Vom kleinen Juteengel

02.12.2016 - 0 Kommentare

Beim Krippenspiel gehören sie zu den begehrten Rollen: die Engel. Sei es, weil sie nur ganz wenig Text zu sagen haben, der manchmal sogar als Lied überbracht wird, oder weil das Kostüm am meisten glitzert. In der gängigen Vorstellung macht so eine Engelsgestalt schon was her.

 

Wenn sie nicht als anmutige, mild lächelnde Wesen dargestellt werden, sieht man sie als putzige pausbackige Gesellen, die die Dekowelt in der Vorweihnachtszeit bevölkern, als gäbe es kein Halten. Die verschiedensten Varianten kann man im Schutzengelmuseum in Bretten bewundern (Lesen Sie Seite 12-13.)

 

Ganz anders kommt da der Engel meiner Kindheit daher. Ein Juteengel auf einfachem Pappuntergrund, die Haare aus gelber Wolle fest an den Kopf geklebt. Schon in meiner frühesten Erinnerung sah alles etwas verblasst aus, das grüne Kleid und das aufgemalte Gesicht. Ein Geschenk von der DDR-Verwandtschaft war er, die sich für Kaffee- und Schokoladenpakete aus dem Westen bedanken wollte.

 

Jahr für Jahr zog meine Mutter ihn aus der Weihnachtskis-
te und stellte ihn auf seinen angestammten Platz inmitten des Adventskranzes. Später umrahmten ihn auch mal Nüsse oder Weihnachtsgebäck. Immer schaute er ein wenig erstaunt in unsere Runde, als könnte er selbst nicht glauben, dass er wieder aus seiner Kiste hervorgeholt wurde. In der Hand hielt er eine kleine rote Kerze, ebenfalls aus Jute, man musste sie immer wieder ein wenig aufrichten. Irgendwann war der Engel wohl zu nahe an eine echte Kerze geraten, sein Kerzlein und seine Haare sind seitdem etwas angekokelt.

 

In die schöne glitzernde Dekowelt, die uns vielerorts entgegenstrahlt, passt dieser Engel nicht. Auch die Hirten auf den Feldern hätten sich vor diesem Wesen wohl nicht gefürchtet. Viel mehr sieht es aus wie einer von ihnen, eher unscheinbar und ein wenig runtergekommen.

 

Klar, den Engeln gebührt ein großartiger Auftritt, schließlich haben sie eine wichtige Botschaft zu verkünden. Aber mir gefällt die Vorstellung, dass auch sie ganz leise und bescheiden dahergekommen sein könnten. Gott hat sich im Jesuskind ganz klein und unscheinbar gemacht. Dazu passen Engel mit Rauschgoldhaaren und großem Pomp nicht wirklich.

 

Nur gut, dass wir nicht wissen, wie Engel aussehen. Denn so kann auch die Idee weiterleben, dass der ganz persönliche Engel vielleicht nebenan wohnt.

 

Ich freue mich auf jeden Fall schon auf den vierten Advent, wenn ich in die alte Heimat zu meinen Eltern fahre. Mein Blick wird über den Wohnzimmertisch schweifen, und wenn dort dann unser Juteengel steht, werde ich ihm zuzwinkern und von Ihnen grüßen.

 

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