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Aus dem Medizinschrank des Bauern

02.06.2016 - 0 Kommentare

Der bayerische Volksarzt Max Höfler bezeichnete den auf dem Land noch heute weit verbreiteten Holunderbusch einst als „lebendige Hausapotheke des Bauern." Hippokrates nannte den „Holder" oder „Flieder" bereits 490 v. Chr. „einen bäuerlichen Medizinschrank". In Mittel- und Ostdeutschland heißt der bis zu 20 Jahre alt werdende Strauch Holunder, im Norden Flieder, in Alpenländern Holder oder Holle.

 

Lebens- und Hausbaum

 

 

 

 

 

Über Jahrhunderte hinweg verzichtete kein Bauer darauf, rund um Haus, Hof und Stall Holunderbüsche zu pflanzen. Sollte der Überlieferung nach doch der „hollunder vor die stallthür gepflanzt, das vieh vor zauberei bewahren". Die Sträucher lehnen sich vor allem an Feldscheunen an, begrenzen aber auch Feldwege und stehen neben Gedenksteinen, Kruzifixen und Bildstöcken.

 

Sambucus nigra heißt der schwarze Holunder botanisch nach dem in den unreifen Beeren enthaltenen Sambunigrin, das Blausäure abspaltet und erst durch Erhitzen der tief dunklen Beeren zerstört wird. „Jedermann hold und wohlgesonnen", wurde das Strauchgehölz dank seiner „Krafft und Wirckung" bereits in vorchristlicher Zeit als Lebens- und Hausbaum im heutigen Mitteleuropa hoch verehrt.

 

Einige Jahrzehnte hindurch geriet der zur Sonnenwende, am Johannistag im Juni in voller Blüte stehende fruchtbare Strauch in Vergessenheit, gewann aber in jüngster Zeit erneut zunehmend an Bedeutung. Man besann sich darauf, dass in Blättern, Blüten, Rinde, Wurzeln und erst recht den Beeren viele wertvolle, heilkräftige Stoffe enthalten sind, die bereits Pharmakologen und Kräuterkundige im ersten nachchristlichen Jahrhundert anzuwenden wussten.

 

Vor allem die Trugdolden mit ihren tiefschwarzen Beeren, die bei sonnigem, trockenem Wetter geerntet werden, enthalten sehr viel Vitamin C, verschiedene Mineralien wie Kalium sowie Phosphor und Kalzium als Spurenelemente. Aminosäuren und ätherische Öle steigern den Wert dieses Geißblattgewächses. Erstaunlich, was moderne Analysemethoden an den Tag brachten: In fast allen Pflanzenteilen des Holunders sind wirksame Inhaltsstoffe verborgen.

 

Älteste Nahrungs-

 

und Heilpflanze

 

 

 

 

 

Der auf dem Land oft wuchernde Holderbusch hilft vielseitig: ein Tee aus getrockneten Blüten wird angewandt bei Fieber, Halsweh, Erkältungen, Bronchitis, Akne und Blasenentzündungen; er wirkt zugleich blutreinigend, entwässernd, entschlackend, schweißtreibend und schmerzlindernd. Mus und Saft der Holunderbeeren sind ein natürliches Beruhigungsmittel. Ein Löffel Trockenbeeren – mit heißem Wasser überbrüht und gut durchgezogen – tut gut bei Infektionen der Mundhöhle. Holunderbeersaft stärkt das Immunsystem und vermag Arteriosklerose zu lindern. Ein Aufguss aus Blütendolden findet Anwendung für Umschläge bei Prellungen. Auch die gegen Neuralgien wirksame Rinde des Strauchgehölzes ist gleich mehrfach wirksam: stammaufwärts geschält, zerkleinert und getrocknet soll sie gewolltes Erbrechen bei Vergiftungen hervorrufen, stammabwärts gerebbelt und verarbeitet, kann sie abführend wirken.

 

Anspruchslos, wild wachsend, in dicken Scheindolden blühend und unzählige Beeren als Früchte tragend, verschönern Holundersträuche Steinhügel und Schuttberge. Karl-Heinz Wiedner

 

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