Alles hat seine Zeit
Ich möchte Sie heute schon einmal warnen. Gerade erreichte die Redaktion die erste Werbung für Schoko-Adventskalender. Ich möchte nicht, dass Sie unvorbereitet sind, wenn Sie sommerlich bekleidet, ein wenig verschwitzt beim Grillfleischeinkauf auf die erste Schar von Weihnachtsmännern und Spekulatius treffen. Man kann die kritischen Stimmen über den frühen Aufmarsch der Schoko-Kollegen wie jedes Jahr bereits erahnen. An dem Rhythmus des Einzelhandels wird das nichts ändern. Hängen in den Geschäften zwischen den letzten Sommerröcken doch auch schon längst dicke Fleecepullis. Einen richtigen Sommerschlussverkauf mit Schlangen vor den Türen und Gedränge an den Wühltischen gibt es nicht mehr, seitdem das Rabattgesetz gefallen ist. Schade eigentlich! Uns Kunden wurde dadurch ein Höhepunkt der Schnäppchenjagd genommen. Tiefstpreise gibt es angeblich das ganze Jahr, Dominosteine schmecken am besten frisch im September und der Osterschmuck kommt direkt nach den Weihnachtskugeln dran. Das Jahr droht zu verwässern. So wie wir jederzeit an Obst und Gemüse aus aller Herren Länder gelangen, greifen wir uns aus der Kiste der Bräuche und Rituale, das, wonach uns gerade zumute ist. So hat der Spielkreis, in den eine Bekannte mit ihrer Tochter geht, einfach am Aschermittwoch Karneval gefeiert, weil vorher kein Termin gefunden werden konnte. „Die Kinder wissen doch eh nichts davon", lautete die Ausrede. Durch solche Beliebigkeit wird der Alltag gleichförmig. Gleichzeitig locken Veranstalter mit hohem Werbeaufkommen zu immer größeren Veranstaltungen, die sie als Höhepunkte des Jahres anpreisen. Unvergessliche Erlebnisse und einmalige Events, auf die die Teilnehmer noch lange zurückblicken können. Wie viel weniger Aufwand benötigt es, sich seine eigenen Höhepunkte zu schaffen. Indem wir bewusst durch das Jahr gehen. Persönliche Lebensereignisse wie Geburtstage, Hochzeitstage sind genauso Taktgeber wie die kirchlichen Feste. Mit Kindern oder Enkeln kann man das besonders gut wieder neu erfahren.Das Staunen über den ersten Schnee, die Freude über den Nikolausstiefel und das quietschende Vergnügen auf der Wasserrutsche hat alles seine Zeit. Nicht nur aus ökologischen Gründen ist es gut, sich beim Einkauf an die Erntezeiten der regionalen Früchte zu halten. Wie gut schmeckt eine blutrote Kirsche, wenn man ein ganzes Jahr wieder auf diesen Genuss gewartet hat? Vorfreude ist bekanntlich die schönste Freude. Es ist etwas mühsam sich gegen die Angebote des Handels und die Meinung einiger Zeitgenossen zu behaupten. Aber es lohnt sich, noch drei Monate an den Spekulatius vorbeizumarschieren. Im Kerzenschein schmecken sie tausendmal besser als bei 28 Grad im Schatten. Jetzt ist erst mal noch der Sommer dran, der uns dieses Jahr so lange hat warten lassen. Die ersten Zwetschen sind reif und gehören auf einen leckeren Kuchen – den Kampf mit den lästigen Wespen inklusive. Britta Gutsch


