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Das Paradies der Ausgestoßenen

21.08.2015 - 0 Kommentare

Bis vor kurzem sah der Garten von Markus Gastl aus wie ein Recyclinghof für Baustoffe. Aber der Franke will damit nicht seine Nachbarn ärgern, sondern die Vielfalt heimischer Pflanzen und Insekten retten – ein bisschen zumindest.

 

Markus Gastl grinst. „Die Nachbarn dachten wohl: jetzt spinnt der total." Die Grünfut-terwiese hinter Gastls Haus galt schließlich als eine der besten in Beyerberg, einem verschlafenen Dorf in Mittelfranken, nahe dem bekannten Hesselberg. Doch was tut Gastl, nachdem er gemeinsam mit seiner Frau Lisa Haus und Grundstück vor rund vier Jahren erwirbt? Er lässt fast die gesamte Humusschicht abtragen. 35 Lkw-Ladungen besten Wiesenhumus. „Die Schicht war zwanzig bis dreißig Zentimeter dick, den Humus habe ich einfach verschenkt." Gastls Augen funkeln herausfordernd.

 

Anstelle des Humus hat er 250 Tonnen Kalkschotter, 24 Lkw his-
torischen Bauschutt und 12 Lkw Sand auf das 6000 Quadratmeter große Grundstück fahren lassen. „Ich will Vielfalt schaffen", sagt der 43-Jährige.

 

Vielfalt? Auf Sand und Bauschutt? „Vielfalt braucht mageren Boden." Markus Gastl zeigt über seinen Garten. Der blüht in allen Farben: Taubenkopf, rote Lichtnelke, Klatschmohn, Hasenklee, Ackerrittersporn, Kamille, Natternkopf, Scharfgarbe, Braunelle, Flockenblume. Fast 350 verschiedene Pflanzen-Arten wachsen auf dem Grundstück. Das lockt allerlei Getier an. Falter flattern im Licht der Morgensonne, die die Regentropfen der letzten Nacht von den Blättern trocknet. Es quakt und zwit-schert, vor allem aber summt es in den verschiedensten Tönen. Als liefe irgendwo eine Formel-Eins-Übertragung. Mindestens dreißig Wildbienen- und Wespenarten und 25 Tagfalter-Arten bevölkern Gastls Grundstück.

 

„Trockene Flächen auf mageren Substraten weisen die höchste Biodiversität bei Blühpflanzen und Insekten auf", sagt er. Die Erklärung dafür hat etwas mit der Konkurrenz der Pflanzen um Nährstoffe zu tun. Alle Pflanzen versuchen, sich dort anzusiedeln, wo sie diese am leichtesten bekommen. An den gutversorgten Plätzen ist der Kampf um die Vorherrschaft jedoch hart. Verlierer sind die zarten, langsam wachsenden Pflanzen. Sie entwickeln nur wenige Samen, keine Ableger oder bilden nur schwache Wurzeln aus. Ganz anders die sogenannten Stickstoffzeiger-Pflanzen, wie etwa Löwenzahn oder der Krause Ampfer. Sie dominieren die satten, nährstoffreichen Standorte. Daran haben sich die bunten Blumen und zarten Pflanzen im Laufe der Evolution angepasst und sind in ihrer Vielfalt auf die schlechten Plätze ausgewichen. Dort wiederum bieten sie Nahrung und Lebensraum für unterschiedlichste Insekten und Kleintiere.

 

Doch diese schlechten Plätze gehören zu den bedrohtesten Ökosystemen überhaupt. Zersiedelung und intensive Land- und Forstwirtschaft verdrängen diese Flächen, die vordergründig betrachtet keinen Nutzen haben. „Das Ergebnis können wir jedes Jahr im Mai bewundern: wohin man schaut gelb blühende Fettwiesen." Markus Gastl schüttelt angewidert den Kopf. Platz für magere Standorte gibt es nur noch an Straßenrändern, Sandgruben, Schutthaufen oder auf aufgelassenen Gewerbehöfen. „Das sind die Paradiese der Ausgestoßenen, wo das Leben explodiert."

 

 

 

 

Bauschutt und Totholz

 

 

 

Markus Gastl hat genau so ein Paradies in seinem Garten geschaffen. Wie mit dem Lineal gezogen verläuft die Grenze zur Nachbarwiese, die gegen den wilden Garten wie eine grüne Wüste wirkt.

 

Aber Markus Gastl betreibt sein Biotop nicht, um die Nachbarn zu ärgern. Auch wenn die Haufen mit Findsteinen, zerstoßene Ziegeln und Kies, die Mauer und Betonbrocken oder Stöße mit Reisig und Totholz das zunächst vermuten lassen könnten. Unter anderem hat er den Schutt einer ganzen historischen Scheune auf sein Grundstück abladen lassen.

 

Stunden und Tage lang hat er Ziegel oder Kalksteine zertrümmert, aufgeschichtet, angeordnet, hat Drainagen und Tümpel gebaut und so Unterschlupfplätze und Nistmöglichkeiten geschaffen. Gerade hat Markus Gastl auf einer Straßenbaustelle eine ganze Ladung Wurzelstöcke ergattert. „Unter den Wurzelstöcken bildet sich trockener und geschützter Raum, der von verschiedenen Käferarten gebraucht wird", erklärt er. „All die-
se Dinge verschwinden aus der Landschaft, doch für eine unglaubliche Vielzahl an Pflanzen und Tiere sind sie sehr wichtig."

 

Wildbienen brüten in sandigen Böden. Einige Wespenarten in Totholz. Der Marienkäfer überwintert in Holzspalten und muss im Frühjahr Blattläuse vorfinden. „Die gibt es nicht, wo alles totgespritzt ist." Markus Gastl versucht eine möglichst breite Palette Lebensräume und Nahrung anzubieten.

 

Insekten benötigen auf engstem Raum und in einem kleinen Zeitfenster unterschiedlichste Bedingungen. Die schwarzgelb gestreifte Wollbiene zum Beispeil ernährt sich von dem Nektar der gelb blühenden Felsenfetthenne oder des dickblättrigen Hauswurzes. Um ihr Nest in Steinschlitzen zu bauen, schabt sie aber die wolligen Fasern der Königskerze ab. Alle diese Parameter müssen auf vielleicht zwanzig Quadratmetern stimmen, da die maximale Flugstrecke der Wollbiene nicht länger als fünfzig Meter ist. „Fehlt nur einer der Parameter, hat das Tier keine Chance."

 

Bereits als Kind hat Markus Gastl sich für die Natur begeistert. „Wenn ich als Bub genervt hab’, hat Mutter mich vor einen Ameisenhaufen gesetzt und es war Ruhe", erzählt er in der Stube des alten Bauernhauses mit den knarrenden Holzdielen.

 

Lisa und Markus Gastl sind sieben Jahren lang um die Welt gereist, überwiegend mit dem Fahrrad. Dafür hatte Gastl sein Geographiestudium abgebrochen, trotz einem Einser im Vordiplom. „Ich hatte nie etwas von dem in Natura gesehen, was ich in Geographie studierte." Die Schönheit Indiens, Alaskas oder Feuerlands – das hat Gastl fasziniert. Die fortgeschrittene Zerstörung der Natur tief schockiert.

 

 

 

 

Der Natur etwas
zurückgeben

 

 

 

Zurück in Deutschland wollte er sein Leben ändern und der Natur etwas zurückgeben. Wenige Schichtdienste pro Monat in der Intensivpflege sichern dem gelernten Krankpfleger den spartanischen Unterhalt. Die meiste Zeit arbeitet er in seinem ‚Hortus Insectorum’.

 

„Alle wollen den Orang Utan, die Wale oder bestenfalls noch die Honigbiene retten – aber wer kümmert sich um die Artenvielfalt heimischer Insekten?" Erst verschwinden die mageren Böden, dann die wilden Blumen, in Folge die Insekten und alle die Lebewesen, die von ihnen abhängig sind. Auch die Existenz der Menschen hängt an der Leistung der Insekten: Nicht nur die Honigbiene sorgt mit ihrer Bestäubung für einen Großteil unserer pflanzlichen Nahrung.

 

Immer mehr Besucher kommen zu seinen Führungen durch den ‚Hortus Insectorum’, Obst- und Gartenbauvereine, Schulklassen oder Esoterikseminare. „Die sind alle immer sehr erstaunt, dass es in in Deutschland alleine 175 verschiedene Tagfalterarten gibt."

 

Vor allem in seiner direkten Umgebung stößt er häufig auf Unverständnis. „Wenn die Leute hören, dass ich 3000 Euro in Blumenzwiebeln investiert habe, kriegen sie den Mund nicht wieder zu", seufzt er. „Gibt man das für einen Plasmabildschirm aus, findet das jeder normal."

 

Den Mut aber verliert Markus Gastl deswegen nicht. Dazu ist er zu eigenwillig. Und der festen Überzeugung, dass es ein anderes Gartenleben gibt. Dass es um mehr geht, als jedes Frühjahr Geranien im Sonderangebot des nächsten Baumarkts zu kaufen.

 

 

Klaus Sieg

 

 

 

 

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