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Beten in 140 Zeichen

13.11.2015 - 0 Kommentare

Wer am Abend gegen 21 Uhr im sozialen Netzwerk Twitter unterwegs ist, kann neben viel Information, vielen mehr oder weniger humorvollen Kurznachrichten und manchem tiefen Gefühlsausdruck auch auf Nachrichten wie diese treffen: „Ein herzliches Willkommen allen Mitbetenden bei der #twomplet, wo auch immer ihr gerade seid."

 

Geht man diesen Spuren des Christentums im weltweiten Netz nach, stößt man auf die „Twomplet". Allabendlich „treffen" sich hier Menschen mit sehr unterschiedlichen konfessionellen Hintergründen und Frömmigkeitsstufen zu einem gemeinsamen, ungefähr halbstündigen Abendgebet. Die Bezeichnung Twomplet ist eine Verbindung aus Twitter und dem Abendgebet Komplet.

 

 

 

Glauben virtuell leben

 

 

 

 

Beten auf Twitter, in 140 Zeichen. Das scheint ein Widerspruch in sich zu sein, zumal die sogenannten „sozialen Netzwerke" eher im Ruf stehen, Menschen zu vereinzeln, ihnen ein im wahrsten Wortsinn „atemberaubendes" Tempo aufzuzwingen. Doch neben Politikern, Zeitungsverlagen, Journalisten nutzen auch viele sehr unterschiedliche Menschen die Plattform Twitter – einfach weil es ihnen Freude macht. Unter ihnen finden sich viele Christen, die ihren Glauben auch virtuell leben.

 

Begonnen hat das gemeinsame Abendgebet auf Twitter Anfang 2014. Auf Initiative des katholischen Abiturienten Benedikt Heider (@_DerHeidi_) fanden sich Menschen zusammen, die den Tag mit einem gemeinsamen Gebet beschließen wollten. Mittlerweile hat die Twomplet, die unter dem Begriff @twomplet oder #twomplet leicht aufzufinden ist, mehr als 1000 so genannte „Follower".

 

Nicht alle, die der Twomplet folgen, beteiligen sich an jedem Abend aktiv am Gebet, aber es ist doch bemerkenswert, wie groß das Interesse an Gemeinschaft und am Gebet auch in den Weiten des virtuellen Netzes offensichtlich ist.

 

Der Ablauf des Gebets wird jeweils durch einen Vorbeter oder eine Vorbeterin vorgegeben. Einige Elemente wie das Psalmgebet, das Vaterunser, der Segen am Schluss und die Fürbitten, die für eine traditionelle Komplet eigentlich eher untypisch sind, finden sich an jedem Abend, während anderes dem Gestaltungswillen des Vorbetenden überlassen ist. Oft werden auch musikalische Atempausen eingebaut, die sich auf Plattformen wie youtube sehr einfach finden lassen.

 

 

 

 

 

 

 

Beteiligen kann sich jeder, der möchte. Es können eigene Gebetsanliegen formuliert werden oder es kann kommentiert werden. Viele beten still mit und setzen gelegentlich ein Sternchen, um ihre Anwesenheit zu signalisieren.

 

Ich habe die Twomplet für mich entdeckt, als ich während einer Krankheit begann, mich auch aus Langeweile intensiver mit Twitter zu beschäftigen. Damals konnte ich mir noch nicht richtig vorstellen, wie ein Gebet in 140 Zeichen funktionieren kann. Mittlerweile beteilige ich mich recht regelmäßig auch als Vorbeterin mitgestaltend an den Gebeten. Mein „Markenzeichen" ist dabei die Friedenskerze von „Gewaltfrei handeln e.V.".

 

 

 

Atempause im Alltag

 

 

 

 

Oft ist die Twomplet für mich nach Feierabend die Atempause, die mir hilft, ein manchmal aufreibendes „Real Life" zu verarbeiten. Und es ist erstaunlich, was für spannende und bereichernde Kontakte sich mittlerweile durch die Twomplet schon ergeben haben. Einige der Menschen, die sich hinter Twitternamen verbergen habe ich mittlerweile auch schon persönlich kennen lernen dürfen. Eine erste Hochzeit hat die Twomplet-Gemeinde auch schon mitfeiern dürfen: Anfang September haben sich zwei Menschen, die sich über das gemeinsame Gebet kennen gelernt haben, das Ja-Wort gegeben.

 

 

 

 

 

Wie in allen anderen Gemeinschaften, so menschelt es auch bei Twomplet. Ansonsten funktioniert Twomplet so, wie es im Matthäus-Evangelium geschrieben steht: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind …". Für mich ist das virtuelle Gebet kein Ersatz für einen Gottesdienst von Angesicht zu Angesicht, im Idealfall mit „meiner" Gemeinde, aber eine Ergänzung ist es durchaus. Ute Janßen

 

 

 

 

 

 

 

 

Information: Das Internet bietet einige Gebetsplattformen, unter anderem www.amen.de

Ein interessanter Artikel zum Thema: https://www.ekd.de/synode2014/schwerpunktthema/lesebuch/online_statt_in_der_kammer_beten.php

 

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