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Idyll bei Kerzenlicht

02.12.2016 - 0 Kommentare

Ein altes chinesisches Sprichwort sagt: „Es ist besser, eine Kerze anzuzünden als über die große Finsternis zu jammern." Das fiel mir heute wieder ein, jetzt in der dunklen Jahreszeit, da die Tage immer kürzer werden und schon um sechs Uhr des Abends draußen vor den Fenstern meiner Wohnstube die Schwärze der Nachts das Vogelhäuschen und die Blumenkästen verhüllt.

 

So beschloss ich, erstmals die armdicke Kerze anzuzünden, die mein Enkel mir zum Geburtstag geschenkt hat und die seitdem in einer Prozellanschale auf dem Bücherregal steht. Aber zuvor hatte ich die glückliche Idee, das Fernsehgerät auszuschalten.

 

 

 

Welche Wohltat!

 

 

 

 

Das Gegröle und Getobe auf dem Bildschirm waren mit einem einzigen Knopfdruck weggewischt, friedliche Stille breitete sich aus in meinem behaglichen Heim, und mochte man auch in einem RTL-Studio in Köln Deutschland weiterhin den Superstar oder das Supertalent suchen – ich hatte Besseres zu tun, stellte die Kerze vor mir auf den Wohnzimmertisch und zündete sie an. Das Licht am Ende des Dochts flackerte kurz auf, beruhigte sich, sodass nun die stille kleine Flamme im Raum stand und auf Armeslänge ihren Schein verbreitete und, ganz anders als das Fernsehen, nicht zur Zerstreuung, sondern zur Sammlung einlud.

 

So ruhte ich bequem in meinem Sessel und sah, was im Schein der Kerze auf dem Tisch zu erkennen war: die Teekanne aus golden schimmerndem Messing, das Teeglas auf einer Untertasse und einen Teller mit einer Scheibe Christstollen. Die Katze Minou war mir auf den Schoß gesprungen und hatte es sich da bequem gemacht unter meinen streichelnden Händen, während ihr Bruder Rufus auf der obersten Plattform seines Kletterbaums lag, kurz herüberblinzelte, dann die Augen schloss und wie seine Schwester zu schnurren begann.

 

Die Stille hatte den Raum geöffnet für die Wahrnehmung des Unaufdringlichen, Leisen, dem jetzt meine ganze Aufmerksamkeit galt: Da war das Prickeln des Regens an den Fensterscheiben, ein vereinzeltes letztes Piepsen aus dem Vogelhäuschen und nun gar das gleichmäßige Aus- und Einströmen meines eigenen Atems, auf das ich sonst nie geachtet hätte.

 

Die winzigen, leisesten Geräusche waren es, die die Stille als den Grund aller Klangfiguren allererst erfahrbar machten, und ich wurde des Lauschens nicht müde.

 

In der Stille sammelten sich meine Gedanken, Erinnerungen an meine Kindheit wurden in mir wach, da ich bei meinen Großeltern im Weihnachtszimmer gespielt hatte, ich glaubte die Stimmen meiner Eltern, meiner Geschwister und Spielgefährten zu hören, die Stimmen guter Freunde, mit denen ich an ruhigen, stillen Abenden lange Gespräche geführt hatte.

 

Ganze Epochen meines Lebens zogen an meinem geistigen Auge vorbei, Rätsel, die der umgang mit anderen Menschen mir mitunter beschert hatten, schienen sich zu lösen, Gefühle der Dankbarkeit, der Freude, gar des Glücks stellten sich ein, und plötzlich war mir so zumute, als könnte ich sagen: Jetzt komme ich mit mir ins Reine.

 

Indes spürte ich ein leichtes Unbehagen, das mich nicht gänzlich zur Ruhe kommen ließ, ähnlich dem Gefühl, das Bert Brecht bei einem Gespräch über Bäume beschlich. Ich war ja nicht Robinson, war ja nicht allein in der Welt, und mir kam der Gedanke, dass das chinesische Sprichwort ja wohl nicht nur der banalen nächtlichen Finsternis galt, sondern auch im übertragenen Sinn zu verstehen sei, wenn man an die weltweite Not der Hungernden und Flüchtenden denkt.

 

Und darum werde ich der Bank morgen einen Dauerauftrag für eine monatliche Spende an das Hilfswerk der Vereinten Nationen erteilen.

 

Dies danke ich der Weisheit der Chinesen und dem winzigen Lichtschein einer Kerze.

Theodor Weißenborn

 

 

 

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