt: „Maria, Mutter Friedenshort, wir kommen zu Dir in bedrängten Tagen ..."

 

Begeistert von der Ankunft der Zisterzienser ist der Unternehmer Helmut Fritsche. Gleich nach der Wiedervereinigung hat er in Neuzelle eine alte Brauerei erworben, das „Neuzeller Kloster-Bräu" ist mittlerweile auch über die Brandenburger Landesgrenzen hinaus ein Begriff. „Für uns ist das wie ein Geschenk Gottes, dass wir hier wieder Mönche haben", sagt Fritsche.

 

Der Unternehmer will die Neugründung des Klosters unterstützen: Seit Anfang September gibt es eine Sonderedition seines Bieres. Wer sie kauft, spendet zugleich 20 Cent an das katholische Bonifatiuswerk. Es unterstützt damit die Neugründung des Neuzeller Zisterzienserklosters. Dabei gehört Fritsche selbst noch nicht einmal der katholischen Kirche an.

 

Doch auch, wenn im November noch ein fünfter Mönch zur vierköpfigen Vorhut von Neuzelle stoßen soll: Noch ist die Wiederbesiedelung des Klosters nicht endgültig besiegelt. Denn im Moment wohnen die vier Mönche zusammen mit Ortspfarrer Ansgar Florian im katholischen Pfarrhaus. Alle übrigen Gebäude des Klosterstifts sind vermietet – an ein privates Gymnasium zum Beispiel. Oder sie werden von der staatlichen Stiftung für die Verwaltung der Forsten und Ländereien genutzt. Doch auf Dauer ist das Pfarrhaus schlicht zu klein. Und ob es dem Bischof und den Ordensbrüdern gelingt, etwa das ehemalige Kanzleigebäude des Klosters für das Neugründungsprojekt zu nutzen, und was dann mit den übrigen Mietern passiert, ist noch unklar. Im November soll es dazu weitere Gespräche geben. „Natürlich ist das für alle Beteiligten erst einmal sehr herausfordernd, dass hier wieder Mönche leben", sagt Pater Simeon.

 

Simeon, der im nächsten Jahr erster Prior des Klosters werden soll, ist optimistisch. „Wir denken doch, dass Gott uns hier her gesandt hat", sagt Pater Simeon. „Da kann ich mir nur schwer vorstellen, dass Gott jetzt nächstes Jahr sagt: Ätsch, das war jetzt nichts." Benjamin Lassiwe

 

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