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"Heimat steht in Deutschland hoch im Kurs"

02.12.2016 - 0 Kommentare

 

Ziegenhain. Kaffeeduft liegt in der Luft, alles schön dekoriert, gute Musik und anregende Gespräche. Fast schon ein wenig „heimatlich" anmutend ist das obligatorische „Frühstückstreffen für Frauen" in Ziegenhain. Wo und was „Heimat" ist, steht als Thema Im Mittelpunkt. Für die musikalische Begleitung sorgen die gebürtige Brasilianerin Priscila Wahl (Piano) und die aus Griechenland stammende Chrisoula Adler (Flöte). Für die Musikerinnen ist Heimat da, wo sie Liebe finden.

 

 

 

Heimatlos, so wie viele Menschen heutzutage sind, war Magdalena Lohrey. Eindrucksvoll und bewegend – als sei es erst gestern gewesen – schildert sie die Flucht aus Ostpreußen. Von russischen Soldaten bedroht, müssen sie und ihre neun Geschwister mit der Familie ihr Zuhause verlassen. Nur das Nötigste nehmen sie mit. Zu allem Übel geht der Vater auf der Flucht verloren, doch wie durch ein Wunder finden sie sich wieder. Vorübergehend verweilen sie in der Lüneburger Heide.

 

Kurze Zeit später wandern sie nach Kanada aus. Als Immigranten ist das Leben schwer. Sie wohnen in einem Hühnerstall und arbeiten für das tägliche Brot bei einem Erdbeerfarmer. 1973 führt Magdalena Lohreys Lebensweg nach Deutschland zurück. Ihre Heimat ist seitdem Leimsfeld. „Ich bin Gott dankbar, dass er mich so reich beschenkt", erklärt die heute 85-Jährige. Weil sie Flucht und Heimatlosigkeit selbst erlebt hat, kümmert sie sich jetzt um Flüchtlinge.

 

 

 

 

Suche nach Heimat ist so alt wie die Menschheit

 

 

 

 

Derzeit sind 65,3 Millionen Menschen aller Nationalitäten auf der Flucht. Menschen waren schon immer auf der Wanderschaft. Die Suche nach Heimat ist so alt wie die Menschheit selbst. Heimat, wo ist das? „Jeder füllt das Wort Heimat mit eigenem Inhalt. Je länger man an einem Ort verbringt, desto schwerer wird der Abschied" – das weiß Referentin Christina Ott nur allzu gut. In der DDR geboren wächst sie in einem Dorf bei Chemnitz auf. Mit ihrem Mann, einem Theologen musste sie mehrmals umziehen.

 

Orte und Menschen zu verlassen, die einem lieb und wert sind, hat sie geprägt. „Es ist die Sprache, der Dialekt, die Bäume, Berge und Täler, Flüsse und Auen, aber auch die Sinneswahrnehmung wie Gerüche, Essen, Musik – Heimat prägt", sagt sie. „Heimat stehe in Deutschland hoch im Kurs; Menschen brauchen ein Nachhausekommen."

 

Heimweh sei eine echte Krankheit erklärt die gelernte Krankenschwester. Sesshaft zu sein und ein schönes Haus zu haben, stille die Sehnsucht nach Heimat nicht, meint sie: „Heimat ist mehr bei sich selbst Zuhause sein. Sich selbst und sein Leben so anzunehmen wie es ist und nicht neidisch sein auf das Leben anderer. Wer bei sich selbst Zuhause ist, kann auch anderen ein Zuhause geben."

 

 

 

 

 

Auf andere zugehen

 

 

 

 

 

Es sei wichtig, Beziehungen zu Menschen zu pflegen, sich zu öffnen, auf andere zuzugehen. „Vielleicht ist es unsere Aufgabe, anderen ein Zuhause zu geben. Menschen, die ihr Zuhause verloren haben, die ihre Heimat verlassen mussten. Gott hat eine tiefe Sehnsucht in uns gelegt, die Sehnsucht nach dem Paradies. So wird der Wohlfühlort Heimat immer eine Sehnsucht bleiben. Gott ist der Lebensfaden, an dem wir uns orientieren können. Am Ende des Lebens gehen wir heim, heim zu Gott", resümiert die Referentin aus Schmalkalden.

 

 

Heike Knauff-Oliver

 

 

 

• Das nächstes Frühstückstreffen ist am 11. März 2017 in Ziegenhain, mit dem Thema: Ich bin nicht perfekt, was dann?

 

 

 

 

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