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Eine Brücke aus Kreuzen und Rosen

09.07.2015 - 0 Kommentare

 

Aarbergen/Haltern. Der Schweiß rinnt in Strömen an den 1100 Grad heißen Schmiedefeuern. Es herrscht ein emsiges Treiben in der Schmiede von Rüdiger Schwenk. Überall werden Eisen gebogen, glühendes Eisen geplättet oder über speziellen Vorrichtungen Kerben in das Metall hineingeschlagen. Dabei müssen die Männer ungeheuer aufpassen, dass sie niemanden mit dem rot glühenden Metall berühren, das da durch die Werkstatt zum Amboss getragen wird.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zehn Menschen arbeiten unter der Anleitung des Aarbergener „Schmiede-Meisters" Rüdiger Schwenk in der großen Werkstatt am Rande von Kettenbach. Darunter sind auch zwei Pfarrer aus der Region: Dr. Heiko Wulfert und Stefan Comes.

 

Für Stefan Comes ist es das ers-
te Mal, dass er schmiedet. Und schon nach zwei Stunden spürt er die ungewohnte schwere körperliche Arbeit in den Knochen. „Ich bin jetzt schon fertig, aber es ist cool", sagt er und betrachtet seine Blasen an den Fingern.

 

Man kann auch schnell etwas falsch machen, erklärt der Pfarrer aus Aarbergen-Michelbach. Entweder ist das Eisen zu kalt, dann kann man es nicht richtig behauen. Oder man könne es auch zu heiß werden lassen, „dann brennt es wie eine Wunderkerze, das ist mir vorhin gerade passiert", sagt Comes.

 

 

 

 

Momente des Glücks

 

 

 

 

„Die Arbeit setzt Glückshormone frei", sagt Pfarrer Heiko Wulfert lachend. Er hat schon öfter mit Konfirmanden in der Schmiede gestanden und weiß, dass ihm dann die Arme am Abend gehörig wehtun werden. „Und oberhalb des Handschuhs wird es richtig heiß", sagt er, als er am Feuer steht und sein nächstes Kreuzeisen auf Temperatur bringt. An einem Tag werden etwa 250 Kilo Kohle gebraucht, um die Feuer am laufen und auf Temperatur zu halten, berichtet Pfarrer Wulfert.

 

 

 

 

 

 

 

Schon seit Tagen sind Rüdiger Schwenk und seine Assistenten am Vorbereiten und am Arbeiten. Am Ende wird eine Brücke mit 16 kleinen Kreuzen und zwei großen Kreuzen entstehen in deren Mitte eine Rose blüht. Alles aus Handarbeit geschmie-det. So entsteht eine 80 Kilo schwere Brücke, die der Schule aus Haltern geschenkt wird. Ein Symbol und Mahnmal für die 16 Schüler und ihre zwei Lehrer, die beim Germanwings-Absturz im März dieses Jahres zu Tode kamen.

 

Die Kreuze lässt Schwenk aus insgesamt 120 Meter langen Flacheisen aus einem Stück schmieden. Sie werden geschnitten, gebogen, gespalten und behauen, so dass etwa 30 Zentimeter lange Kreuze mit einem Loch in der Mitte entstehen. In dieses Loch kommen Rosen, ebenfalls gefertigt in der Schmiede-Werkstatt.

 

„Das sind die christlichen Symbole für Tod und Auferstehung", erklärt Rüdiger Schwenk. Die Rosen werden gerade vorbereitet, Kerben in ein dünneres Eisen geschlagen, das man später dann weiter bearbeiten wird, bis eine wunderschöne und filigrane Rose entsteht.

 

 

 

 

Alles ist Handarbeit

 

 

 

 

Auf einer Schraubstock-Vorrichtung werden insgesamt 132 Eisen zu Brücken gebogen. Auch diese Vorrichtung hat Schwenk in vier Stunden Arbeit extra für das Projekt gebaut. Sein Anspruch: keine Maschinenarbeit, alles ist ausschließlich von Hand gefertigt.

 

Alleine der Schraubstock wiegt 370 Kilogramm erklärt Rüdiger Schenk. Die 132 Brückensegmente und 18 Kreuze stehen symbolisch für die 150 Opfer des Flugzeugunglücks der Germanwings-Maschine. Gut 200 Stunden werden Schwenk und seine Mitstreiter dann an dem Kunstwerk gearbeitet haben, wenn alles fertig ist.

 

Rüdiger Schwenk, der auch noch Europas einziger Hummelzüchter ist, ist eigentlich gelernter Elektroingenieur. Aber er hat das Schmieden von einem Schmiedemeister von der Pike auf gelernt. Und er muss es auch im Blut haben, denn schon sein Großvater war einst Schmied. Die Werkstatt hat er als Schulungswerkstatt angelegt. Zehn Ambosse stehen darin.

 

„Wir nennen ihn liebevoll den Daniel Düsentrieb von Aarbergen", sagt Wulfert verschmitzt, da Schwenk auch noch von ihm patentierte Gesundheitsprodukte verkauft. Und fügt Wulfert hinzu: „Das Mittagessen bei den Schmiede-Aktionen kocht er auch noch selbst und zwar richtig gut."

 

 

Christian Weise

 

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