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Das Zillertal, Schwester Christa und ein Lied geht um die Welt

04.02.2016 - 0 Kommentare

Meine Skikarrierre begann im Jahr 1982. Begonnen hatte sie mit vielen anderen skibegeisterten Anfängern aus dem Melsunger Land in Schladming auf der Reiteralm. Sepp, ein geduldiger und begnadeter Skilehrer ließ uns acht Anfänger stundenlang Meter für Meter einen winzigen Hügel hinaufsteigen. Endlich oben angekommen, im Schweiße des Angesichts, sollten wir in der Hocke einen Pflug versuchen. Das ist so, als wenn ein Esel aufs Eis geht. Nur diesmal waren´s acht. Jedes Mal landeten wir Flachlandtiroler auf dem Hosenboden und lachten uns fröhlich an ob dieses seltsamen Sports. Was sollten wir auch machen.

 

„Skifahrn ist schön", meinte Sepp. Nach zwei Tagen hatten wir die Technik verstanden. Von nun an ging´s bergab. Ab sofort betonte Sepp nur noch die lebenswichtige Bedeutung des Talskis. „Belasten, belasten", rief er uns immer wieder zu. Richtig verstanden hab ich das bis heute nicht.

 

Mein Sohn Christian, gerade sechs geworden, besuchte derweilen bei Franz die Kinderskischule. Auch ihm war der Pflug ein Dorn im Auge. Immer ging es bei ihm geradeaus in irgendein Schneeloch. Es gab Tränen.

 

Abends an einem Hang unseres Familienhotels „Raunerhof" erbarmte sich Klaus Bonn, Teilnehmer unserer Skifreizeit, und übte mit ihm Minute um Minute. Wo elterliche Geduld längst am Ende war, arbeiteten sich die beiden weiter hoch und runter, hoch und runter. Und schafften es. Am nächsten Tag fuhr Christian mir davon. „Papa, wo bleibst du denn", ist sein Skiwort bis heute.

 

Einen Monat später versuchten wir „zwei Männer" unser Skiheil im Zillertal. Das Tal in der Nähe von Innsbruck war rund um Zell noch eine Herausforderung für uns ungeübte Skianfänger. Es gab wenige Sessellifte, also „Gondeln ohne Dach" wie unser Enkel, heute sagt. Furchtbar lange Schlepplifte transportierten uns gen himmlische Höhen. Endlich völlig durchgefroren, oben am Berg angekommen, fragte man sich jedes Mal: „Warum muss ich mir das antun."

 

Heute gibt es Sessellifte mit Heizung. So vornehm ist Ski-
transportation. Damals hatte ich also Christian an meiner Seite. „Pass schön auf und halt dich gut fest", sagte ich gerade noch, als ich aus dem Schlepplift fiel. „Papa ich warte oben auf dich", rief er mir wohlwollend zu. Leicht gesagt.

 

Ich arbeitete mich durch niedrigen Baumbestand und suchte die Piste. Das weite breite Band mit den elegant wedelnden Damen musste wohl der richtige Weg nach unten sein. Ich versuchte es nachzutun und hatte Erfolg im Fallen, Rutschen und schließlich Ankommen. Elegant ist anders. Halt nordhessisch, kann auch nicht jeder.

 

Das war mein erster Eindruck vom Zillertal. Vor lauter Schnee habe ich kaum die wunderschönen Berge wahrgenommen. Dabei haben sie so schöne Namen wie Kuhmesser oder Pfaffenbühel. Hoch hinauf auf Schusters Rappen, das kam im Herbst.

 

 

 

Grasfrosch
und Checkpoint

 

 

 

 

Da fuhren wir, also die Senioren der Gemeinden Wollrode und Körle ins Zillertal. Zu Fuß oder doch meist mit Bus bewunderten wir die Schönheit des einstmals einsamen, verlassenen Tales. Hier sagten sich Fuchs und Hase gute Nacht. Die Sennerin Anna träumte im Tal von der Sommeralm auf der´s keine Sünd geben soll und ihr Franz jodelte sehnsüchtig von des Berges Höhn. Beide wussten nicht um die wunderbare Qualität der roten Waldameise, die täglich mehr als 10000 Waldschädlinge vernichtet oder, warum der Grasfrosch die Kälte liebt. Das Wissen brachten erst die Touristen.

 

Es waren Bergsteiger, die den Fremdenverkehr seit Mitte des 19. Jahrhunderts beflügelten. Zunächst waren es einheimische Bergführer, die den Fremden auf das 2344 Meter hohe Kellerjoch begleiteten. Der LVS Checkpoint auf dem Marchkopf oder der Freeride Checkpoint auf dem Kreuzjoch zeigen deutlich, dass es wohl englische Alpinisten waren, die hier die Berge bezwungen haben. Die Nachkommen stürzen sich von hier mit Ski oder Snowboard wagenmutig in die Tiefe.

 

Gott sei Dank schufen die Zillertaler ab 1949 Schlepplifte und Gondeln. „Warum denn in die Höhe kraxeln, wenn´s auch einfacher geht", sagen sich seitdem Hunderttausende von begeisterten Skifahren im Zillertal. Der Zillertaler Superskipass macht´s möglich.

 

 

 

Hüttenzauber

 

 

 

 

Freundliche Damen an den Talstationen geben Rat, welche Karte man braucht, um in einem der „schönsten Skigebiete der Welt", so Kati in der Talstation, seine Schwünge zu drehen. Damit die Ski, der Helm, die Schuhe und die Stöcke nicht zu schwer werden, führt der Weg zur Gondel über Rolltreppen. Eine echte Hilfe! In der Talstation in Zell am Ziller wähnt man sich fast wie auf dem Salzburger Flughafen, so edel schaut´s da aus. Nur schade, dass bei allem Fortschritt der Schnee im Tal einfach nicht fallen wollte. Das Tal bleibt grün, die Höhe weiß. Da helfen schöpferisch unzählige Schneekanonen, die permanent Kunstschnee in die Luft wirbeln.

 

Doch was nützt das alles, wenn die Sonne nicht scheint, und Wolken und Nebel auf Berges Höhen nicht weichen wollen. Man sieht nichts, trotz guter Skibrille. Der Skipass ist teuer, und bezahlt ist bezahlt, also wird gefahren. Ich gleite die blaue, leichte Piste ganz vorsichtig hinunter. Zwischendurch schaue ich glücklich, ob die „bessere Hälfte" es ebenfalls schafft. Unten angekommen, geht´s natürlich wieder mit der Gondel hoch. Nach einer halben Abfahrt wartet kurz vor der Mittelstation eine Rast in der Skihütte am Spieljoch.

 

Eine gute Wahl. Der Wirt spendiert eine Lokalrunde leckeren Obstlers und beehrt die Damen mit selbst gebastelten weißen Rosen aus Servietten. Dazu singt er schmachtend zu den Damen das Lied von den weiße Rosen. Jetzt bin ich sicher, „Zillertal, du bist mei Freud." Dabei hat wirklich die Musik das Tal berühmt gemacht. Kein Haus oder Gasthaus, in dem nicht irgendeiner Zitter oder Hackbrett spielt. Die Damen, hübsch gewandet im Dirndl, die Herren in Lederhose mit Hut und Gamsbart, singen dazu von Heimat, Bergen, Luft und Liebe.

 

 

 

Graf Dönhoff
und Schwester Christa

 

 

 

 

 

Nun begab es sich, dass meine Frau und ich nach erfolgreichem Skitag ein wenig durch Fügen schlenderten. Quasi als „Apres-Ski" besuchten wir das alte Schloss direkt neben Kirche und Pfarrhaus. Die berühmte Johann Holzmeister-Krippe sei noch zu bewundern, las ich am Eingang. Gesagt, getan. Nur wer schließt uns den Raum auf?

 

Das tat Schwester Christa Maria. Sie gehört zum Orden „Seraphisches Liebeswerk der Kapuziner" und ist mit verantwortlich für die Arbeit im ehemaligen Schloss, das heute einen Kindergarten und eine Schule beherbergt. Die Begegnung mit ihr war ein wirkliches Geschenk. Mit ganz viel Zeit und Hingebung erzählte sie uns die Geschichte des Schlosses und der wunderbaren Krippe. „Kriege und Vertreibungen hat die Krippe überstanden. Heute ist sie für uns im Religionsunterricht für die Jungen und Mädchen das beste Anschauungsmaterial. Das verstehen die Kinder. Und was heute unsere Kapelle ist, war einst der Empfangssaal der Schlossherren, des Grafen Dönhoff", berichtet Schwester Christa Maria.

 

Während wir uns weiter von der so noch nie gesehenen Schönheit und Botschaft der Krippe verzaubern ließen, erzählt Schwester Christa Maria von einem weiteren Wunder. „Wissen Sie eigentlich, dass von diesem Festsaal das Lied „Stille Nacht, heilige Nacht" seinen Siegeszug um die Welt angetreten hat? Und das kam so."

 

Es war im Frühjahr 1819. Da machte sich der Orgelbauer Karl Mauracher, ein – wie es auf seinem Grabstein steht – edler, tugendhafter Mann, von Fügen aus auf den Weg nach Oberndorf. Er wollte die verstummte Orgel in der St.-Nicola-Kirche, die Mäuse hatten die Blasbälge angefressen, wieder reparieren. Nach vollbrachter Arbeit lud der Orgelbauer den Organisten dieser Kirche, den Lehrer Franz Xaver Gruber, ein, sich von der Klangreinheit des Instrumentes zu überzeugen. Mauracher bediente dabei die Blasbälge. Gruber spielte eine Zeitlang auf der Orgel, dann stimmte er sein neues Lied „Stille Nacht, heilige Nacht" an. Der Orgelbauer horchte auf und wusste, das wird das schönste Lied am Heiligen Abend.

 

Zu dieser Zeit lebte im Schloss zu Fügen Graf Ludwig Dönhoff (1773-1838). Er stand bei Kaiser Franz I. und beim Wiener Hof in hohem Ansehen.

 

Unweit des Schlosses wohnte die Sängerfamilie Maria, Felix, Franz, Anton und Joseph Rainer, ferner einige Orte von Fügen entfernt, und zwar in Laimach, lebten die „Vier Strasser Geschwister": Anna, Joseph, Amalia und Karolina. Diese Familien Rainer und Strasser prägten das Sangesleben im Zillertal rund um Fügen. Natürlich sangen sie Weihnachten 1819 zur Christmette in der Pfarrkirche zu Fügen das Lied „Stille Nacht, heilige Nacht!" Dieser Mette wohnte damals Graf Dönhoff bei. Er war wie alle Kirchenbesucher gerührt und bewegt von der Schönheit des neuen Weihnachtsliedes. „Wenn der Kaiser wieder nach Fügen kommt, dann muss er das Lied hören", meinte der Graf zu den Sängern.

 

 

 

Kaiserlicher Besuch

 

 

 

 

Kaiser Franz I. war viel auf Reisen. Wenn seine Fahrt durch Tirol ging, pflegte er Graf Dönhoff aufzusuchen. So auch im Jahr 1822. Auf der Rückreise aus Verona kehrte er ein im Fügener Schloss. In seiner Begleitung war der russische Zar Alexander I. „Den Herrschaften werde ich etwas ganz Besonderes bieten", sagte sich Graf Dönhoff. Vor dem Eintreffen der Majestäten ließ der Graf die Sänger zu sich kommen und verständigte sie, dass er es ihnen ermöglichen wolle, vor den hohen Gästen zu singen.

 

Wohl waren die Familien über diese große Auszeichnung beglückt, doch fühlten sie sich etwas befangen dabei. Deshalb baten sie den Grafen, hinter einem Vorhang singen zu dürfen. Graf Dönhoff erheiterte dieser Antrag der Sänger und er willigte ein. Die Majestäten amüsierten sich darüber köstlich. Als aber das Lied „Stille Nacht, heilige Nacht" erklang, da ward es ganz still im Kaisersaal des Schlosses geworden. Der Zar selbst holte nach dem Vortrag die Sänger hinter dem Vorhang hervor, beglückwünschte sie zum schönen Gesang und lud sie nach Petersburg ein.

 

So bahnte der Graf den Sängerfamilien als erster den Weg zu einer großen Sängerreise, die diese Tiroler Minnesänger durch ganz Europa führte. Sie sangen an Höfen, wurden von Königin Viktoria und Napoleon III. empfangen und machten selbst Goethe ihre Aufwartung. Vor Weihnachten 1839 landeten sie sogar in New York und sangen zum ersten Mal in der neuen Welt: „Stille Nacht, heilige Nacht!"

 

Ein Bruder der Rainersänger, der in Leipzig als Viehhändler tätig war, legte im Jahre 1831 den Zillertaler Sängern nahe, den Weihnachtsmarkt in Leipzig aufzusuchen. Im Leipziger Tagblatt war das Kommen der Sänger ganz groß annonciert. Und diese Zillertaler Sänger, die vor der Bude ihre Heimatlieder vortrugen, erregten gewaltiges Aufsehen in der Stadt. Vor der Schlosskapelle zur Pleissenburg sangen sie endlich einer großen Menschenmenge das Lied „Stille Nacht, heilige Nacht!" vor.

 

Das Lied hatte die Herzen aller im Sturm erobert. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Kunde in der Stadt über diese himmlische Weise. Der Organist der Schlosskapelle, Lehrer Franz Alscher, erzählte vom Lied dem Pfarrherrn, Dr. Müller. Dieser berichtete dem König von Sachsen davon. So kam es, dass man die Sänger einlud, zur Weihnachtsmette das Lied in der Schlosskapelle zu singen.

 

In den nächsten Jahren traten sie in Berlin auf. Der Preußenkönig, Wilhelm IV, fand diese Weise so entzückend, dass ihm diese zur Weihnachtszeit von seinem Domchor immer wieder vorgetragen werden musste. Nun erst erschien das Lied in Druck.

 

Gott sei Dank gibt es Schwester Christa Maria im Schloss. Ohne sie hätten wir das alles nicht gewusst.

 

Reinhard Heubner

 

 

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