aktuelles

Ökonomie zum Anfassen

28.03.2017 - 1 Kommentare

Vom „Playboy" bis zur Muttergottes, von der Wiesbadener Eisenbahn Gesellschaft bis zur Bagdadbahn: Im weltweit einzigartigen Museum für Urkunden der Finanz- und Wirtschaftsgeschichte im badischen Kürnbach hängen historische Aktien an der Wand. Jede einzelne erzählt eine Geschichte.

 

 

 

Lasziv räkelt sich die nackte Schönheit, schaut den Betrachter herausfordernd an. Die damals 23jährige Willy Rey war im Februar 1971 nicht nur Playmate des Jahres im Magazin „Playboy", ihr Bild prangte beim Börsengang von Playboy Enterprises Inc. wenige Monate später sogar auch auf der Unternehmensaktie mit Nennwert von 1 Dollar. „Um die freizügige Darstellung auf der Aktie gab es im prüden Amerika zunächst viel Wirbel", berichtet Professor Eckhard Wanner und wischt mit dem Finger ein wenig Staub von dem Exponat. „Heute ist die Playboy-Aktie an die 100 Euro wert", setzt der 81-Jährige hinzu und begleitet die Besucher des „Historic Actien Museums" im badischen Kürnbach bei ihrem Rundgang.

 

 

 

 

Erstaunliche

 

Wertentwicklungen

 

 

 

 

Historische Aktien sind in aller Regel entwertet. „Das heißt aber nicht, dass sie nicht gehandelt würden", erzählt der passionierte Sammler. Und der Wert nominell wertloser Aktien kann durchaus erstaunliche Entwicklungen nehmen. „Vor ein paar Jahren stiegen urplötzlich Aktien des Königreichs Westfalen von etwa 100 Euro auf das Zehnfache an", berichtet Wanner. Wie schön, dass er und seine Mitstreiter eine ganze Reihe genau dieser begehrten Wertpapiere in ihrer Sammlung fanden – und mit dem Verkaufserlös den Bestand ihres Museums auf Jahre hin sichern konnten.

 

Gehandelt werden historische Aktien heute vor allem im Internet und auf Auktionen. In den USA geht das Sammeln historischer Wertpapiere in die 1870er Jahre zurück. In Deutschland dauerte es bis in die 1960er Jahre, dass Börsianer damit anfingen, gerahmte Aktien in ihren Büros aufzuhängen. 1975 schlossen sich passionierte Sammler hierzulande zu einem Verein zusammen, um gemeinsam ihrem Hobby nachzugehen und sich gegenseitig zu unterstützen. „Zu Anfang war alles Neuland. Man wusste nicht, welche Wertpapiere zur Verfügung stehen und in welchen Mengen", berichtet Eckhardt Wanner vom Beginn seiner Sammeltätigkeit.

 

Als einer der Urväter des Vereins weist er nun auf eine Aktie mit der Nummer 19670 der „Herzogl. Nass. Concessionirte Wiesbadener Eisenbahn Gesellschaft" für damals 24 Gulden. Passenderweise ziert eine Dampflok mit Kohleanhänger das Blatt. „In der Wiesbadener Eisenbahn-Gesellschaft engagiert waren insbesondere die Bankhäuser M.A. von Rothschild und Söhne in Frankfurt am Main, De Rothschild Frères in Paris und Glyn. Mills & Co in London" erzählt Eckhard Wanner.

 

 

 

 

Ein Herz für Rockefeller

 

 

 

 

Sein Mitstreiter Joachim Wallrabenstein rahmt derweil im Nebenraum Aktien für eine geplante Ausstellung. Vorsichtig holt er sie aus den Stahlschränken. „Mein wertvollstes Papier ist eine Aktie unterzeichnet von Rockefeller John D. aus dem Jahr 1877", erklärt Aktienliebhaber Wallrabenstein und nimmt dabei vorsichtig das Wertpapier in die Hand. William Rockefeller (1841-1922) gründete zusammen mit seinem Bruder John D. sowie drei weiteren Partnern die Standard Oil Company. In den folgenden Jahrzehnten betätigte er sich aber nicht nur im Ölgeschäft, sondern wurde auch durch waghalsige Spekulationen bekannt. Im Zentrum des Wertpapiers befindet sich ein Stich des amerikanischen Kapitols in Washington, links unten steht eine leicht bekleidete Dame mit Schwert in der Hand und hält die amerikanische Fahne empor.

 

Insgesamt fünfhundert wirklich interessante Stücke, so schätzt Wanner, befinden sich im Museum. Ab und zu kommt etwas aus einem Nachlass hinzu. Interessant nennt der Fachmann zum Beispiel eine Anleihe der Bagdadbahn, die ihm während seiner Zeit als Professor der Betriebswirtschaft an der Hochschule Karlsruhe ein türkischstämmiger Student besorgt hat. „Die ist ein seltenes Stück geworden", sagt er mit Blick auf die Aktie, „die ist heute praktisch nicht mehr zu kriegen." Manche der Aktien werden von geradezu gemäldehaften Darstellungen geziert. Doch der Schein trügt. „Je schöner die Aktie, desto windiger oft die Gesellschaft", berichtet Wanner. Und fügt hinzu: „Je weiter im Süden, desto dekorativer werden die Aktien häufig." In nördlichen Ländern seien diese Art der Wertpapiere sehr sachlich gehalten – mit einer großen Ausnahme. „Ich habe in all den Jahren noch keine schwedische Aktie gesehen, die nicht schön oder gar wunderschön dekorativ gestaltet ist", erzählt Wanner. Und kommt zur nächsten Rarität. Auf dieser prangt züchtig gekleidet eine Muttergottes mit Strahlenkranzkrone und dem Christuskind auf dem Schoß, vor dem Kloster Montserrat, umringt von vier katalanischen Heiligen. Die spanische Aktie über Pesos 250 ist datiert vom 8. Februar 1759. Darunter befindet sich eine große, eindrucksvolle Ansicht des Hafens von Barcelona vom Meer aus gesehen. Galeonen, Handelsbarken und Segelschiffe schippern Richtung Hafen. Putten mit Dreizack, Weinfässchen, Trauben, Warenballen, Zitrusfrüchten und Feigen symbolisieren den Zweck der Gesellschaft. „Sie wurde 1755 gegründet mit einem Ursprungskapital von 1,0 Mio. Pesos, ausgegeben in 4?000 Aktien, gedruckt auf Kalbs-
pergament", berichtet Joachim Wallrabenstein und schiebt das Papier in einen Glasrahmen.

 

Schlicht und auf Schweinshaut gedruckt wurde dagegen eine Aktie der Stadt Florenz von 1716 mit einer Darstellung von Christus, der den Betrachtern seine Stigmata zeigt. Im Mittelalter dienten derlei Aktien als Staatsanleihen. Die Rente, die sie abwarfen, sicherte ursprünglich der Staat. Die Erträge waren meist dauernd bis zur Rückzahlung des Kapitals zugesichert.

 

Weil sich das Sammelgebiet unmöglich komplett abdecken lässt, müssen sich Liebhaber historischer Aktien spezialisieren. Beliebt ist das Sammeln bestimmter Branchen oder der Aufbau einer Ländersammlung. Eckhardt Wanner hat sich entsprechend auf Baden spezialisiert. Doch selbst dieses vermeintlich überschaubare Gebiet droht Wanner, der im baden-württembergischen Pfinztal-Berghausen wohnt, über den Kopf zu wachsen. Mittlerweile nennt er 50 wertvolle und 150 weniger wertvolle Aktien sein eigen.

 

 

 

 

Nachwuchs ungewiss

 

 

 

 

 

Neulich war eine Schulklasse zu Besuch im Museum, erzählt Wanner. Dabei hätten sich die Jungen fasziniert von den historischen Aktien des Panama-Kanals gezeigt. Tatsächlich aber sei der klassische Sammler eben kein junger Mann, sondern im Zweifelsfalls ein gutbetuchter Pensionär auf der Suche nach einem neuen Hobby. Nachwuchspflege sei schwierig – aber vielleicht nicht unmöglich. „Das setzt ja schon Kenntnisse voraus", erklärt Wanner. Vielleicht ließe sich an einem Wirtschaftsgymasium dafür rekrutieren, sinniert er. Immerhin hat Wanner in Joachim Wallrabenstein seine designierten Nachfolger gefunden und geht diesem nun beim Einrahmen der wertvollen Stücke zur Hand. Peter Beyer

 

Kommentare

Volker am 19.04.2017 - 13:27:03

Nähere Informationen zu diesem wie auch einem virtuellen Museum findet man unter https://edhac-ev.de/ Der EDHAC veranstaltet zudem am Sonntag, den 30. April 2017, in Würzburg seinen jährlichen "EDHAC-Tag". Einen Tag zuvor findet ebenfalls in Würzburg die 45./46. Auktion für Historische Wertpapiere der HWPH AG statt (weitere Informationen siehe http://hwph.de/ ).

Kommentar schreiben

Mein Probe-Abo

Schenken Sie sich gratis zwei Wochen lang zum Kennenlernen das Kasseler Sonntagsblatt.

Jetzt anfordern